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Hohe Stirn, flaches Land
AMTSSTIL  Mit der Flutkatastrophe avancierte Niederösterreichs Landeshauptmann zum unumstrittenen Polit-Star. Ist Erwin Pröll ein gütiger Landesvater oder bloß ein schwarzer Haider? GERALD JOHN und NINA WEISSENSTEINER

IN LIEBE, ERNST STRASSER: "Bester Bauch der Republik"

Falter 35 Originaltext aus Falter 35/02 vom 28.08.2002

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Man traut seinen Ohren kaum. Erwin Pröll will die Presse nicht dabei haben. Auch wenn es gerade eine Woche her ist, dass Niederösterreichs Landeshauptmann Tag und Nacht für die Medien posierte. In Stoßgebets-Haltung, knietief in der Schwemme. Vor zerstörten Häusern, mit in Sorgenfalten gelegter Stirn. Sogar hüfttief im Wasser, in einer Menschenkette und mit düsterem Blick. "Die Familie Niederösterreich", predigte Pröll in die Mikros unter seiner Nase, "ist erstklassig und einmalig."

Nun bittet Erwin Pröll "um Verständnis". Seine neue Keuschheit gegenüber den Medien erklärt der Landesvater so: "Jetzt vertrauen mir die Menschen ihre - zum Teil intimen - Schicksale an." Da brauche es "kein Blitzlichtgewitter".

Sprachs und erschien kurz darauf in den ORF-"Seitenblicken". Zum Auftakt des Wachauer Weinherbstes in Krems. Er wollte "schon absagen", beteuerte Pröll in der Promi-Sendung, aber nun gelte es, die Qualitäten Niederösterreichs "über die Grenzen des Landes hinaus" bekannt zu machen.

Seelsorger und Familienvater, Medienstar und Wanderprediger, Einsatzleiter und Volkstribun - die 24 Stunden eines Tages reichen für Erwin Pröll kaum aus, um alle seine Rollen auszufüllen. Fünf, sechs Stunden pro Nacht legt er sich üblicherweise aufs Ohr, das Hochwasser reduzierte sein Schlafpensum um die Hälfte. Dafür wächst die Zahl seiner Verehrer. Umfragen weisen Pröll als unumstrittenen Star der Flutkatastrophe aus, da konnte Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer so viel Schlamm schippern, wie sie wollte. Auch seine Amtskollegen aus den anderen Krisengebieten verblassten gegen ihn, wie der blutarme Oberösterreicher Josef Pühringer, der Prölls Parolen holprig nachbetete.

Die Landtagswahlen im März 2003 kann der Titelverteidiger kaum noch verlieren. Hoffen darf Pröll nun sogar auf die absolute Mehrheit. Seit zehn Jahren regiert er das größte Bundesland. Und ist dabei kein Abklatsch irgendeines verblichenen Landesfürsten. Weder hat er sich das Gehabe des Tirolers Eduard Wallnöfer angeeignet, noch Fernsehaufnahmen des Steirers Josef Krainer studiert. Schon gar nicht kupfert er die Schützengrabentaktik der ÖAAB-"Stahlhelmpartie" um seinen Vorgänger Siegfried Ludwig ab. "Die alten Patriarchen gaben sich zwar gütig, aber streng. Das Volk sah zu ihnen empor", analysiert der Meinungsforscher Peter Ulram: "Pröll hingegen verkörpert den kumpelhaften Typ, der sich in die Menge mischt." Und unkonventionelle Wege beschreitet: Im Landtagswahlkampf 1998 setzten sich Pröll und sein Team schwarze Sonnenbrillen auf, um als "Men in Black" - der Kultstreifen lief gerade in den Kinos an - auf Stimmenfang zu gehen. Im Stil unterscheidet sich Pröll von den Altvorderen. In den Resultaten seiner Politik nicht unbedingt.

Der geschiedene Wiener Parteiobmann Bernhard Görg definiert die Erfolgschancen für eine steile Karriere in der ÖVP so: "Erste Voraussetzung ist, dass man eine gute Organisationsstruktur hat. Zweitens braucht man ein hohes Illoyalitätspotenzial."

