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| Mit 60.000 Watt zur Hölle |
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Salzburger Festspiele Zum Auftakt der Intendanz Peter Ruzickas inszeniert der Kärntner Martin Kuej "Don Giovanni". Mit dem "Falter" sprach der Regisseur über seine Begeisterung für Harnoncourt und Mozart, über den Unterschied zwischen Oper und Schauspiel und seinen Wechesel von Ö3 zu Ö1. WOLFGANG KRALICEK |
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Der unscheinbare Lehrbauhof am idyllischen Stadtrand von Salzburg ist im Sommer eine pulsierende Theaterfabrik: Bis zu vier Festspielproduktionen gleichzeitig werden in den lichtdurchfluteten Hallen des Industriegebäudes geprobt; die lang ersehnte Neuinszenierung des "Jedermann" wird hier zur Zeit ebenso vorbereitet wie die eher bange erwartete Uraufführung von Peter Turrinis neuem Stück "Da Ponte in Santa Fé". Im Lehrbauhof wird auch jene Inszenierung einstudiert, mit der am 27.Juli die Intendanz Peter Ruzickas bei den Salzburger Festspielen eröffnet: Wolfgang Amadeus Mozarts "Don Giovanni", dirigiert von Nikolaus Harnoncourt und inszeniert von Martin Kuej. Im Moment sind Harnoncourt, 73, und Kuej, 41, gerade dabei, das Finale des ersten Akts einzurichten; es geht vor allem darum, die Chor-und Statistenmassen sinnvoll über die Bühne zu verteilen. Und weil sich die Damen und Herren dabei nicht leise genug bewegen, werden sie höflich, aber bestimmt zurechtgewiesen: "Das ist, glaube ich, eine heilige Musik, die sollte man nicht zertrampeln!" Überraschenderweise ist es nicht der Mozartspezialist Harnoncourt, der das sagt, sondern der Mozartneuling Kuej. So viel Demut passt gar nicht zum Ruf eines Regisseurs, der zuletzt auch am Burgtheater ("Weh dem, der lügt!", "Glaube und Heimat") bewiesen hat, dass er zu den von ihm inszenierten Stücken ziemlich extreme Vorstellungen entwickelt. Der Kärntner, dessen Karriere vor zehn Jahren mit Regiearbeiten in Graz und Klagenfurt begann, ist mittlerweile nicht nur einer der führenden Sprechtheaterregisseure des deutschen Sprachraums, sondern auch ein gefragter Opernregisseur. Seit er 1998 sein aufsehenerregendes Debüt mit Beethovens "Fidelio" gab, inszeniert er regelmäßig an der Stuttgarter Staatsoper, der derzeit führenden Musiktheaterbühne Deutschlands; seine Grazer Inszenierung der "Salome" (1999) wurde in Zürich und Verona nachgespielt, und jetzt sind die großen Festivals hinter Kusej her: In den kommenden Jahren soll er in Salzburg mit Harnoncourt zwei weitere Mozart-Opern auf die Bühne bringen; 2004 wird er die Wagnerianer in Bayreuth mit "Parsifal" irritieren. Auch in Salzburg darf sich das Publikum keinen konventionellen "Don Giovanni" erwarten: Abgesehen von Mozarts Musik ist Martin Kuej - so viel darf vor der Premiere verraten werden - auch diesmal nichts heilig. Falter: Was macht ein moderner Mensch bei der Oper? Ist das nicht noch uncooler als Theater? Martin Kuej: Das stimmt überhaupt nicht! Oper ist genauso cool oder uncool wie Theater. Aber hätten Sie während des Studiums gedacht, dass Sie irgendwann Oper inszenieren werden? Nein. Bei der Aufnahmeprüfung habe ich zur Frage "Interessiert Sie Opernregie?" noch ein großes Pamphlet gegen das Bourgeoise in der Oper geschrieben - das muss noch irgendwo auf der Hochschule in Graz liegen. Ich habe mit Oper weder inhaltlich noch äußerlich - mit diesen ganzen Konventionen - etwas anfangen können. Das ist zum Teil immer noch so, aber es macht mir