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ECHTE WIENER Sie singen uralte Lieder von Liebe, Tod, dem Herrgott, dem gutem
Papperl und dem feinen Glaserl Wein. Die letzten echten Wienerliedsänger leben in ihrer
kleinen Welt, wo es viel Schmalz, aber keinen Kitsch gibt: Leute wie Kurt Girk, der Frank Sinatra
von Ottakring. Wie wienerisch sind die letzten echten Wiener wirklich? JULIA ORTNER Wienerliedfestival WEAN HEAN: Kraut und Rüben |
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Für große Gesten und echtes Pathos ist in der kleinen Ottakringer Gemeindebauwohnung nicht so wirklich Platz, da würde sich Kurt Girk irgendwo zwischen rosa Tüllvorhängen, bunten Polstermöbeln und schweren Einbauschränken verheddern. Deshalb hält er sich daheim mit seiner Spezialität, dem mit Inbrunst vorgetragenen echten alten Wienerlied, etwas zurück. Girk spart sich seine großen Gesten für die diversen Vorstadtwirtshäuser, Heurigen und Liederabende, wo der 70-Jährige noch immer regelmäßig auftritt. "Des Singen ist mein Leben, des mach ich, solang mir die Leute nicht zurufen: Halt doch endlich die Goschn", sagt der alte grauhaarige Herr mit den jungen blauen Augen. Nicht nur wegen dieser blauen Augen nennen sie ihn den "Frank Sinatra von Ottakring". Es ist seine ganz persönliche Art, Lieder zu interpretieren, mit dramatisch geballten Fäusten abwechselnd das Schicksal zu beschwören und dann wieder mit weit ausgebreiteten Armen die Welt zu umarmen, die ihn zu einem der letzten großen Entertainer und Wienerliedinterpreten der Stadt gemacht hat. Auch wenn sein liebevoll mit Seidenblumen, alten Fotos und rosa Kissen voll geräumtes Domizil nicht gerade viel Las-Vegas-Flair versprüht - Kurt Girk hat das, was die Frankie Boys und Tony Bennets dieser Welt haben, nur eben auf Ottakringerisch. Wenn er, mit akkuratem grauen Scheitel, in schwarzen Anzughosen und blitzweißem Hemd, den Kragen leicht geöffnet, die zwei schweren Siegelringe an den Fingern, den x-ten Tschik aus dem schwarz-goldenen Zigarettenetui holt und grinst, sieht er aus wie einer von den abgebrühten Las-Vegas-Show-Profis. "Da Sinatra hat ja nie erfahren, dass es mich auch noch gibt", meint der Kurtl, wie ihn Freunde nennen, dann mit seinem Mann-von-Welt-Lächeln. Aber auch das weltmännische Gehabe, seit fünfzig Jahren auf diversen Vorstadtbühnen erprobt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Frankie Boy aus dem 16. ein einfacher Typ geblieben ist: so bescheiden, dass es fast schon wehtut. "Ich wollt nie in die Welt hinaus, Karriere machen: Schon in Breitensee krieg ich Hamweh nach Ottakring", erzählt Girk und schaut ganz melancholisch. Lieber ein Held im 16. als ein Niemand in der großen weiten Welt. Ottakring, das Girk nie verlassen hat, gilt heute noch immer als Ursprungsort und Mekka des echten alten Wienerlieds. Hier und im Nachbarbezirk Hernals spielen die letzten Verfechter der Wiener Tradition noch immer regelmäßig in kleinen Heurigen oder beim Vorstadtwirtshaus die hundert Jahre alten einfachen Lieder von Liebe, Tod, dem Herrgott, dem guten Papperl und dem obligaten Glaserl Wein. Mit billigen oder schnulzigen Nachahmungen der alten Lieder, mit den "Hadern" wollen Wienerliedlegenden wie Kurt