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FOTOGRAFIE Noch nie erzielte die Fotografie so hohe Preise, noch nie wurde sie von Künstlern so häufig verwendet,
noch nie gab es so viele Fotoausstellungen. Während technisch eine Revolution im Gange ist, sind die Themen der Kunstfotografie erstaunlich unmodern. MATTHIAS DUSINI FOTOAUSSTELLUNGEN IN WIEN: Von Warschau bis Los Angeles |
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Fotoausstellungen nehmen im Wiener Kunstbetrieb einen immer größeren Raum ein. Ausstellungshäuser wie das Kunsthaus Wien oder das Palais Harrach, eine Außenstelle des Kunsthistorischen Museums, spicken ihr Programm mit Personalen von Fotografen wie David LaChapelle und Erich Lessing. Eingefleischte Malereisammler wie der Bauunternehmer Karl-Heinz Essl kaufen neuerdings auch Fotoarbeiten. Das Museum moderner Kunst erwirbt Fotos von Happenings des Fluxus-Künstlers Nam June Paik, die bis vor kurzem noch als dokumentarisches Beiwerk galten. Fotografie, wohin das Auge blickt - und das, obwohl das Medium gerade dabei ist, "technologisch als Werkzeug der Bilderzeugung überholt zu werden", wie der französische Fotokunst-Spezialist Régis Durand in einem unlängst erschienenen Sammelband über zeitgenössische Fotografie konstatiert. Noch liegen chemischer Film und Sensorchip gleichberechtigt nebeneinander in den Regalen der Fotohändler. Nicht mehr lange: Die Fotoindustrie produziert bereits Apparate mit einer Bildauflösung von 17 Millionen Pixel. Und das heißt: Auch wenn die Geräte vorerst noch zu teuer für den Privatkonsumenten sind, ist das Ende des Filmeinlegens absehbar, denn mit einer so hohen Bildauflösung genügt das digitale Bild auch höchsten Ansprüchen, etwa im Bereich der Modefotografie. Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Bildtypen liegt in der Art ihrer Verbreitung und Lagerung. "Früher hatte man ein Negativ in der Hand; jetzt ist die Grundlage der Fotos eine Computerdatei", sagt Monika Faber, Kuratorin in der Fotografieabteilung der Albertina. Der philosophische Unterschied berührt den Normalverbraucher nur wenig: Das magische Band zwischen der Wirklichkeit und ihrem Abbild ist gerissen. Während beim chemischen Bild das Licht, das im Moment der Aufnahme auf den Film fällt, gewissermaßen konserviert wird, löst es im Lichtsensor der digitalen Kameras lediglich einen Rechenprozess aus. Statt dem Sonnenlicht am Adriastrand "enthält" das Medium nur mehr Nullen und Einser. In den Avantgarden des 20. Jahrhunderts galt die Fotografie als Sprengstoff gegen die unikatfixierte Malerei, fand aber erst spät Anerkennung in den Kunstinstitutionen. "Die Wiederentdeckung der russischen Fotografie begann erst Mitte der Neunzigerjahre", sagt die Moskauer Kuratorin Olga Sviblowa, die die im Historischen Museum laufende Ausstellung "Sowjetische Fotografie der 1920er-/1930er-Jahre" (siehe Rezension auf Seite 24) mitkonzipiert hat. "Damals kamen US-Sammler, die die Fotos für Kilopreise von zehn Dollar zusammengerafft haben." Inzwischen nehmen Kunsthistoriker die Fotos von Alexander Rodtschenko sehr genau unter die Lupe, um herauszufinden, ob es sich um einen der heiß begehrten Vintage-Prints handelt, einem Abzug aus der Entstehungszeit des Fotos, der vom Künstler selbst oder unter dessen Aufsicht vorgenommen wurde. Während die Kunstwissenschaft daran geht, die Geschichte der Fotografie aufzubereiten, vermehrt sich die Fotokunst mit ungebremster Geschwindigkeit. So neu wie die Technik sind ihre Sujets aber nur in seltenen Fällen. Faber verweist auf die wichtige Wanderausstellung "Fotografie nach der Fotografie", die 1995 auch in der Kunsthalle Krems gezeigt wurde. In der Fotoserie "Schimären" der Amerikanerin Nancy Burson sind die Gesichter von Benito Mussolini, Josef Stalin und Adolf Hitler übereinandergemorpht, sodass