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Weiße Bärte, weiße Pferde
FILM Peter Jackson läutet das Jahr der Zauberer mit seinem ersten Teil der "Herr der Ringe"-Verfilmung aus. KLAUS NÜCHTERN (E-Mail: wienzeit@falter.at)

Siehe auch: LITERATUR: Fantasy aus echtem Stein

Falter 51 Originaltext aus Falter 51/01 vom 19.12.2001

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Wer in diesen Tagen spirituelle Führung sucht, kann zwischen zwei Modellen wählen: Die Ausführung Gandalf unterscheidet sich von der Variante Dumbledore durch einen lächerlichen Spitzhut. Ansonsten tragen beide langes weißes Wallehaar und ebensolche Bärte - ob sich hinter diesem Richard Harris (Dumbledore) oder Ian McKellen (Gandalf) verbirgt, ist für das ungeübte Auge schwer zu erkennen. Deswegen der Spitzhut ? und die Pfeife (ebenfalls Gandalf). Vergreifen kann man sich nicht wirklich, denn beide sind ebenso mächtige wie gütige Zauberer.
Wer in diesen Tagen die Menschheit erlösen will, kann zwischen zwei Modellen wählen: Die Ausführung Frodo weicht von der Ausführung Potter durch das (etwas höhere) Alter, durch gelocktes Haar und die fehlende Brille ab. Zudem verwendet Frodo zu Fortbewegungszwecken keinen Besen.
Wer sich in diesen Tagen mit Trollen balgen will, kann zwischen zwei Modellen wählen: Beide sind keulenschwingende Monstren mit sehr vielen Muskeln und wenig Grips. Wer sich gegen sie durchsetzen will, rammt ihnen einen Zauberstab ins Nasenloch ("Harry Potter") oder schießt ihnen ein paar Pfeile in den Rachen ("Herr der Ringe").
Es ist freilich nicht so, dass Warner Bros. den gleichen Stoff gleich zweimal verfilmt hätte. Nicht ganz jedenfalls. Pubertierende männlichen Geschlechts werden bei "Herr der Ringe" zweifellos besser bedient. Sie können zwischen der dunkelhaarigen Elben-Prinzessin Arwen (Liv Tyler) oder der blonden Elben-Königin Galadriel (Cate Blanchett) wählen. Nicht dass sich zwischen denen und dem jugendlichen Hobbit Frodo Beutlin (Elijah Wood) weiß Gott was abspielen würde, aber es gibt gewiss Schlimmeres für die testosterongeplagten Teens von Mittelerde, als knapp vor dem Abkratzen von Liv Tyler das Leben geschenkt zu bekommen. Der Unterschied zwischen Elben und Hobbits liegt nämlich darin, dass nur Erstere unsterblich sind. Komische Ohren haben beide.
Arwen (weißes Pferd) rettet Frodo vor den neun Ringgeistern, den so genannten Nazgul (schwarze Pferde), die Frodo auf den Fersen sind, weil dieser den von Sauron geschmiedeten "einen Ring" besitzt. Sauron, der Herrscher von Mordor, war vor zweieinhalbtausend Jahren besiegt worden. Dennoch existiert Sauron als körperloses Prinzip des Bösen weiter und manifestiert sich in einem flammenden Auge (jedenfalls ist im Film immer von "Auge" die Rede, obgleich die entsprechende Bebilderung genausogut eine feuerspeiende Vagina darstellen könnte). Der Ring aber, der jegliche Kreatur korrumpiert, will zu seinem ehemaligen Besitzer zurückkehren - was gleichbedeutend mit dem endgültigen Untergang von Mittelerde und dem finalen Triumph des Bösen wäre. Tolkiens 1954 erschienener Roman "Der Herr der Ringe" (siehe dazu Daniel Kehlmanns Artikel in Falter 50/01) entwickelt vor dem Hintergrund einer detailreichst ausgetüftelten Mythologie den Kampf des Guten gegen das Böse. Bekennende Tolkienologen schwärmen von der Komplexität des Werkes und von dessen erzählerischer Subtilität, die es mit sich bringt, dass sich Zusammenhänge erst im Fortgang der Lektüre erschließen, korrespondierende Passagen Hunderte von Seiten auseinander liegen. Davon ist in Peter Jacksons Verfilmung nichts zu bemerken. Dabei hätte sich ein drei Stunden dauernder Film ruhig eine ausgefuchstere Erzählstrategie überlegen können, als mit einem düster-digital bebilderten "Was bisher geschah" den mythischen Bodensatz ("Geschichte wurde Legende, Legende wurde Mythos") aufzurühren und die Zuschauer mit Basis-Information zu versorgen, die dann - hat der Film erst die Gegenwart erreicht - in eher uneleganten Mono- und Dialogen abgeschlagen wird. Für diejenigen, die zu spät gekommen sind, gibts auch noch später die eine oder andere Rückblende.
Ansonsten beliefert uns "Der Herr der Ringe" mit genau jenen Superlativen des mit Latex (jede Maske ein Unikat!) und Polystyrol (innovative Verarbeitung!) bewehrten digitalen Überwältigungskinos, die wir erwarten durften: Ein üppiger Fremdenverkehrsspot für die fantastisch abwechslungsreichen Landschaften Neuseelands, mit denen man sich schon in Peter Jacksons "Heavenly Creatures" (1994) anfreunden konnte, unterbrochen von vertikalen Kamerastürzen in düstere Unterwelten, Verfolgungsreitereien und opulenten Schlachtentableaus, bei denen zwischen dem Gewusel digital animierter Massen und dem Schnellschnitt auf Gliedmaßen, Rüstungen und Kriegsgerät jedes Gefühl für die Physis anästhesiert wird. Das unendlich traurige Gemetzel am Ende von Robert Bressons "Lancelot du Lac" (1974) geht ungleich mehr an die Nieren, und das Duell der Zauberer, das Vincent Price und Peter Lorre in Roger Cormans "The Raven" (1963) austragen, ist um einiges vergnüglicher als das zwischen Gandalf und Saruman (Christopher Lee), der sich auf die Seite des Bösen schlägt und für Sauron die hyperaggressive und dentalhygienisch schwer unterversorgte Kampfrasse der Uruk Hais züchtet.
Am Ende des Films ist die ursprünglich neunköpfige Gemeinschaft des Rings dezimiert, verschleppt und versprengt. Frodo und sein treuer Freund Samweis Gamdschie stehen vor dem Aufbruch. Dann läuft der Nachspann ab, und irgendwie fühlt man sich betrogen: Drei Stunden Spektakel, um wieder bei Null zu beginnen. Eigentlich wäre die "Herr der Ringe"-Trilogie ein perfekter TV-Dreiteiler für Weihnachten. Jetzt müssen wir wieder ewig auf Teil zwei warten. Und Elijah Wood muss sich dann möglicherweise schon rasieren.

Ab 19.12. in den Kinos.


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Dezember 2001 © FALTER
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