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Bin ich schön?
SCHÖNHEIT Gerade ist das Buch "Metamorphosen der Schönheit" von Otto Penz erschienen. Mit dem "Falter" sprach der Kulturwissenschaftler über halb nackt posierende Wiener Feuerwehrmänner, gutes Aussehen als Statussymbol und mediale Ikonen. CHRISTOPHER WURMDOBLER (E-Mail: wurmdobler@falter.at)


Falter 45 Originaltext aus Falter 45/01 vom 07.11.2001

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Wer sagt, was schön ist? Gibt es allgemein gültige Ideale? Und wie haben sich Begriffe von Körperlichkeit und Schönheit angesichts gesellschaftlicher Veränderungen gewandelt? Der Wiener Otto Penz, Jahrgang 1955, ist Professor für Soziologie an der Universität Calgary und lehrt an der WU Wien, der Uni Graz und der Universität für angewandte Kunst. Das Interesse an seinen Vorträgen zu kultursoziologischen Themen wie Sport, Freizeit, Konsum oder Körper ist groß. "Ich bin ja keine Berühmtheit", sagt er, "aber beim Thema Schönheit ist die Bude voll." Soeben ist sein Buch "Metamorphosen der Schönheit" zur "Kulturgeschichte moderner Körperlichkeit" erschienen.