Spaß, mich da wie ein Wolf im Schafspelz zu bewegen. Und ich muss zugeben: Es ist nicht alles so verbohrt und so blöd, wie man sich das vorstellt. Wie sind Sie denn zur Oper gekommen? Wer hatte die Idee? Es gibt verschiedene Intendanten, die für sich reklamieren, mich für die Oper entdeckt zu haben. Faktum ist, dass mir der Gerhard Brunner in Graz schon 1993 einen Vertrag für die "Salome" 1999 angeboten hat. Der war also der Erste, der diese Aktie gekauft hat - und dann froh sein konnte, weil die Aktie in der Zwischenzeit an Wert gewonnen hatte. Aber auch der Klaus Zehelein in Stuttgart hat sehr früh versucht, mich zu holen. Dann hat er mir "Fidelio" angeboten - und so bin ich irrsinnig hoch und auch sehr riskant in dieses Metier eingestiegen. Was waren Ihre ersten Eindrücke? Ich habe Geschmack daran gefunden. Vor allem habe ich gemerkt, dass man die Musik tatsächlich verstehen kann, dass man dem emotional-ästhetischen Eindruck, den die Musik hervorruft, folgen kann und dass es Sinn macht, wenn man das inszeniert. Ich behaupte, dass ich zuerst einmal Musik inszeniere und nicht das, was im Reclam-Heftl steht. Wie ist denn das Verhältnis zwischen Musik und Text? Bei Mozart ist das Verhältnis ungefähr Halbe-Halbe zwischen Arien oder Ensembles einerseits, wo man sehr wohl mit der Musik umgehen muss, und Rezitativen andererseits, wo der Harnoncourt extrem darauf bedacht ist, dass die gesprochen werden und nicht gesungen. Das kommt mir natürlich entgegen. Wäre "Don Giovanni" ohne Musik uninteressant? Das kann man so nicht sagen. Es gibt ja nicht nur, ich glaube, sechshundert Don-Giovanni-Opern, sondern auch unglaublich viele Sprechstücke zu dem Thema. Aber die genialste Bearbeitung ist tatsächlich die von Mozart. Je länger du die Musik hörst, desto mehr verstehst du, was damit gemeint ist, wenn die Leute sagen, Mozart hat Musik gedacht. Es ist sehr schwer für uns, sich auf dieses Niveau zu begeben und zu begreifen, was die Musik tatsächlich erzählt. Wenn du dir zum Beispiel ein bestimmtes Sextett oft genug anhörst, kommst du drauf, wie irrsinnig genau in der Musik sämtliche emotionalen Abgründe oder Verwirrungen verhandelt werden. Das Libretto ist ein schmaler Weg, und daneben gibt es eine zwölfspurige Autobahn - das ist die Musik. Für die zwölfspurige Autobahn ist aber hauptsächlich der Dirigent zuständig. Ist es also korrekt, dass der Dirigent in der Oper meistens vor dem Regisseur genannt wird? Ja, weil der Dirigent den Abend führt und leitet, den Atem und den Rhythmus bestimmt. Und weil der Dirigent der Oper näher steht als der Regisseur - das muss man ehrlich zugeben. Das Angenehme dabei ist, dass diese ganzen hysterischen Konflikte, die man aus dem Theater kennt, in der Oper meistens zwischen Dirigenten und Sängern stattfinden. Wenn die anfangen, sich zu fetzen, kann ich mir die Hände reiben und habe damit nichts zu tun. Sind Sänger andere Menschen als Schauspieler? Ja. Es gibt einfach einen Unterschied, ganz wertfrei. Lustigerweise bewundern die einen immer die anderen - und umgekehrt. Ich fühle mich immer noch mehr der Schauspielergesellschaft zugehörig und bewundere deshalb die Sänger für das, was sie können. Das ist eine Art von Professionalität und Konzentration, die es nur bei wenigen Schauspielern gibt. Man muss aber auch sagen: Große Schauspieler wie Martin Schwab, Ignaz Kirchner, Sylvie Rohrer oder Werner Wölbern stehen den Sängern um nichts nach. Der Unterschied ist der: Einem Schauspieler erkläre ich eine