"Steh auf, beweg', was du hast,
dir gehört die ganze Nacht.
Steht auf, beweg', was du kannst,
denn Musik ist dafür gemacht."
Märtini Brös: "Dance Like It Is O.K.", 2002
"Man muss immer weiter durchbrechen", heißt es in dem Stück "Weiter", das vor drei Jahren zum bisher größten Clubhit des Hamburger Elektronikduos Egoexpress wurde. Gesungen wird das zum Songtext umfunktionierte Zitat des italienischen Kult-Regisseurs Dario Argento vom Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow. Neu an "Weiter" war die Verbindung zweier lange Zeit strikt getrennter Welten: jener des abstrakt dahinfließenden Tracks mit dem der klaren Strukturen des sofort identifizierbaren Popsongs.
Galt dieses stilistische Crossover bei der Veröffentlichung von "Weiter" noch als ungewöhnlich, so ist die Synthese von Song und Track mittlerweile zu einem Kennzeichen der jüngsten Clubkultur geworden. Von der Anonymität des Techno und seiner Protagonisten hat man sich verabschiedet, und mit der Rückkehr von Stimmen und den dazugehörigen Gesichtern hat auch der Song wieder Einzug in die elektronische Musik gehalten. Programmatisch kündigt das verdienstvolle Kölner Elektronik-Label Italic etwa seine Anfang September erscheinende erste CD-Werkschau "Dancer" als "eine neue Art von digitaler Popmusik" an, die zwar im Club zu Hause sei, aber gleichzeitig mit Songelementen arbeite.
Die Suche nach dem Durchbruch, wie sie im eingangs zitierten "Weiter" emphatisch als Leitprinzip der Popmusik erhoben wird, hat freilich schon seit geraumer Zeit ausgedient. Spätestens seit den frühen Neunzigerjahren ist die Wiederholung und das Sample an seine Stelle getreten. Die Progressivität von Pop liegt heute somit vorwiegend darin, das vorhandene historische Material zu ordnen und mit den gegenwärtigen elektronischen Produktionsmitteln neu zu interpretieren. Passend dazu verkündeten die Düsseldorfer Maschinenmusikanten von Kraftwerk schon 1986: "Es wird immer weitergehn / Musik als Träger von Ideen / Musique non stop - Techno Pop!"
Ein wunderbares Beispiel für das Prinzip innovativer Neuinterpretation liefert die kanadische Musikerin Peaches. Die Sängerin mit dem besonderen Faible für semi-pornografische Liveauftritte orientiert sich ganz offensichtlich an der räudigen Soundästhetik des Punk, die sie aber mithilfe ihrer Roland-505-Drummachine elektronisch umsetzt. So bescheiden die eingesetzten Mittel sind, so umwerfend ist das Ergebnis. Dabei klingt das Motto der Wahlberlinerin ganz simpel: "In erster Linie muss meine Musik leicht umzusetzen sein", erklärt sie. "Cheap, fast and dirty - that's the way to go! Am Beginn eines Stückes stehen immer die Beats aus meiner Groovebox, und daraus entsteht irgendwie ein Song; alles läuft sehr spontan ab. Es ist so einfach wie ein Nintendo-Spiel: Wenn dir der Beat nicht gefällt - scheiß drauf! Mach die nächste Nummer!"
Mit ihrer Mischung aus Sex, Punk, Elektronik und Performance erscheint Peaches nicht nur als Antithese zum blassen Elektronik-Nerd, der zu Hause am Laptop seine abstrakten Sounds und minimalistischen Klangverfeinerungen austüftelt. Wie ihr großmäuliger Kollege Gonzales - zu Hause in Toronto spielte man einst gemeinsam in der Indie-Rock-Band The Shit - etablierte sich die 35-Jährige in den letzten zwei Jahren als Role-Model einer neuartigen Form des elektronischen Entertainments, das sich als Tanzbodenfüller im Club ebenso eignet wie für den häuslichen Gebrauch.