Falter: Vergangene Woche präsentierten Wiener Feuerwehrmänner ihren "Feuerwehrkalender", für den sie sich mehr oder weniger unbekleidet, auf alle Fälle aber sehr erotisch vor Löschfahrzeugen, Flammen und Rauch ablichten ließen. Wäre diese Art männlicher Selbstdarstellung vor fünf, zehn Jahren denkbar gewesen?
Otto Penz: Auch Jungbauern haben so einen Kalender herausgebracht. Das ist möglicherweise die interessanteste Entwicklung überhaupt, so etwas wie eine Feminisierung des Mannes, die irgendwann Ende der Siebzigerjahre einsetzte. Ich denke da an ein Palmers-Plakat, das einen nackten Mann, nur mit Socken bekleidet, zeigt. Jedenfalls steigen seit dieser Zeit die Ausgaben der Männer für Mode und Kosmetika enorm an, und immer mehr Männer lassen sich auch chirurgisch verschönern. Diese Feminisierung hängt sehr stark mit der Veränderung des Geschlechterverhältnisses zusammen: Frauen werden autonomer, verdienen ihr eigenes Geld, erreichen einen eigenen sozialen Status. Die Frau führt ihr eigenes Leben, sie macht nicht mehr nur Hausarbeit oder sorgt nur für die Kinder. In dieser neuen Machtkonstellation ist es klar, dass sich beispielsweise eine selbstständige, hübsche Frau keinen hässlichen Mann zu suchen braucht, nur um in einer Paarbeziehung finanziell Unterschlupf zu finden. Die alten Qualitäten, die die Männer in Beziehungen ausgezeichnet haben - Einkommen, Prestige - werden weniger wichtig, dafür erhalten die Ästhetisierung und die Schönheit des Körpers einen neuen Stellenwert. Der Mann ist gezwungen, andere Qualitäten in eine Beziehung mit einzubringen.
Es ist also sozial bedeutsam geworden, schön zu sein, einem bestimmten Ideal zu entsprechen?
Da spielen eine ganze Reihe von gesamtgesellschaftlichen Bewegungen mit. Der Gesundheitsdiskurs zum Beispiel, der das Bewusstsein schafft, sich gesund zu halten, Sport zu betreiben. Hier werden - nicht unbedingt sichtbare - innere Qualitäten nach außen transportiert: Jung, dynamisch, erfolgreich zu sein soll sich körperlich zeigen.
Fitnesscenter, Sonnen- und Nagelstudios boomen ...
Das Auffälligste für mich ist der Boom an Friseuren. Wenn man sich heute die jungen Burschen anschaut, ist eines der auffälligsten Merkmale die Haarpflege. Diese gefärbten, meist blonden Haare, wobei aber nicht versucht wird zu verbergen, dass man eine andere Naturhaarfarbe hat. Mittlerweile gibt es ja schon Haarbleichmittel speziell für Männer.
In Ihrem Buch findet sich der Hinweis, dass sich auch in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts Männer blondierten, um einem gewissen Ideal zu entsprechen.
Aber das steht in einem ganz anderen, in einem politischen Kontext. Wenn heute die treibende Kraft ist, seine Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen, gewissermaßen das autonome Ich zu verschönern, dann stand das damals stark im Zeichen, der ideale "deutsche Mann" zu sein, die "nordische Rasse" zu repräsentieren. Sozusagen den Ideal-Figuren des Faschismus zu entsprechen.
Idealfiguren gibt es doch heute genauso.
Meines Erachtens scheint sich das ein wenig auszudifferenzieren. So wie sich unser gesamtes gesellschaftliches Leben in verschiedene Szenen ausdifferenziert. Aber es gibt dominierende Schönheitsvorstellungen, die sich folgendermaßen beschreiben lassen: schlank, straffes Fleisch, möglichst keine Körperbehaarung, einigermaßen athletisch. Hollywoodstars wie Penelope Cruz oder George Clooney hätte vor achtzig Jahren niemand als schön bezeichnet. Wieso verändern sich kollektive Schönheitsvorstellungen?
Umbrüche lassen sich nur erklären, wenn man größere soziale Veränderungen betrachtet. Schönheitsbegriffe entwickeln sich aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Sie stehen im Zusammenhang mit sozialen Veränderungen. Bei der Arbeiterkultur geht es auch um die Ausbildung einer Körperkultur. Die Frauenbewegung geht bis hinein in die Kleidungsreform. Die Nacktkultur bringt Publikationen mit Fotos von athletischen, sonnengebräunten Menschen auf den Markt. Am Beginn des 20. Jahrhunderts führt das zu sozialen Umbrüchen, die sich in einer neuen Körperlichkeit und neuen Schönheitsvorstellungen ausdrücken. Über hundert Jahre hinweg geht das von der wohlbeleibten Figur im 19. Jahrhundert zum athletischen Körper.
Woher kommen diese Ideale?
