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| Die mit den Luftballons |
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MUSIK Nena Kerner ist wieder da. Zur Veröffentlichung ihres neuen Albums "Chokmah" sprach die 41-Jährige mit dem "Falter" über Esoterik, ihren Status als Sexsymbol und rasierte Achselhaare. GERHARD STÖGER |
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Popstars, die zum nachhaltigen Initialerlebnis einer ganzen Generation werden, sind in der hyperdynamischen Popkultur unserer Tage eigentlich undenkbar. Mit Nena war freilich alles anders: Wie kein vergleichbarer deutschsprachiger Act der letzten zwanzig Jahre eroberte sie in der ersten Hälfte der Achtziger mit Stücken wie "Nur geträumt", "99 Luftballons" oder "Leuchtturm" die Herzen aller heute 25- bis 40-Jährigen. Nach fünf turbulenten Jahren löste sich die Band 1987 auf. Nena zog sich weitgehend ins Privatleben zurück, dümpelte nebenher in Schlagergefilden herum, veröffentlichte Kinderliederplatten und lieh diversen Zeichtrickfiguren ihre Synchronstimme. Mit ihrem neuen Album versucht sie nun, noch einmal in der aktuellen Popwelt mitzuspielen. Die Rechnung könnte durchaus aufgehen: Durch die niemals seichte und doch stets auf den Massengeschmack abzielende Elektronik-Produktion von Florian Sitzmann (Söhne Mannheims) geriet "Chokmah" zur erfreulich unpeinlichen Angelegenheit, deren Glanz lediglich durch einen etwas zu augenfälligen spirituellen Touch leicht getrübt wird. Falter: Wofür steht Nena 2001? Nena: Ich will eigentlich für gar nichts stehen; ich will mich selber im Spiegel sehen und sagen können: Es ist alles okay! Seit ein paar Monaten übe ich, nicht mehr zu werten und auch mich selber nicht mehr zu bewerten. Sonst ist man ständig in diesem Gut-, Schlecht-, Falsch- oder Richtig-Modus, und das kostet unheimlich viel Energie. Die Motivation für Ihr neues Album war also nicht unbedingt, es noch einmal so richtig wissen zu wollen? Nein, ich will es ja immer wissen. Das gilt auch für die Jahre, in denen ich sehr bequem war und die Außenwelt bewusst gemieden habe. In einem "Spiegel"-Interview sagten Sie kürzlich, dass Sie früher davon träumten, reich und berühmt zu werden. Wie sehen Ihre Träume heute aus? Das Schöne ist ja, dass Geld für mich nie zum Lebensinhalt wurde. Auch damals nicht, als ich über Nacht plötzlich ein Popstar in Deutschland war, obendrein mit einem Welthit. Da kamen die Millionen ins Haus, aber es war nie mein Lebensinhalt. Und Träume? Ich möchte die Dinge lieber tun, als von ihnen zu träumen. Langweilig wird mir jedenfalls nie. Veränderung und Neubeginn sind zentrale Themen auf "Chokmah". Hat das mit Ihrer unmittelbaren Vergangenheit zu tun? Ich sehe mein Leben als Gesamtkunstwerk und denke deshalb nicht in Zeitabschnitten. Ich schwelge nie in Erinnerungen, und ich halte auch nicht gerne Dinge fest. Wenn ich mich etwa selbst in Konzertmitschnitten aus den Achtzigern sehe, schalte ich meistens den Fernseher ab. Ihnen wird bei diesen Aufnahmen nicht warm ums Herz? Nein, überhaupt nicht! Ich bin froh, im Hier und Jetzt zu leben - ohne mich deswegen von den alten Liedern zu distanzieren. Mick Jagger ist der mit "I Can't Get No Satisfaction", und ich bin die mit den Luftballons. Das ist völlig in Ordnung, und da bin ich auch stolz drauf. Aber was ich damals als Person alles nach außen getragen habe, damit will ich heute nichts zu tun haben. Ihren Fans wird bei den alten Aufnahmen vermutlich sehr wohl warm ums Herz. Ist dieses Spannungsfeld zwischen einem an der Vergangenheit orientierten Publikum und den eigenen künstlerischen Ansprüchen ein Problem für Sie? Nein, überhaupt nicht. Ich habe gerade in den letzten vier Jahren sehr viele Konzerte gespielt und dabei gesehen, dass die Leute auch effektiv zuhören. Natürlich gehen sie vor allem bei "Luftballons" ab. Aber diese Intensität ist auch bei anderen Stücken gegeben. Bei meinem Publikum kommt immer eine Woge von Liebe rüber. Und das ist auch mein Anspruch: Ich möchte Liebe geben. Im Stück "Ich hör mir zu" sprechen Sie von Ihren "esoterischen Freunden", und in "Lichtarbeiter" hoffen Sie darauf, dass Ihnen Ihre "Engel etwas flüstern" ... Gerade bei "Ich hör mir zu" ist das aber auch ironisch gemeint. Ich bin schon lange ein Esoterikfan, aber ich mag diese Vermarktung des Begriffs nicht. Ich selber empfinde mich ganz einfach als spirituell, weil ich ja ein geistiges Wesen bin. Steht dieser spirituelle Aspekt nicht im Gegensatz zur kühlen Neon-Ästhetik der Achtziger, die auch das Coverartwork von "Chokmah" prägt? Das macht es ja gerade erst spannend. Wenn man in Deutschland über Esoterik spricht, sieht man immer nur