Dass Techno einst nicht nur ein ästhetischer Gegenentwurf zur Rockkultur war, sondern auch das Ende des (Rock-)Starprinzips verkündete, ist für die Vertreter der elektronischen Popmusik von heute kein Thema mehr. Unter dem althergebrachten Überbegriff des "Elektro-Pop" entstanden neue Sub-Genres wie "Nu Wave", "Electroclash", "Data Pop" oder "Schlagertechno"; und die körperbetonte Liveumsetzung dieser Musik gilt im Clubkontext längst wieder als en vogue. Der Wiener DJ und Journalist Florian Horwath kann in der Rückkehr von Stimme, Gesicht und Starprinzip jedenfalls keinen Verrat am Techno erkennen: "Am Beginn des ganzen Dance-Movements stand die crowd natürlich viel eher im Zentrum, als dass man einem DJ gehuldigt hätte. Dass man sein Gesicht herzeigt, finde ich aber völlig okay - wie bei allen Dingen, die die Leute berühren."
Horwath ist seit 1995 Redakteur beim Radiosender FM4, Veranstalter des Clubabends "Softmachine" und als DJ Taschamba Fii ein äußerst umsichtiger Verfechter der Zusammenführung von Track und Song. Neuerdings findet sich sein eigenes Gesicht auch am CD-Cover des Band-Projekts Grom, das soeben beim Hamburger Label Ladomat erschienen ist. Gemeinsam mit Michael Kuhn, seinerzeit Teil des Münchner Techno-Pop-Duos Dakar & Grinser, liefert Horwath inzwischen also auch selbst die nötige DJ-Software. Das Elektro-Pop-Faible des mittlerweile in Berlin lebenden Neopopstars ist auf "Sadness Sells" jedenfalls nicht zu überhören.
Dabei stehen Grom den gefühlsbetonten Pet Shop Boys tendenziell näher als der Mensch-Maschinen-Ästhetik der Genrepioniere von Kraftwerk. "Sadness Sells" präsentiert die beiden als elektronische Romantiker, die sich aus der unterkühlten und doch anschmiegsamen Soundästhetik und der nie ganz distanzlosen Emotionalität der Texte eine eigene Welt der artifiziellen Herzlichkeit gebaut haben. In "Love/Rocket", dem Hit der Platte, mischt Horwath etwa große Gefühle mit der eigenwilligen Liebeserklärung: "My heart is a rocket when I try to be with you."
Dank seiner Eingängigkeit hätte "Love/Rocket" durchaus das Zeug, nach dem Einstieg in die Top Ten der deutschen Clubcharts auch die normalen Popcharts zu erobern. Vom alten subkulturellen Dogma der Selbstbeschränkung und Verweigerung hält Horwath in diesem Zusammenhang ohnedies nichts: "Man nimmt sich selbst zu wichtig, wenn man das zu intellektualisieren versucht. Die Frage nach großen Erklärungen nervt nur. Wenn es pfeift, dann pfeift es halt, und dann soll es überall pfeifen, wo es jemand hören will - das ist ja eigentlich das Grundgesetz von Pop!"
Gepfiffen hat es letztes Jahr etwa beim deutschen Elektroniker Mathias Schaffhäuser, dessen epische Coverversion des Achtziger-Klassikers "Hey Little Girl" als Underground-Clubhit begann und schlussendlich auf einem Hitsampler der Teeniepostille Bravo landete.
Obwohl sich die aktuelle songförmige Elektronik immer wieder auf die Popmusik der Achtziger bezieht, lässt sie sich keineswegs nur dem Phänomen der in der letzten Zeit boomenden Achtzigerjahre-Nostalgie zuschlagen. "Das so genannte Eighties-Revival ist ja eigentlich weit mehr als ein reines Revival", meint Horwath. "Es ist untrennbar mit aktuellen Rahmenbedingungen wie der allgemeinen Verfügbarkeit von Computern verbunden. Die Musik der Achtziger wurde meiner Generation halt in den Lebensrucksack hineingepackt, und inzwischen gibt es eben relativ viele Möglichkeiten, das hervorzukramen und Musik daraus zu machen. Es kommt eigentlich nur drauf an, dass man dem etwas Eigenes hinzufügt und dafür sorgt, dass das Destillat originär und interessant wird."