Natürlich hängt das, was in den Medien und im Alltagsleben zu sehen ist, zusammen. Die medialen Ikonen sind ja nicht die wirklichen Auslöser für Veränderungen kollektiver Schönheitsvorstellungen. Das Verhältnis zwischen Gesellschaft und medialer Repräsentation ist ja so, dass Medien Trends in der Gesellschaft aufgreifen und damit wiederum für ein größeres Publikum zugänglich machen. Man sieht nichts in den Medien, das nicht zumindest im Diskurs vorhanden wäre. Die Fitnessbewegung, der Akzent auf Gesundhaltung, die Versportlichung unserer Kultur, das alles sind soziale Trends, die teilweise von den Medien gespiegelt werden. Natürlich gibt es auch so etwas wie Nachahmungsprozesse. Die aber sind eher simpler Natur. Ganz sicher hat der Hollywoodfilm in den Fünfzigerjahren mit Idealgestalten wie Brando, Dean oder Clift zum Boom von Lederjacken und Jeans und der Legitimität des T-Shirts beigetragen. Auf der anderen Seite war das alles aber auch schon vorhanden. Diese Filme entwickelten sich ja nicht abgekoppelt von der gesamten Halbstarkenkultur, die damals in der westlichen Welt entstanden ist. Der Designer Raf Simons, Leiter der Modeklasse der Angewandten, erzählt, dass er sich die Leute auf der Straße ansieht und sich inspirieren lässt. Bei Modenschauen verzichtet er auf Models und schickt Laien über den Laufsteg.
Gerade in der Mode gibt es immer weniger so etwas wie "Genie-Entwürfe".
Die Vorbilder kommen von der Straße. Das steht natürlich auch im Zusammenhang mit der gesamten Modeindustrie, weg von der Haute Couture, hin zum Ready-to-wear. Dahingehend haben sich auch die Vorbilder stark gewandelt. Es sind die Leute von der Straße, die widergespiegelt werden. Es sind teilweise die Prostituierten, die SM-Bewegung, die man heute in der Mode sieht. Ende der Siebzigerjahre griff Vivienne Westwood die Punk-Mode auf.
Hat das nicht auch mit einer gewissen Infantilisierung zu tun?
Das hängt stark zusammen. In den Sechzigerjahren werden auch die Schönheitsideale äußerst jugendlich. Verbunden mit allen Zuschreibungen: dynamisch, unternehmerisch, innovativ. Damit verbunden ist ein gewisser Zwang auf ältere Generationen, ebenfalls jugendlich zu erscheinen - sowohl im Berufsleben als auch für mögliche Partnerbeziehungen. Jeans waren früher ausschließlich Jugendlichen vorbehalten, heute findet keiner mehr etwas daran, wenn sich auch älteste Menschen in Jeans auf der Straße bewegen. Infantilisierung ist auch in dem Sinne zu verstehen, dass die Käuferschichten immer jünger werden. Die Ausprägung von Geschmack geschieht in immer jüngeren Jahren. Das stärkste Indiz dafür sind die Teeniebands.
Jugendlichkeit mit allen Konsequenzen, auch was den nackten Körper betrifft?
Junghaltung des Körpers in allen Facetten plus jugendliche Bekleidung. Wobei der Körper in diesem Zusammenhang immer wichtiger wird, weil in den Sechzigerjahren ein unglaublicher Entkleidungsprozess einsetzte. Einen derartigen Enthüllungsprozess im öffentlichen Leben hat es in der ganzen Geschichte der industrialisierten Welt nicht gegeben.
Immer weniger Stoff bedeutet auch weniger Silhouettenformung.
Der Akzent liegt immer mehr auf dem Körper und dessen Durchgestaltung. Auch bei Männern beginnt man durchs T-Shirt den Körper besser zu sehen. Wobei es eine völlig paradoxe Entwicklung ist, dass die Schwulen-Ikone der Achtzigerjahre zum allgemeinen Standard schöner Männlichkeit wird. Gleichzeitig kommt es aber auch zu Vermischungen, was Weiblichkeit und Männlichkeit betrifft.
Wobei das in den Siebzigerjahren schon einsetzt, wenn man an Glamrock denkt, Bowie, Roxy Music. Heute ist eine Entdifferenzierung der Geschlechterunterschiede gegeben. Frauenschönheit und Männerschönheit fließen ineinander.
Lässt sich das generell für die westliche Welt sagen? Gibt es Unterschiede, wenn man sich Menschen in Wien, London oder Berlin anschaut?
Es gibt generelle Tendenzen, hin zum straffen athletischen Körper. Es gibt aber auch größere und kleinere Differenzen. Das besondere Modebewusstsein der Italiener unterscheidet sie schon von Engländern, die sich durch ausgesprochen schlechten Geschmack auszeichnen. Es gibt auch leichte Unterschiede in puncto Prioritäten von Körperbildung. Es scheint so zu sein, dass in den USA die größere Oberweite einer Frau beliebter ist als in Europa. In Frankreich sind eher androgyne weibliche Formen beliebt. Aber das lässt sich schwer empirisch argumentieren. Was Wien betrifft, fällt auf, dass die Menschen hier vor zehn, 15 Jahren hässlicher waren ...
Da spielt sicher die größere Internationalität Wiens eine Rolle. Im Vergleich zu anderen Städten kamen hier erst sehr spät Designergeschäfte ins Stadtbild. Das trägt zum größeren Modebewusstsein bei, genauso wie die Städtetouristen. H&M erscheint, verglichen mit anderen europäischen Städten, ganz spät in Wien.
Hat H&M etwas gebracht? Oder sind die Wiener immer noch schiacher?
Generell würde ich sagen, ist das Wiener Schönheitsniveau nach wie vor unterentwickelt, was sich auch daran erkennen lässt, dass Wien nicht gerade als Modehochburg verschrien ist.

Otto Penz: Metamorphosen der Schönheit, Wien 2001 (Turia + Kant). 254 S., öS 303,-/EUR 22,?


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November 2001 © FALTER
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