Girk, Karl Hodina oder Trude Mally nichts zu tun haben. Sie treten ohne Mikrofon, ohne Verstärker, ohne technischen Schnickschnack auf - "Natursänger" mit großen, aber nicht klassisch ausgebildeten Stimmen, die die so genannten "alten Tanz" in der überlieferten Form vortragen können. Diese alte Musik, die viel Schmalz und Gefühl hat, aber in ihrer eigenen kleinen Welt jenseits des Kitschs der TV-Volksmusikanten existiert. In diese Welt will "Wean hean", das Wienerliedfestival (siehe Kasten unten), jetzt auch Leute ziehen, die beim Wienerlied nur an grantelnde alte Männer vorm Veltlinerglas denken. Und nicht an die Kombination von Wehmut und Humor, an die Melange von Traditionellem mit Fremdem, die Wienerliedexperten wie Karl Hodina in ihren Liedern verbinden. Hodina, Maler, Volksmusiker und Jazzer, der in den Sechzigerjahren die Renaissance des schon beinahe in Vergessenheit geratenen alten Wienerlieds begründete, hat seitdem immer wieder die Grenzen zwischen den Volksmusiken verschiedener Länder überschritten. Mit Alegre Corrêa hat er brasilianisch-wienerische Lieder aufgenommen, sein "Herrgott aus Stan" ist ein moderner Klassiker des Wienerlieds, der sich von den uralten Liedern nicht unterscheidet. Auch Hodina ist dieses Jahr wieder bei "Wean hean" dabei. "Echte Volksmusik umfasst alle Facetten des menschlichen Daseins - von schwermütig bis himmelhoch jauchzend", erklärt er. "Und diese menschlichen Grundstimmungen ziehen sich von der argentinischen Volksmusik bis zur wienerischen: Die Wiener haben die Schwermut ja nicht für sich gepachtet." Hodina muss es wissen - schließlich hat er auch für seine Verdienste ums Liedgut diverse Auszeichnungen erhalten - vom Professor bis zum Goldenen Verdienstkreuz der Stadt. Der Girk-Kurtl ist kein Professor und auch kein Intellektueller - vorm Hodina-Karl, "a echter Freund, auch aus Ottakring", hat er großen Respekt: "Der is eine Kanon', ein großer Komponist." Geld und Ehre sind dem grauhaarigen Entertainer nicht wirklich wichtig. "Ich hab meine Pension, damit komm ich gut aus", grummelt Girk, während er sich in seinem plüschigen Wohnzimmer auf den Auftritt des Abends vorbereitet. Ein Wiener Liederabend im kleinen Kreis, in einem Café auf der Wilhelminenstraße. Dort, im schummrigen Hinterzimmer, lässt er seine eingeschworene Fangemeinde den Mief des Café Gatsby vergessen, wenn er mit großen Gesten die gute alte Zeit und das Gute an sich beschwört: mit seinem schönen Schmettertenor, der noch nach ein paar tausend verrauchten Heurigenabenden das Timbre von Zarah Leanders kleinem Bruder hat. Sinatra hatte sein Ratpack, Girk hat seinen Boffi: der schweigsame alte Freund und Akkordeonspieler, der seit Jahren im Duo mit dem Kurtl auftritt und den keiner mit seinem bürgerlichen Namen Adolf Sila ruft. Boffi sagt nicht viel, sondern schaut nur finster, wenn jemand Girks Vortrag durch Tuscheln stört: Plaudern gibts nicht, wenn die Musik spielt. Boffi begleitet Girk auch im Gatsby, wenn der die "Vier Engerl" oder seine selbst komponierte Liebeserklärung an den Heimatbezirk, "I hab' Hamweh nach Ottakring", singt. Dazwischen gibts ein paar Schlager aus den Dreißigerjahren, zur Auflockerung. Girk ballt die Fäuste, schmettert gen