Räucherstäbchen und Menschen in weißen Gewändern, die möglichst noch 24 Stunden am Tag im Yogasitz verharren. Ihre höchste Charts-Platzierung der letzten Jahre bescherte Ihnen Jan Delay mit seiner Coverversion von "Irgendwie, irgendwo, irgendwann". Wie hat Ihnen diese Reggae-Einspielung gefallen? Sehr gut. Ich spiele seine Version auch manchmal live. Es ist überhaupt toll, dass diese Songs durch andere Leute weiterleben und neu beleuchtet werden. Und Jan Delay - ich bin ein absoluter Fan von ihm. Durch eine "99 Red Ballons"-Coverversion der amerikanischen Punkband 7 Seconds wurde dieses Stück auch in der Punkszene zu einem Kulthit. Cool, diese Version kenne ich gar nicht. Witzig, denn in Deutschland galten wir ja immer als angepasste Teenie-Band. Als wir dann in die unterschiedlichsten Länder kamen, hatten wir überall ein bisschen ein anderes Image. Aber so krass anders wie in Amerika war es nirgends - es gab unsere Platten echt in diesen Indie-Läden! Aufgrund der weltpolitischen Situation darf "99 Luftballons" als offensichtliches Antikriegsstück auf vielen Radiostationen derzeit nicht gespielt werden. Das zeigt einfach nur die Bedeutung des Liedes, die auch Leuten sehr bewusst ist, die nicht möchten, dass man über solche Dinge spricht. Eine Freundin hat mir aus New York geschrieben, dass am Times Square ein großes Plakat mit einer englischen Strophe des Songs hängt. Solche Geschichten gehen mir sehr unter die Haut. Für die Generation der heute 25- bis 40-Jährigen waren Sie gleichermaßen Popstar wie Sexsymbol. Was war es für ein Gefühl zu wissen, dass Zehntausende junge Männer von Ihnen träumen? Ich schwöre, das war mir nie bewusst, denn ich habe mich ja nie inszeniert. Ich wurde mit dem Begriff Sexsymbol damals ein paarmal konfrontiert und dachte mir nur: "Sag mal, spinnen die eigentlich, was wollen die von mir?" Erst Jahre später hat es klick gemacht, und dann dachte ich mir: "Aha, so war das also!" (Lacht.) In welcher Erinnerung haben Sie Ihre Zusammenarbeit mit der Teenie-Bibel "Bravo"? Ich bin mit 56 Bravo-Titeln ja nach wie vor die Cover-Königin - das soll mir erst mal einer nachmachen! Oder eine, vor allem. Mit der Bravo gab es unangenehme Geschichten, lustige Geschichten - aber grundsätzlich war es sehr anstrengend. Irgendwann hatte es sich so verselbstständigt, dass die meine Privattelefonnummer hatten und morgens meinen Freund angerufen haben, dass sie mich in München mit einem anderen gesehen hätten - diese Schiene. Was war eigentlich mit dem Text Ihrer ersten Single, "Nur geträumt", gemeint? Das weiß ich doch nicht! (Lacht.) Meine Plattenfirma wollte damals, dass ich deutsche Texte schreibe, und ich habe gesagt: "Ihr seid doch total bescheuert! Ich mache mich ja unglaubwürdig!" Meine Vorbilder wie Debbie Harry haben ja auch alle auf Englisch gesungen, daher konnte ich mir das nicht vorstellen. Als ich es dann aber doch versucht habe, kamen eben diese beiden Zeilen raus: "Ich hab heute nichts versäumt, denn ich hab nur von dir geträumt." Und dann - das werde ich nie vergessen - habe ich unserem Keyboarder Uwe in der hintersten Ecke einer Kneipe ins Ohr geflüstert: "Wie findest du denn diese beiden bescheuerten Zeilen?" Darauf guckt er mich an, kriegt riesengroße Augen und sagt: "Das ist es!" Und das war mein Einstieg ins deutschsprachige Songwriting. Im Text geht es um eine frühe Liebe aus der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Da kam mal einer, der wollte mich aus meinem Leben rausreißen und mitnehmen. Ich bin nicht mit ihm gegangen, aber ich habe mich eine Weile mitreißen lassen. Eine Frage noch: Seit wann rasieren Sie sich die Achselhaare? Seit einem Konzert in England. Ich wusste damals nicht, dass man sich die Achselhaare rasiert und hab die immer schön wachsen lassen. (Lacht.) Und auf diesem Konzert waren Fans mit riesigen Spruchbändern, auf denen stand: "Nena, wir lieben deine haarigen Achseln!" Ich dachte mir nur: Hallo, was ist denn hier los? Ich wusste zu diesem Zeitpunkt auch nicht, dass die Boulevardpresse in England und Amerika längst voll war mit Hass und Häme wegen meiner Achselhaare. Nach diesem Konzert hat mir das mein damaliger Manager Jim Rakete erklärt, und seine Freundin ist mit mir aufs Zimmer gegangen und hat gesagt: "Komm jetzt, rasier dir die einfach mal!" Ich fand das dann auch ganz schön, und seitdem mache ich es. Neulich wollte ich sie mal wieder wachsen lassen und pink färben, aber irgendwie dauert mir das zu lange. Ich kann mir da ja mal was rankleben. Nena: Chokmah (eastwest/Warner). |
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November 2001 © FALTER
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