Mit seinen 29 Jahren zählt Horwath zu den jüngeren Protagonisten des Elektro-Pop, der weniger von den Kids als vielmehr von Thirtysomethings getragen wird - von Leuten also, die musikalisch durch Punk, Indie-Rock oder eben Achtziger-Jahre-Pop sozialisiert wurden, gleichzeitig aber auch Techno mitbekommen haben. "Man merkt an den vielen aktuellen Projekten, dass hier ganz unterschiedliche Dinge im Kopf zusammenwachsen", erklärt Horwath. "Techno hatte ja eine ganz andere Struktur als Indie-Rock oder Punk, es hat auch ganz andere Dinge bedient und die Sinne anders berührt. Viele Leute, die das jahrelang in sich aufgesogen habe, tun jetzt eben wieder den Schritt zurück. Und natürlich ermutigen sich die Leute gegenseitig. Das ist wie in einer Schulklasse: Wenn einer anfängt, den einen Träger der Latzhose nach unten zu tragen, dann trauen sich das langsam alle."
Mittlerweile trauen sich offensichtlich wirklich "alle": Die songförmige Elektronik ist zum globalen Phänomen geworden, das sich nicht mehr an einzelnen Städten, Labels oder Szenen festmachen lässt. Seine kommerziellen Dimensionen und Potenziale sind nur schwer abzuschätzen; die Clubhits von heute gelten aber vielerorts schon als die großen Charts-Themen von morgen. Das Plattenlabel Ministry Of Sound etwa lässt es sich zwei Millionen Dollar kosten, um das 2001 auf dem Gigolo-Label der Münchner Techno-Eminenz DJ Hell veröffentlichte Debütalbum der New Yorker Formation Fischerspooner im großen Stil neu herauszubringen. Peaches wechselt mit ihrem anstehenden zweiten Album vom Indie-Label Kitty-Yo zu Sony, und das Album "Pläy." des Berliner Duo Märtini Brös gilt beim Branchenriesen Universal als eine der wichtigeren Veröffentlichungen dieses Sommers.
Bislang waren Märtini Brös mit ihren Vinylmaxis auf dem Poker-Flat-Label des Minimal-House-Produzenten Steve Bug erschienen und auf diese Weise fest im Dance-Underground verankert gewesen. Durch die Veröffentlichung ihres CD-Debüts bei einem großen Major-Label könnten die verspielt housigen Techno-Pop-Stücke mit ihren ebenso infantilen wie charmanten Texten in Zukunft durchaus auch Pophörer ohne Club-Ambitionen erreichen. Nicht zufällig singen Märtini Brös ja: "Wir flashen jedes Weekend / Und alles just for you / Wir tun es 'cause we love it / Kommt her und hört uns zu!"
In den Wiener Clubs fällt das Zuhören bislang übrigens eher schwer. Abgesehen von Horwaths derzeit nur sehr unregelmäßig stattfindender "Softmachine" hat sich noch kein größerer Clubabend im Zeichen des Elektro-Pop etabliert. Um einschlägige Plattenveröffentlichungen ist es ähnlich karg bestellt. "In Berlin bekommt man das eben an ganz vielen Orten serviert, und dadurch wird man wahrscheinlich auch eher animiert, selbst aktiv zu werden", meint Horwath. "In Wien werden die Sachen dafür sehr gründlich gemacht und so richtig durchexerziert. Hier ist es wie beim Goldsuchen: Man sucht noch immer nach dem goldenen Downtempo-Nugget - und irgendwie ist das ja auch super." Q
DIE BESTEN TONTRÄGER
Song & Dance, Emotions & Electronics
Chicks on Speed: Will Save Us All
(CoS/Ixthuluh)
Die Techno-Girlgroup mit den Münchner Art-School-Wurzeln lässt sich für ihre neue Single "Fashion Rules" von und mit Karl Lagerfeld fotografieren und veröffentlicht Anfang 2003 endlich den Nachfolger zum Aufsehen erregenden 2000er-Debüt.