Himmel, trillert den Freunden mit ausgebreiteten Armen entgegen: Dramatik pur. "Als ich den Kurt vor acht Jahren das erste Mal singen sah, war ich mir nicht sicher, ob er nicht nur ein guter Schauspieler ist", erzählt der Karl, ein kunstsinniger ehemaliger Schriftsetzer. "Aber der Kurt ist so, wie er singt: mit vollem Herzen dabei, bis zur Erschöpfung." Das totale Entertainment, mit einem Hauch Weltschmerz. Wenn Girk sich richtig ins Zeug legt, kriegen selbst die harten Männer mit den dicken Goldketterln wässrige Augen. Das Erfolgsgeheimnis des Sängers: Ihm ist nichts Menschliches fremd, keine Emotion peinlich. Aufgewachsen als Kind einer Arbeiterfamilie in dem Grätzel um die Speckbachergasse, lief der kleine Kurti schon als Bub hinter den Straßensängern her und klaubte die Groschen für sie ein, die spendable Ottakringer aus dem Fenster warfen. Die Eltern, ein Schuster und eine Köchin, hätten den begabten Sohn gerne zu den Sängerknaben geschickt - wenn sie das Geld für die teure Ausbildung gehabt hätten. Also lernte Girk eher unwillig das Schneiderhandwerk, das Singen brachten ihm Lokalmatadore wie der letzte Straßensänger Wiens, Pepi Schuöcker, bei. Schon als 16-Jähriger stand Girk auf der Bühne, später sang er mit Wienerliedlegenden wie der Nagl-Maly. Der Natursänger wurde zum Geheimtipp der Szene - reich geworden ist er mit seiner Kunst allerdings nie. Sein Leben finanzierte sich Girk nach dem Krieg mit einem kleinen Obst- und Eisenhandel, später eröffnete er sein eigenes Wirtshaus. 1968 wanderte er für ein paar Jahre ins Gefängnis - wie es dazu kam, darüber spricht Kurt Girk heute nicht mehr gerne. Nach dem Häfen machte das Ottakringer Original die Musik doch noch zu seinem Hauptberuf - sogar im Gefängnis soll er nicht aufgehört haben zu singen: mit der Jailhouse-Rockband, einer flotten Lebenslänglichen-Combo. Vorurteile und Angst vor dem Fremden kennt Girk nicht. "Leb'n und leb'n lassen" ist nicht nur ein von ihm geschriebenes Lied, sondern auch sein Lebensmotto. Unermüdlich, wie ein Missionar, singt er die Lieder aus der guten alten Zeit und erklärt Ignoranten, was ein echtes Wienerlied ist. Leuten wie diesem "Seitenblicke"-Reporter damals musste der Kurtl auf die Sprünge helfen, weil der blöd gefragt hat, warum die Wienerlieder immer so traurig sind. "Weil die Lieder so sind wie das Leben, das ist eben einmal traurig, dann wieder lustig", hat Girk dem Seitenblicker erklärt. Girk schaut noch heute genervt aus seinen Sinatra-Augen, wenn er an den Typen denkt. Dabei sei es doch so einfach, die tiefe Wahrheit zu kapieren, die hinter den alten Melodien steht: "Wenn der Herrgott net will, nutzt des gar nix", zitiert Girk den berühmten Text. "Mit Herz und Sinn" heißt auch eine CD-Aufnahme vom Kurtl. Aufs Herz legt er überhaupt großen Wert. "Der echte Wiener ist potzwach", sagt er und raucht sich die nächste an. Der Frank Sinatra von Ottakring hat keine Angst vor dem Klischeebild des gottergebenen, gefühlsduseligen echten Wieners: Er ist halt so. Das Urwienerische hat ihm schon in den Siebzigerjahren zu überregionaler Prominenz verholfen. Damals sang er bei den Wienerliederfrühschoppen des "Club Wien", den der schwarze Kulturpolitiker und Journalist Jörg Mauthe