Punkt eins erfüllt Erwin Pröll wie kein anderer. Seine Untertanen respektieren ihren Gebieter nicht bloß, sie sind ihm ergeben. 11.355 Bedienstete des Landes gaben bei der Wahl für die zentrale Personalvertretung eine gültige Stimme ab, alle für die Liste der ÖVP. Von 21 Bezirkshauptmännern sind 21 schwarz. Unter den 42 Stellvertretern soll es einen roten geben, doch der will auf keinen Fall geoutet werden. "Pröll setzt seine Personalpolitik mit der notwendigen Brutalität durch", sagt Ex-SPÖ-Innenminister Karl Schlögl, der seine Karriere als Landesrat in Niederösterreich fortsetzen wollte. Nach wenigen Monaten warf Schlögl entnervt das Handtuch. "Die haben mich nach Strich und Faden durch den Kakao gezogen."

An medialen Foren mangelt es Pröll dabei nicht. Da gibt es etwa die "unabhängigen" Niederösterreichischen Nachrichten. Vergangene Woche brachte ein NÖN-Kommentator Folgendes zu Papier: "Erwin Pröll legte den Beweis ab, dass sein Wirken und sein Handeln weit weg sind von der Oberflächlichkeit, wie sie seine Kritiker gerne sehen würden. Klare Entscheidungen, sofortige Hilfsmaßnahmen - die Handschrift eines Top-Managers, wenn es darauf ankommt."

Kaum schlechter kommt der Platzhirsch in der Kronen Zeitung mit ihrem Faible für starke Männer weg. Öfter als Herausgeber Hans Dichand treffe er aber Adabei Michael Jeannée, erzählt Pröll. Der Gesellschaftsreporter hat den Landeshauptmann zu seinem Lieblingspolitiker geadelt. Journalisten, die das nicht von sich behaupten, behandelt Pröll hingegen nicht immer liebenswürdig: Einem Presse-Redakteur verweigerte er wegen eines kritischen Artikels einmal den Zutritt zu einer Pressekonferenz. "Eine gute Freundschaft" verbindet Pröll natürlich auch mit Raiffeisenbank-Chef Christian Konrad, der Beteiligungen an profil und Kurier hält. Wortident charakterisiert Pröll sein Verhältnis zu ORF-Generalintendantin Monika Lindner, die früher das niederösterreichische Landesstudio führte. "Es ist jedes Mal ein Anlass zur Freude, wenn ich ihn sehe", schwärmt Lindner.

Bei den wenigen, die im Land nicht mitjubeln, hat sich Pröll wegen seiner mannigfaltigen Einflusses den Spitznamen "die Krake" eingehandelt. Dabei war es nicht immer der Oberboss, der persönlich die Tentakel ausstreckte. Ernst Strasser vollstreckte in Niederösterreich jahrelang die Pröll'sche Machtpolitik, die er im selben Stil nun im Innenministerium und seit kurzem auch bei der roten Wiener Polizei exekutiert. Strasser ist Prölls Statthalter in Wien - und macht aus seiner Verehrung für Pröll kein Hehl (siehe Kasten).

Seit seinem Amtsantritt als Landesfürst vor zehn Jahren, bastelt der Radlbrunner auch am eigenen parteiinternen Mythos: Nicht bloß Regent über das größte Bundesland will er sein, sondern auch graue Eminenz, schwarzer Königsmörder beziehungsweise -macher und obendrein Präsidentschaftskandidat in Reserve. Lustvoll stilisiert sich Pröll abwechselnd als Architekt oder Skeptiker von Schwarz-Blau. Als gesichert gilt, dass Wolfgang Schüssel Pröll während der Sondierungsphase im November 1999 ersuchte, gemeinsam mit Jörg Haider zu dinieren. Dabei soll der Kärntner dem Niederösterreicher erstmals formell den Kanzler für die ÖVP angeboten haben. Ab diesem Zeitpunkt hatte Schüssel Prölls Segen. Das Zugeständnis des ÖVP-Chefs an den Landeshauptmann: Ernst Strasser.

Prölls bundespolitisches Debüt ging allerdings ordentlich in die Hose. Zum Jahreswechsel 1994 leitete er die Demontage des damaligen Obmannes Erhard Busek mittels aufrührerischer Zeitungsinterviews ein ("müssen ihm stärker ins Ruder greifen"), doch Prölls Gegenkandidaten ? der heutige Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl und der Linzer Uni-Rektor Johannes Hengstschläger - blitzten bei den Granden ab. Das peinliche Ende: Der von Pröll als Quereinsteiger auserkorene Hengstschläger wartete während der entscheidenden Parteisitzung im Café Landtmann auf seinen Antritt. Doch der fand nie statt.

