Der Herausgeber und Chefredakteur sitzt gemeinsam mit einer jungen Redakteurin im Fond eines Automobils und sinniert. "Ich glaube, dass die Österreicher sehr tierfreundlich sind. Überhaupt gefühlsbetont, wissen Sie ..." Der Wagen hält in der Einfahrt eines burgenländischen Tierheims; der Landeshauptmann und ein Fotograf stehen schon bereit. Hans Dichand verteilt Leckereien an die Vierbeiner, und Maggie Entenfellner lacht in die Fotolinse. Als Nächster gerät der Landeshauptmann ins Sinnieren: "Na ja ... die Kronen Zeitung hat viel Macht in Österreich. Macht ist für mich ein neutraler Begriff ..."
Szenen wie die eben geschilderte provozierten Ende April im Schweizer Nyon, dem Ort der Weltpremiere der französischen Version von "Krone: L'Autriche au quotidien" (deutscher Titel: "Tag für Tag ein Boulevardstück"), gleichermaßen Heiterkeit wie Kopfschütteln. Der Fernsehfilm der Regisseurin Nathalie Borgers, eine belgisch-französisch-österreichische Koproduktion, lief in einer Sonderreihe des renommierten Dokumentarfilm-Festivals "Visions du réel", einem alljährlichen Treffpunkt für Filmschaffende, Produzenten und Journalisten aus Europa und Übersee.
"Krone: LAutriche au quotidien" ist ein knapp sechzigminütiges Porträt eines spezifisch österreichischen Phänomens: der Neuen Kronen Zeitung, der mit knapp drei Millionen Lesern proportional größten Tageszeitung der Welt. Die Frage, wen das außerhalb der Alpenrepublik interessieren soll, stellte sich angesichts des politischen Erdbebens, das sich im Vorfeld des Festivals ereignete, erst gar nicht: Der Schock über Le Pens Wahlerfolg im nahen Frankreich machte das Problem des rechten Populismus und seiner medialen Strategien wieder einmal (nach den Diskussionen um Haider und Berlusconi) zum Gegenstand hitziger Debatten.
Der Ursprung des Filmprojekts selbst lag in einer einfachen Frage: Wie lässt sich der beispiellose Erfolg des Populisten Jörg Haider verstehen? Eine Wiener Freundin von Nathalie Borgers, die Fotografin Lena Deinhardstein, schlug der Regisseurin daraufhin vor, einen Film über die Kronen Zeitung zu machen. - "Was mir näher lag, als einen Film über Haider zu drehen", wie Borgers im Gespräch mit dem Falter erklärt. "Meine politischen Arbeiten hatten auch in der Vergangenheit immer mit Medienpolitik zu tun; von daher war ich natürlich interessiert." Ihr Exposé zum Thema Kronen Zeitung gewann, wenige Monate später, eine Projektausschreibung der Wallonie Image Production, einem belgischen Verband zur Förderung und Produktion unabhängiger frankophoner Dokumentarfilme. Navigator Film zeichnet für die österreichische Seite der Produktion verantwortlich; nach mehreren Recherchereisen begannen im Herbst 2001 die Dreharbeiten mit einem österreichischen Team (die Kamera führte Jerzy Palacz, den Schnitt besorgte unter anderen Monika Willi).
Spannend wird Borgers Porträt der Krone durch ihren Status als Außenstehende. Mit einem distanzierten, wenngleich präzisen Blick erforscht der Film, frei von Polemik, das System Krone - ein "Imperium": eine Zeitung als Freund, Berater, Ombudsmann der "kleinen Leute" und nicht zuletzt als "ein Prisma, durch das sich der Erfolg des Populismus in diesem Land verstehen lässt". Zu Wort kommen unter anderem Landeshauptleute, ein Bischof, Dichand selbst, seine Redakteure und Kommentatoren (wie Andreas Mölzer und Wolf Martin), aber auch explizit kritische Geister wie Robert Menasse, Heide Schmidt und Erhard Busek. Der Film arbeitet sich in kurzen, pointierten Episoden vor: Kaffeehausgespräche mit Leserinnen und Lesern leiten über in die Chefetage des "Alten", der die Blattlinie erörtert. Die Telefone in der Tierecke laufen heiß ("Das ist ein Millionenunternehmen geworden ... wir kriegen Erbschaften und alles Mögliche"), Leserbriefe kommen sackweise ("Seiten, die uns nichts kosten auch noch. Wird sehr gern gelesen ..."), während Politikredakteure die wahren Ausmaße der afghanischen Flüchtlingswelle prognostizieren ("Afghanische Spezialitätenrestaurants gibts ja nicht so viele"). Kalt und heiß: Fakten und Meinungen, Christianus' fromme Bibelauslegungen und die "Frau von nebenan" - die Topographie eines Landes, in dem selbst Ortstafeln den Durchreisenden mit Lektürebekenntnissen konfrontieren, Tragik und Realsatire eng beieinander liegen. Einem internationalen Publikum entgeht dabei notwendigerweise, dass Borgers Film (mit Ausnahme von Ulrich Seidls "Good News") der erste Film über das Phänomen Krone ist, der hierzulande (ko)produziert wurde und nicht zur reinen Belangsendung geraten ist.