Grundsituation, und er macht was daraus. In der Oper musst du permanent für sieben, acht Sänger im Minutentakt wissen, was sie wo tun. Weil sie es nicht gewohnt sind. Der Großteil hat ja nie eine Spielausbildung gemacht. Manchmal komme ich mir in der Oper vor wie ein Rennpferd, das im Wald Baumstämme zieht. Weil es schauspielerisch einfach jenseits ist von dem, was ich eigentlich inszenieren möchte. Ist Oper leichter zu inszenieren als Schauspiel? Das sagen sich viele schlechte Schauspielregisseure, die Opern machen - die sind dann aber leider auch schlechte Opernregisseure. Diese Schauspielregisseure gehen meistens erstaunlich hanebüchen und dilettantisch mit Oper um. Dabei ist die Oper ein total spannendes und großes Feld, wo man unglaublich viel verändern und finden kann. Für mich ist es toll: Ich gehe mit dieser Power vom Schauspiel im Rücken - diesem Gefühl, dass man alles verändern kann - an die Sache heran. Ich arbeite nadelstichartig an der Perforierung von Oper. Es ist kein Generalangriff, aber irgendeiner muss ja damit anfangen, die Dinge ein bisschen zu hinterfragen. Ist Oper nun leichter oder nicht? Man kann das schwer vergleichen. Wahrscheinlich ist Oper tatsächlich "leichter" als Schauspiel, weil ich im Schauspiel meine eigene "Musik", einen eigenen Rhythmus kreieren muss - und man muss das ziemlich gut können, damit es stimmt. Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Nikolaus Harnoncourt? Der Harnoncourt ist ein unglaublich theatralisch denkender Mensch mit einen untrüglichen, geraden Theaterinstinkt. Das ist manchmal extrem weit entfernt von dem, was ich mir vorstelle, weil ich ja überhaupt keinen geraden Theaterinstinkt habe. Die Kombination finde ich aber gut. Ich merke, wenn er in der Probe eingreift und musikalisch etwas korrigiert, wird die Szene sofort besser. Er beharrt auf dem, was Mozart komponiert hat - oder wie er das liest. Ich hab das irgendwie intuitiv drin, bin aber nicht in der Lage, das so genau einzufordern wie er als Dirigent. Ich merke: Hoppla, der sagt ja ganz was anderes - aber im Grunde kommen wir genau auf denselben Punkt. Das finde ich sehr faszinierend. Können Sie Noten lesen? Ja, zumindest mit einem Klavierauszug komme ich klar. Mit der Partitur wirds schon schwierig. Aber für mich ist das hier ja wie ein permanenter Workshop, weil der Harnoncourt einfach so interessante Sachen über Musik erzählt. Du verstehst sofort, was er will. Es ist fast eine Gnade, von diesem Dirigenten Musik erklärt zu kriegen und dafür auch noch bezahlt zu werden. Das geht, soweit ich weiß, nicht nur mir so, sondern auch den Sängern und sogar den Wiener Philharmonikern. Haben Sie ein Instrument gelernt? Ja, Klavier. Aber ich hab das leider pubertär verweigert. Da möchte ich mich heute noch schlagen dafür. Wenn man mich fragen würde: "Was war Ihr größter Fehler?", würde ich sagen: dass ich nicht Klavier fertig gelernt habe. Mein absoluter Traum wäre: Der Pianist auf der Probe ist krank, und ich setze mich hin und spiele das einfach! Keiner hats gewusst, und alle sagen: "Wow, der kann das alles spielen." Das tät mir wirklich gefallen. Welche Rolle spielt Musik in Ihrem Leben? Eine extrem wichtige, weil sie meine Befindlichkeiten begleitet, beeinflusst, kommentiert oder unterstützt. Ich muss zugeben, dass ich immer mehr Verständnis für klassische Musik finde. Ich bin tatsächlich zu jemandem geworden, der Ö1 hört! Ich mag natürlich auch ein breites Sprektrum an U-Musik, aber dieses oberflächliche Ö3-Gedudel