Sein politisches Ränkespiel hat Pröll seither entscheidend verbessert. Sogar Jörg Haider scheint sich die eine oder andere Finte abzuschauen. Vieles von dem, was Haider dieser Tage seiner Parteichefin zumutet, gemahnt an die Methoden seines niederösterreichischen Pendants. Pröll schwänzte schon trotzig Parteivorstände und meckerte über Regierungsbeschlüsse, als die Freiheitlichen noch auf der Oppositionsbank versauerten. 1996 war Obmann Schüssel bei Pröll in Ungnade gefallen, weil er dessen Wunschkandidaten bei den EU-Wahlen auf einen aussichtslosen Listenplatz gereiht hatte. Monatelange Pröll-Absenz bei Vorständen, Koordinierungssitzungen und beim Dreikönigstreffen waren die Folge. Parallel dazu konferierte der Provinzkaiser mit Schüssel nur mehr über die Medien. Die finanziellen Beiträge zum ÖVP-Bundesbudget und den Landeszuschuss zum schwarzen EU-Wahlkampf blieb Niederösterreich in diesem Jahr lange schuldig.

Über Pröll’sche Racheaktionen konnte Ex-Vizekanzler Busek zu diesem Zeitpunkt nur noch als Polit-Pensionär bilanzieren. Denn als der Schüssel-Vorgänger mit Franz Vranitzky nach langen Verhandlungsnächten die Neuauflage der rot-schwarzen Regierung ("Koalition neu") verkünden wollte, watschte Pröll den Obmann medial ab. Und auch damals hatte Pröll zuvor die Rgierungsverhandlungen von seinem Terminplan gestrichen. Die Antrittspressekonferenz der Koalition konnte schließlich nur mit zweistündiger Verspätung beginnen, weil Pröll für die Einholung seines Segens unerreichbar war. Ein Insider: "Das war Pröll live."

Wie das besonders komplizierte FPÖ-Mitglied in Kärnten schert sich auch der niederösterreichische Volkstribun oft nicht darum, was graue Theoretiker in Wien oder Straßburg beschließen. Den futuristischen Bau des 1997 eingeweihten Regierungsviertels in St.Pölten hatte Pröll entgegen aller Vorschriften nicht EU-weit ausgeschrieben. Für seine Kampagne gegen den Bau des Semmeringtunnels ließ sich Pröll einen genehmen Bescheid zimmern. Mit dem untersagte das Land Niederösterreich den Bau der Röhre. Das letzte Wort in der Causa hatte schließlich der Verfassungsgerichtshof. Er hob den entscheidenden Paragraphen von Prölls Bescheid auf.

Auch schwarzes Kaderdenken schert den Landeshauptmann wenig, wenn es gilt, beim Wähler zu punkten. Mitten im ärgsten Trubel um das blaue Temelín-Volksbegehren erklärte Pröll, dass man gegen die Tschechen immerhin noch "die Veto-Karte im Ärmel" hätte. Damit desavouierte Pröll wieder einmal Schüssels Kurs.

Seinen eigenen Mitarbeiterstab hat der Spross einer Weinbauernfamilie aber fest im Griff. "Selbst nach mehreren Achteln", erzählt ein schwarzer Insider, "raunzen seine Mitarbeitern nicht über den Chef." Selbst Prölls Bekenntnis, als einziges Buch Karl Mays "Schatz im Silbersee" fertig gelesen zu haben, gewann Landesparteisekretär Strasser noch Erfreuliches ab. "Das mögen die Leut'", soll Strasser einen Skeptiker zurechtgewiesen haben, "damit wirkt der Landeshauptmann wenigstens net so obergscheit."

Ziemlich hart nimmt Choleriker Pröll, bei dessen Wutausbrüchen gelegentlich Aktenordner durchs Büro fliegen sollen, seine Gegner im Landtag ran. SPÖ-Landesrat Fritz Knotzer: "Selbst auf der Regierungsbank hat sich Pröll nicht im Griff." Die grüne Landtagsabgeordnete Brigid Weinzinger bekommt Prölls Temperament besonders oft zu spüren. "Wenn ich am Rednerpult stehe, braucht es circa dreißig Sekunden, bis er einen Tobsuchtsanfall bekommt." Als die Grüne einem ÖVP-Abgeordneten im Juni einen symbolischen Kosmetikkoffer für das beschlossene Budget überreichen wollte, packte Pröll den Kollegen grob am Arm ("Du wirst dir net von der Weinzinger was in die Hand drucken lassen") und verließ wutentbrannt das Plenum. Solche Momente werden vom sonst omnipräsenten ORF-Landesstudio Niederösterreich freilich nie gesendet.