das Antlitz eines potenzierten Ekelpakets entsteht. "Auch das gab es schon", erklärt Faber. Im 19. Jahrhundert wurden die Porträts von Dieben übereinander belichtet, um so die typische Physiognomie von Dieben kenntlich zu machen. Eine Hauptaufgabe ihrer Tätigkeit in der Albertina sieht die Kuratorin darin, einen Zusammenhang zwischen der Geschichte der Fotografie und der neuen Kunstproduktion herzustellen. Auch der deutsche Starfotograf Andreas Gursky, der unlängst eine überaus erfolgreiche Personale im New Yorker Museum of Modern Art hatte, benutzt die technischen Möglichkeiten, um seine Fotografien zu manipulieren. Das Publikum auf einem Konzert der deutschen Band Die Toten Hosen wächst durch grafische Überarbeitung zu einer gigantischen Menschenmasse an - und erinnert in seiner Monumentalität an die Schlachtenmalerei der Barockzeit. Der kanadische Künstler Jeff Wall, dem Anfang nächsten Jahres eine Ausstellung im Wiener Museum moderner Kunst gewidmet sein wird, montiert seine transparenten Fotos in Kästen mit Neon-Beleuchtung - wodurch sie den Eindruck eines Dioramas aus dem 19. Jahrhunderts erzeugen. Als Aushängeschild unter den österreichischen Fotokünstlern gilt der Wiener Lois Renner, dessen Bilder Ateliersituationen darstellen. Die Sujets - etwa ein halbfertiges Ölgemälde auf einer Staffelei, daneben ein schmutziges Tuch - werden zuerst bis ins Detail en miniature gebaut. Dann leuchtet Renner den Modellraum aus und drückt auf den Auslöser der Kamera. In der Vergrößerung muten die Bilder schließlich wie eine Genremalerei aus der Epoche des bürgerlichen Realismus an. Die Mischung aus technischer Avanciertheit und Rückwendung zu Bildthemen der Kunstgeschichte kommt bei Kuratoren, Kunstkäufern wie Publikum gleichermaßen gut an. Die Documenta 11 in Kassel würdigte im vergangenen Sommer das Werk des deutschen Fotografenehepaars Bernhard und Hilla Becher, die in den Siebzigern mit Schwarz-Weiß-Serien von Industriebauten bekannt wurden und als Auslöser des Fotobooms gelten. Einige Schüler von Bernhard Becher, der an der Kunstakademie in Düsseldorf unterrichtete, sind die Stars von heute: Die großformatigen Arbeiten von Andreas Gursky oder Thomas Struth erzielen Preise wie früher nur Bilder von Malerfürsten; auf einer New Yorker Auktion wurde für ein Gursky-Werk 540.000 Dollar bezahlt - der Rekordpreis für ein Foto. Auch die Lifestyle-Presse bedankt sich: Sie reproduziert lieber die spektakulären Sujets aus Fotoausstellungen als die Bilder fader Farbschlieren. Selbst an der Malerei, der Königsdisziplin der modernen Kunst, ist die Fotoeuphorie nicht spurlos vorübergegangen. In der Kunsthalle Wien läuft derzeit eine große Ausstellung über gegenständliche Malerei: Statt abstrakte Farbflächen anzustarren, darf der Besucher über Sujets lachen, die unter Verwendung eines Grafikprogramms hätten entstanden sein können. Der Amerikaner Kurt Kauper malt etwa Akte des braun gebrannten Schauspielers Cary Grant, auf denen der Badehosenbereich bleich bleibt. Dem fotografieverwöhnten Museumsbesucher gefällt der nackte Hollywoodstar; er hielt handwerkliches Können und leichte Lesbarkeit in der Malerei bereits für ausgestorbene Tugenden. In den Kunstgalerien ist die Fotografie stärker vertreten als jemals zuvor. Künstler verwenden sie auch, um in Form von Filmstills das eine oder andere Scheibchen ihrer Videos abzuschneiden - oder als Pars pro Toto einer Installation. Der Vorteil für den Galeristen: Bei Preisen ab 300 Euro beißt auch ein weniger zahlungskräftiges Publikum an. Der Nachteil: Großformatige Drucke haben hohe Produktionskosten, und das Papier ist sehr empfindlich, was den Transport und die Lagerung schwierig macht. Lange Zeit blieb die Fotografie ein Steckenpferd der Avantgarde. In den Museen musste sie sich erst vom Makel der Gebrauchskunst