halte ich immer weniger aus. Wenn ich irgendein Bach-Stück höre, denke ich mir: Das ist wirklich Wahnsinn. Man merkt, dass diese Musiker immer am Wahnsinn gearbeitet haben. Wenn man einen Klassiker wie "Don Giovanni" inszeniert, muss man da die ganze Rezeptionsgeschichte mitdenken? Ja, das ist wie bei "Hamlet". Ich habe einige Inszenierungen von "Don Giovanni" gesehen und war immer enttäuscht, wie wenig ich auf der Bühne von dem vorhandenen Material umgesetzt gefunden habe. Ich kenne niemanden, der mir sagen kann, was eine richtig tolle, perfekte "Don Giovanni"-Inszenierung war. Ich werde das sicher auch nicht schaffen, das ist so wie bei den großen Schauspielklassikern: Da kannst du froh sein, wenn du den Tank zur Hälfte füllst. In der Oper ist das vielleicht leichter als bei "Hamlet", weil die Musik in unserem Fall wirklich Weltklasse sein wird, da kann ich mich Gott sei Dank darauf verlassen. Mozart wird in der Regel noch eine Stufe höher gesetzt als die meisten anderen Komponisten. Was ist das Geniale an ihm? Du kannst Mozart zwar ganz toll intellektuell analysieren, aber du wirst immer auf einen sehr bodenständigen, für jeden nachvollziehbaren Urgrund von Emotionalität stoßen. Deswegen sind diese Stücke - ähnlich wie die von Shakespeare - so schwer: Wie in einem Labyrinth kommst du permanent an Kreuzungen und musst dich entscheiden, ob du links, rechts oder geradeaus gehst. Und das Blöde ist: Wofür auch immer du dich entscheidest, du kommst wieder an eine Kreuzung, und wenn du einmal eine falsche Abzweigung nimmst, musst du alles wieder zurückgehen - jede Entscheidung hat eine unglaubliche Wirkung. Das macht einen wahnsinnig. Wo man auch hingeht, Mozart war schon da? Kämpferisch gesagt, hast du einen Gegner, der komplett unangreifbar ist. Du kannst dich da durchwühlen und durchkämpfen, aber es bleibt immer noch ein riesiger Teil, den du nicht wirklich erkennst. Wenn du "Glaube und Heimat" von Karl Schönherr machst, hast du nichts zu verlieren: Das interessiert keinen, das kennt keiner, da kannst du nur gewinnen. Und wenn es klappt, wird es ein schöner, toller Theaterabend. "Don Giovanni" wird sowieso ein schöner, toller Theaterabend - da brauchst du noch gar nichts dazu tun. Mit dieser Ohnmacht muss man leben. Man muss lernen, einfach zu sagen: Okay, ich hab jetzt meinen "Hamlet" gemacht, das war mein Blick, das war mein Ding. Don Giovanni ist ein Freigeist, der über Leichen geht. Am Beginn der Oper begeht er einen Mord, am Ende fährt er zur Hölle. Dennoch hat man bis zuletzt den Eindruck, dass Mozart auf seiner Seite ist. Ich bin da sehr ambivalent, aber die zwölfspurige Autobahn ist einfach ein sehr überzeugendes Argument gegenüber dem Weg. Sagen wir so: Die Musik ist auf jeden Fall auf seiner Seite. In Ihren Inszenierungen gibt es keine Happy Ends. Wie wird es denn diesmal ausgehen? Das weiß ich immer erst kurz vor der Premiere. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich nur, dass ich die wahrscheinlich größte Scheinwerferkraft haben will, die es je in Österreich auf einer Bühne gegeben hat, 60.000 Watt oder so - um eine Helligkeit zu erzeugen, die dich die Augen zumachen lässt. Don Giovanni muss in einem südpolaren Sonnenlicht verglühen - in einem eisigen, kalten Neonlicht. "Don Giovanni", von 27.7. bis 21.8. im Großen Festspielhaus, Salzburg. Alle Vorstellungen sind ausverkauft. Information: www.salzburgfestival.at bzw. Tel. 0662/80!45-500. |
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