Nur einmal, im Wahlkampf 1998, legten die Freiheitlichen Pröll ein Ei. Sie filmten, als sich ein Geistlicher bei einem Dorffest erfrechte, die sozialen Nöte des Landes zu thematisieren. Diesen schrie Pröll zusammen: "Sollten wir wieder einmal demnächst irgendwo zusammenkommen, dann legen Sie sich bitte mit mir nicht an und versauen Sie auf diese Art und Weise nicht eine Feierstunde, sonst müssen wir anderswo weiterreden." Pröll zu seinen cholerischen Ausbrüchen: "Ich lache laut und kann mich sehr ärgern. Das tut mir gut, und das werde ich in meinem Alter sicher nicht mehr ändern."

"Ein Landeshauptmann ist ein Mittelding zwischen dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler", hat Erwin Pröll einmal über sein Amtsverständnis gesagt. Als Ersterer bringt er sich selbst manchmal ins Spiel. Der Letztere schätzt ihn, beobachtet ihn allerdings mit argwöhnischem Blick. Ähnlich wie die Viezkanzlerin ihren Landesfürsten Jörg Haider fasst auch Wolfgang Schüssel den seinen lieber mit Samthandschuhen an. Unter den sieben schwarzen Landeshauptleuten gilt Pröll seit Jahren als Primus inter Pares, dem alle ehrfürchtig lauschen, sobald er das Wort erhebt. "Schüssel ist vor allem skeptisch wegen Prölls Freundschaft zu Häupl", erklärt ein Parteivorständler des Kanzlers Misstrauen gegenüber Pröll. "Das wertet aus seiner Sicht den Wiener Bürgermeister auf."

Häupl wie Pröll verbindet nicht nur Amt, sondern auch gemeinsame Besuche von Fußballtribünen (beide Austrianer), Opernball (mit dem Landeswappen des jeweils anderen am Revers) und des Wiener Steirerecks (unlängst mit Thomas Klestil). Sehnsucht nach der alten großen Koalition? Pröll spielt das Stelldichein im Gourmettempel herunter: Es sei bloß das Amtsjubiläums des Bundespräsidenten zelebriert worden.

Wer weiß: Vielleicht traf dabei sogar der Amtsinhaber auf seinen Nachfolger. Seit seinen Auftritten beim Hochwasserdesaster rechnen Meinungsforscher Pröll die besten Chancen von allen möglichen ÖVP-Kandidaten aus, eine Bundespräsidentenwahl zu gewinnen. Für seinen Günstling Ernst Strasser würde dann womöglich die schönste Stunde seines Politikerlebens schlagen: Als Innenminister dürfte er Prölls Sieg verkünden.

 
IN LIEBE, ERNST STRASSER
"Bester Bauch der Republik"


Im Zuge der Recherchen fragte der Falter auch im Büro von Innenminister
Ernst Strasser, der langjährigen rechten Hand Erwin Prölls, um ein
Statement an. Hier die Antwort des Innenministers per E-Mail:

"Erwin Pröll hat den besten ,Bauch' der Republik neben Herrn Dichand. Er spürt, was die Leute bewegt, intuitiv und sofort. So wie jetzt beim Hochwasser.
Sein Mitgefühl ist für jeden Außenstehenden spürbar. Im direkten Kontakt, über Fotos, über das Fernsehen.
Er braucht da keine großen Analysen, Spindoktoren sind ihm ein Gräuel.

Erwin Pröll ist ein sehr treuer Mensch. Er verlässt sich auf Menschen, nicht auf Papiere und Akten. Und er steht auch zu diesen, wenn diesen der Wind scharf ins Gesicht blässt. Auf den Erwin kann man sich verlassen. Ich habe das am eigenen Leib erleben dürfen. Das ist im politischen Geschäft sehr selten (geworden).
Erwin Pröll ist sehr konsequent. Er denkt mittel- bis langfristig, spricht das mit seinen engsten Mitarbeitern durch und arbeitet dieses Programm präzise ab.
Ja, er ist meist der genaueste Hüter dieser Strategie.
Erwin Pröll wird oft als hart dargestellt. Dabei wird von manchen Medien übersehen, dass er ein sehr sensibler, außerordentlich warmherziger Mensch und Politiker ist. Aber Medien hin oder her, die Leute spüren das und schätzen das an ihm. Ich auch.
Erwin Pröll mag die Leute. Besonders die einfachen Leute. Da lebt er richtig auf. Das wird in der intellektuellen Szene da und dort belächelt. Ich halte das für einen besonders liebenswerten Teil von ihm.

Ernst Strasser"

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