befreien. "Auch wenn die Fotografie 1839 erfunden wurde, ihre ,Entdeckung' fand erst in den Sechziger- und Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts statt", meint der amerikanische Kunsthistoriker Douglas Crimp. Als Beispiel nennt er die Fotosammlung der New York Library, in der erst Ende der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts damit begonnen wurde, die bis dahin ignorierte Fotosammlung zu ordnen: nicht nach den abgebildeten Orten und Personen, sondern nach den Namen der Fotografen. Davon sind die großen Wiener Fotosammlungen, in der Nationalbibliothek und im Historischen Museum, allerdings noch weit entfernt. "Ein Foto von der Mariahilfer Straße findet man in der Nationalbibliothek, aber man erfährt nicht, warum es hier ist", bemängelt Monika Faber. Als wichtiges Datum für den Beginn einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den künstlerischen Leistungen der Fotografen in Österreich gilt die Ausstellung "Geschichte der Fotografie", die 1983 im Museum moderner Kunst stattfand. Sie wurde von einer Arbeitsgruppe konzipiert, der unter anderem auch Faber angehörte. "Wir haben uns damals getäuscht. Die österreichische Fotografiegeschichte ist viel spannender als wir dachten." Ein wirkliches Umdenken habe erst viel später eingesetzt. Eine Ausstellung über die in die Vereinigten Staaten emigrierte Wiener Fotografin Lisette Model realisierte Faber 2000 in der Kunsthalle Wien - zehn Jahre, nachdem sie diese dem ehemaligen Direktor des Museums moderner Kunst, Dieter Ronte, vorgeschlagen hatte: "Dies ist nichts für ein Kunstmuseum", war die Antwort des als durchaus aufgeschlossen geltenden Museumsmanns. Generell ortet Faber in der Kulturpolitik und in den Museen Österreichs ein unterentwickeltes Bewusstsein für die Bedeutung der Fotografie. Der Plan eines Fotomuseums stieß bis heute auf taube Ohren. "Allein in der Schweiz gibt es drei Institutionen für Fotografie, und keine nimmt der anderen etwas weg", sagt Faber. Sie selbst betreut mit zwölf Mitarbeitern die etwa 60.000 bis 70.000 Stücke umfassenden Bestände des Grafikmuseums Albertina, die im vergangenen Jahr eine außergewöhnliche Dauerleihgabe erhielt - die historische Fotosammlung der Grafischen Versuchs- und Lehranstalt. Eines der Hauptprobleme, mit denen Fotoarchive zu kämpfen haben, sei die Konservierung: "Niemand kann es sich leisten, für alle Fotografien eine gleich gute Aufbewahrung zu haben." Um zu verdeutlichen, wie schwierig es ist, zwischen wertvoll und unbedeutend, zwischen Kunst und historischem Artefakt zu unterscheiden, zieht Monika Faber eine Lade mit der Aufschrift "Wissenschaft" heraus. Sie zeigt ein kleines Bild, auf dem ein seltsam verschwommener Innenraum zu sehen ist. Es entstand um 1900 in der Grafischen Lehranstalt bei einem wissenschaftlichen Experiment, in dem versucht wurde, die Frage zu klären, wie die Welt durch ein Käferauge ausschaut. Das Foto wirkt wunderbar surreal, fast so, als wäre es mit einem Computer generiert worden. Tamara Horáková, Ewald Maurer (u.a.): Image:/Images. Positionen zur zeitgenössischen Fotografie. Wien 2002 (Passagen), 310 S., EUR 38,- FOTOAUSSTELLUNGEN IN WIEN Von Warschau bis Los Angeles Ganz in der Tradition der sozialkritischen Dokumentarfotografie einer Dorothea Lange oder einer Diane Arbus steht die US-Fotografin Mary Ellen Mark, Jahrgang 1940, die unter anderem mit Porträts von Psychiatriepatientinnen bekannt wurde, die sie während ihrer Arbeit für den Film "Einer flog über das Kuckucksnest" (sie besorgte die Standfotos) porträtierte. Ausschließlich in Schwarz-Weiß hält Mark den American Way of Life der Underdogs fest: etwa in der Serie "The Damm Family", dem Porträt einer im Auto und in Motels lebenden Kleinfamilie, oder in den Bildern von verwahrlosten Jugendlichen. Die aktuelle Schau "Photographs" wurde von der Prager Leica-Galerie übernommen und zeigt Reportagen "der einflussreichsten Fotografin aller Zeiten" (American Foto) aus den Jahren 1965-1991. N. SCHEYERER Nur noch bis 6.10. im WestLicht (7., Westbahnstraße 40). In der kurzen Zeit der ungarischen Revolution im Herbst 1956 entlud sich die Wut der Bevölkerung gegen das kommunistische Regime in der Demolierung von Denkmälern, in Bücherverbrennungen und Lynchjustiz. Der Österreicher Erich Lessing war als erster ausländischer Fotoreporter vor Ort und hielt die Fahnen mit den in der Mitte herausgeschnittenen Sowjetsternen ebenso unparteiisch fest wie die mit Desinfektionspulver bedeckten ermordeten Offiziere im Straßengraben. Dem Wahrheitsanspruch des straight picture verpflichtet, beschnitt der Magnum-Fotograf seine Abzüge nicht und wies jeden Kunstanspruch von sich. Politik im Westen wie im Osten steht im Zentrum von Lessings umfangreichen Schaffen zwischen 1948 und 1973, dem die aktuelle, 350 Bilder umfassende Ausstellung "Vom Festhalten der Zeit" gewidmet ist. Das Spektrum reicht von Politikerporträts und Fotos von Gipfelkonferenzen des Kalten Krieges bis zu Arbeiterversammlungen und Diskussionen am Stammtisch. Den Repräsentanten der Macht stellt Lessing stets die Alltagsrealität der Menschen an die Seite, über deren Schicksal entschieden wird. N. SCHEYERER Bis 13.10. im Palais Harrach (1., Freyung 3). Etliche Arbeiten der deutschen Künstlerin Candida Höfer könnten leicht als Architekturfotografie durchgehen. In sachlichem Stil fotografiert sie seit Anfang der Achtzigerjahre menschenleere Innenräume von Bibliotheken, Museen und anderen öffentlich zugänglichen Gebäuden. Dennoch ist Höfer keine Enzyklopädistin, die Motivgruppen bündelt, wie dies ihre Lehrer Hilla und Bernd Becher mit ihrer systematischen Erfassung von Industriebauten unternommen haben. Vielmehr interessiert sie sich für die Aura und die Struktur von Räumen. Konsequenterweise hält sich die Künstlerin auch immer an die vorgefundenen Lichtverhältnisse und stimmt die Komposition ihrer Fotos auf die Eigenart des Raumes ab, wobei sie einen zentralisierenden Bildaufbau vermeidet. Bei Höfers aktuellen Farbfotografien, die derzeit unter dem Titel "Wien - Los Angeles" in der Galerie Insam zu sehen sind, kommt dieser Zugang besonders zur Geltung: zum Beispiel bei Detailaufnahmen der schartenartigen Fenster des Rudolf-Schindler-Hauses in Los Angeles. In Wien fotografierte Höfer unter anderem das Hofmobiliendepot und die Bibliothek der Angewandten. NICOLE SCHEYERER Bis 11.11. in der Galerie Grita Insam (1., Köllnerhofgasse 6). Man muss es sich einfach eingestehen: Architektur ohne Politik ist schwach. Erst die unaufhaltsame Gewalt von politischen Prozessen bringt Veränderung ins Stadtleben. Bestes und größtes Beispiel dafür ist die Wiedervereinigung Deutschlands, die seiner Hauptstadt eine neue Silhouette geschenkt hat. Über die zweitgrößte Baustelle Europas indes ist wenig bekannt: Warszawa. Die ersten freien Wahlen im Jahre 1989 waren auch der Beginn eines nicht enden wollenden Baubooms in der polnischen Hauptstadt. Neue Stadtplanungsgesetze locken seitdem Investoren an, machen den osteuropäischen Markt also - auch sichtbar - interessant. "Zeitgenössische Architektur in Warschau", eine Ausstellung der Abteilung für Raumordnungsplanung und Architektur der Stadtverwaltung Warschau, zieht nun eine erste Zwischenbilanz. Geboten wird ein fotografischer Rundgang durch Warschau, der dokumentiert, wie sich in den letzten zehn Jahren die Stadt ihrer schmerzhaften Vergangenheiten entledigt hat und zwar eine hässliche Stadt geblieben, aber eine hässliche, pulsierende Stadt mit schönen Orten geworden ist. WOJCIECH CZAJA Bis 16.11. im Architekturzentrum (MQ, 7., Museumsplatz 1). |
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