Grom: Sadness Sells
(Ladomat/Zomba)
Der FM4-Mann Florian Horwath alias DJ Tschamba Fii mischt mit der lachenden Häfte des inzwischen aufgelösten Techno-Pop-Duos Dakar & Grinser große Emotionen mit eingängigen Elektroniksounds. Das Ergebnis wirkt im positiven Sinne naiv und kenntnisreich zugleich.
Justus Köhncke: Was ist Musik
(Kompakt/Ixthuluh)
Kampfbegriff "Schlagertechno": Der Kölner Disco-Bohemien drückt am liebsten nach durchfeierten Nächten auf den Aufnahmeknopf und muss nicht lange nach den großen Gefühlen suchen. Bringt Techno-Clubs zum Wackeln und lässt die finstersten Kneipen hell erstrahlen.
Märtini Brös: Pläy.
(Superstar/Universal)
Als Märtini Brös zählen Mike Vamp und Clé seit Jahren zum Fixbestandteil des deutschen Club-Undergrounds. Jetzt wagen sie sich endlich ans Tageslicht und veröffentlichen ihre mit charmant-infantilen Texten gespickten Minimal-House-Ohrwürmer erstmals auf CD.
Miss Kittin & The Hacker: First Album
(Gigolo/Ixthuluh)
Heute macht Miss Kittin mit ihrer Stimme die Tracks von angesagten Produzenten (Felix da Housecat, Antonelli Electr.) zu Hits. 1998 ritt sie mit ihrem Spezi Hacker und Stücken wie "1982" auf der ersten Welle des neuen Elektro-Pop. Die CD versammelt Altes und Neues.
Mitte Karaoke: Aufschlag Mitte Karaoke
(WMF/Ixthuluh)
"Nach der Party ist vor der Party", scheint das Motto des erfrischenden Berliner Duos zu lauten. Elektro-Beats zwischen Mouse on Mars und angesäuselten Kraftwerk werden mit lustigen Melodiefetzen zu sympathischen kleinen Hymnen ausgebaut.
Peaches: The Teaches of Peaches
(Kitty-Yo/Ixthuluh)
Das Debüt der Wahlberlinerin aus Toronto liefert ein explosives Gemenge aus expliziten Sex-Lyrics und den räudigen Beats einer Roland-505-Groovebox. Peaches könnte mit ihrem zweiten Album von der gefeierten Underground-Figur zum globalen Popstar werden.
Ural 13 Diktators: Techno Is Dead
(Ural 13/Black Market)
Das selbst für finnische Verhältnisse durchgeknallte Duo erklärt Techno kurzerhand für tot, um auf den zwölf Stücken seine Wiedergeburt im Sinne von hartem Trash-Pop einzuläuten. Eine streckenweise famose Mischung aus KLF, Laibach und Modern Talking.
Diverse: International DeeJay Gigolos CD Six
(Gigolo/Ixthuluh)
Der Münchner Technopop-Präsident DJ Hell geht aufs Ganze: Eine wilde, aber dennoch schlüssige Doppel-CD mit überwiegend poppigen Elektro-Punk-, Techno-, Disco- und House-Stücke seines eminent erfolgreichen Gigolo-Labels.
Diverse: Defining Tech
(Orbisonic/Ixthuluh)
Diverse: This Is Not The 80s
(Incredible/Sony)
Aktuelle Sampler mit globaler Ausrichtung, die sich dem retro-futuristischen Elektro in seinen unterschiedlichen Spielarten verschrieben haben. Ersterer als handlich-kompakter Überblick, Letzterer als vierzig Stück starke Doppel-CD.
SEBASTIAN FASTHUBER, GERHARD STÖGER
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