ins Leben gerufen hatte. Dort hat der schwarze Bundesobmann Josef Taus bei sentimentalen Liedern in sein Glasel geheult, genauso wie Wiens VP-Chef Erhard Busek. "Der Erhard hat echt was vom Wienerlied verstanden, ein Kenner", sagt Girk. Mauthe hat den Ottakringer Lokalmatador dann sogar literarisch geehrt - Girk wurde unter dem Pseudonym Ferdi Brettschneider in Mauthes "Die Vielgeliebte" ein Denkmal gesetzt. Kurt Girk brachte aber nicht nur die Schwarzen, sondern auch diverse Halbweltgrößen der Stadt zum Heulen: Der Stoßkönig Josef Pecha war damals zum Beispiel einer von Girks begeistertsten Fans, gemeinsam mit den Kollegen gehört er zu den großzügigsten Förderern des Wiener Liedguts. "Ohne die Halbweltler hätten die letzten Sänger in den Fünfzigerjahren aufgegeben, weil sich sonst niemand für unsere Musik interessiert hat", erzählt Girk. "Des waren echte Sponsoren: Die haben ordentlich Trinkgeld gebn." Berührungsängste kennt der Entertainer kaum - nur mit massentauglicher Musikantenstadl-Musik kann er nichts anfangen. "Des is ka ehrliche Musik", meint er einfach. Und Unehrliches mag er nicht so gern. Sein alter Spezi Karl Hodina bringt die Aversion der letzten Wienerliedsänger gegen die Moik-Festspiele präziser auf den Punkt. "Das ist volkstümliche Musik, die nichts mit echter Volksmusik zu tun hat. Ob man zwanzig Bier trinkt oder den Moik anschaut: Das ist eigentlich der gleiche Unterhaltungswert." Kurt Girk tritt jeden letzten Freitag im Monat im Wirtshaus "Die Füchse", 17., Hernalser Hauptstr. 128, ab 20 Uhr, auf. Informationen und Termine zu Wienerliedveranstaltungen findet man unter www.wvlw.at Wienerliedfestival WEAN HEAN Kraut und Rüben Die Sehnsucht nach den Bergen, nach dem naturbelassenen Leben am Land, steht im Mittelpunkt der dritten Ausgabe des Wienerliedfestivals "Wean hean" vom 30. September bis zum 11. Oktober. Alte Wiener Melodien und neue Fusionen verschiedener Volksmusiken werden bei der Veranstaltung präsentiert, die vor allem Wert auf das authentische Volkslied legt. Zur Eröffnung am 30. September rufen die Berge: "Vom Alpentraum und Höhenrausch der Wiener" singen Aniada a Noar, Trude Mally & Roland Sulzer oder das Alphorntrio, im Semper-Depot, 6., Lehargasse 6, Eintritt: freie Spende, Reservierungen unter Tel. 416 23 66 oder E-Mail: weanhean@wvlw.at Am 5. Oktober widmen sich Marice le Gaulois, Karl Hodina und Gerd Bienert bei "Sous le ciel de Paris" der "Musette und Weana Tanz", im Studio Moliere, 9., Liechtensteinstraße 37, Eintritt: 15 Euro. "Da Weana braucht kann Heimatschein" heißt es dann am 9. Oktober, wenn unter anderem Karl Ferdinand Kratzl und Norbert Leser über das Selbstverständnis der Wiener und ihr "Fremdeln" diskutieren, in der Sozialwissenschaftlichen Bibliothek der Arbeiterkammer Wien, 4., Prinz-Eugen-Straße 20-22, Reservierungen unter Tel. 416 23 66 oder E-Mail: weanhean@wvlw.at Am 10. Oktober gibts dann "Wiener Glut", Wienerlied-Nachwuchs mit den Wiener Art Schrammeln oder den singenden Obern, in der Fernwärme Wien, 9., Spittelauer Lände 45, Eintritt: 4 Euro, Reservierungen unter Tel. 313 26/135. Alle Termine und Informationen findet man auch unter www.weanhean.at |
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