Obwohl manches Gespräch etwas kurz gerät, obwohl Hintergründe (wie die der deutschen WAZ-Beteiligung oder der marktverzerrenden Stellung der Mediaprint-Gruppe) nur flüchtig behandelt werden, entsteht doch das (für österreichische wie ausländische Zuschauer gleichermaßen lesbare) Bild einer eher "ungesunden" Medienlandschaft, in der, wie Heide Schmidt es formuliert, Rückgrat zu zeigen als inopportun gilt. Da streicheln Herausgeber wie auch Finanzminister lieber ihren Hund, da steigt der Justizminister mit dem Politikchef ins schnittige Segelflugzeug, oder da verbreiten Landeshauptleute Gemeinplätze à la Foucault für Arme (Macht sei ja an und für sich neutral). Oder man praktiziert, was man predigt: So lädt zum Schluss auch der Präsident der Republik, Thomas "Macht braucht Kontrolle" Klestil, Hans Dichand zu Kaffee und Guglhupf in die Hofburg. Der Medienzar spricht über den Regierungswechsel, während das Staatsoberhaupt, um Contenance bemüht, die Hände ringt. Ein kleiner Rundgang durchs imperiale Erbe endet in der wechselseitigen Bekundung von Wertschätzung und mit Grüßen von der Gattin: "Großartige Führung!" (Dichand), "Ich freue mich über das Vertrauensverhältnis!" (Klestil) und "Zum Wohle des Landes!" (beide gemeinsam). Schöner könnte man so etwas gar nicht erfinden. Oder, wie es ein Schweizer Zuschauer im Anschluss an die Premiere formuliert hat: Wenn das Ganze nicht so traurig wäre, wäre es eigentlich irrsinnig lustig.
Die deutsche Version des Films wird voraussichtlich im Herbst auf Arte ausgestrahlt.
Interview
Nett und hart, gemischt
Die Filmemacherin Nathalie Borgers verließ Ende der Achtzigerjahre Belgien, lebte zuerst in San Francisco und dann ein Jahr in Wien. Seit Mitte der Neunziger lebt sie in Paris; ihre durchwegs an sozialen und politischen Sujets orientierten Filme produziert sie zumeist in Kooperation mit Fernsehstationen wie der belgischen RTBF oder dem deutsch-französischen Sender Arte.
Falter: Wie hat die Arbeit mit der "Krone" funktioniert? Für österreichische Verhältnisse ist es ja geradezu verblüffend, wie tief sie in den Betrieb hineinschauen konnten.
Nathalie Borgers: Ich habe Hans Dichand kontaktiert und gesagt, ich möchte einen Film über die größte Tageszeitung der Welt machen. Auch habe ich von Anfang an festgehalten, dass mich das Thema vor dem Horizont der Sanktionen und Haiders Rücktritt interessiert. Nur wenn wir darüber offen sprechen können, sagte ich ihm, wäre ich bereit, den Film zu machen - immerhin ist es ein Dokumentarfilm, kein Werbefilm für seine Zeitung. Dichand hat eingewilligt - warum, weiß ich nicht, vielleicht wegen meines französischen Akzents (lacht). Ich habe ihn dann getroffen, und er hat mir alle Türen geöffnet.
Was heißt das?
Ich vermute, dass er alle Redaktionen angewiesen hat, mit mir zusammenzuarbeiten. Sogar Staberl, der ja bekanntlich solche Aufmerksamkeit hasst, war während der Recherche da. Ich war auch völlig überrascht, wie wenig ich tun musste, um an Aussagen zu kommen; das war bei den Politikern, mit denen ich gesprochen habe (die aber zum Teil nicht im Film zu sehen sind), noch viel stärker. Da haben Bundesminister mit einer Offenheit über ihr Verhältnis zur Krone gesprochen, die man kaum für möglich hält. Ich musste die meiste Zeit nicht einmal Fragen stellen - so bereitwillig sind die Aussagen gekommen. Da war kaum Misstrauen vorhanden.
Ist das nicht in manchen Fällen schwer auszuhalten? Wenn bestimmte Aussagen so locker von der Leber weg kommen?
Natürlich. Die Welt der Menschen, die in der Zeitung arbeiten, ist oft sehr schwarz-weiß, läuft tagtäglich in ganz engen Bahnen. Beispielsweise die Sache mit den afghanischen Flüchtlingen: Diese Journalisten müssen tagtäglich das herausfiltern, was an die niedrigsten Instinkte der Leute appelliert. Liest man die Krone einmal, dann denkt man, z.B. bei Wolf Martin: "Das ist ja schrecklich." Dann kommt aber auf der nächsten Seite wieder ein netter Hund. Sieht man das aber täglich, drückt das auf die Stimmung.
Wo sehen Sie den Unterschied zwischen der "Krone" und jedem beliebigen europäischen Boulevardblatt? Was ist das Besondere an ihr?
Dass die Krone so unverblümt Politik macht. Dass die Ideologie ihres Herausgebers sich so deutlich Platz schafft, ja, er seine Mitarbeiter danach aussucht. Wie es möglich ist, dass jemand ein solches Imperium aufbauen konnte. Das hat meiner Ansicht nach auch mit der Kleinheit Österreichs, der Nachkriegszeit, mit dem Umgang einer ganzen Generation mit ihrer Kriegserfahrung zu tun; sicher auch mit seinem Geschick. Die "Verpackung" ist das, was Dichand und die Krone am besten beherrschen - diese Mischung aus Nettigkeit und einer unglaublichen Härte. Ich denke, er ist sich bewusst, dass er manipuliert - aber immer "zum Wohle Österreichs".
Wie sind Sie, nach Ansicht des fertigen Films, verblieben?
Dichand ist sehr korrekt, sehr gentlemanlike. "Wir haben schon andere Dinge überlebt", war seine Reaktion. Und: "Sie hätten gar keinen anderen Film machen können - Sie sind so von einer anderen Welt." Für mich beschreibt dieser Satz alles.
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