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"Unmenschliche Caritas"
ÖVP  Innenminister Ernst Strasser über seine harte Asylpolitik, die asiatische Ausländerflut, die Unmenschlichkeit der Flüchtlingshelfer und wieso er dem Caritas-Präsidenten trotzdem verzeiht. GERALD JOHN und FLORIAN KLENK

Die Härtefälle der Caritas: "Das ist menschenverachtend"

Falter 43 Originaltext aus Falter 43/02 vom 23.10.2002

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Seit kurzem sitzt Innenminister Ernst Strasser, der stets stolz darauf war, als moderner Manager keinen Schreibtisch zu besitzen, nicht mehr in seinem Designerfauteuil, sondern in einem ganz normalen Bürosessel. "Mit den Bandscheiben ist alles in Ordnung", hatte der Arzt attestiert. Doch für die Zukunft sei ein gewöhnlicher Schreibtischsessel kein Fehler. Flüchtlingshilfsorganisationen, allen voran die Caritas, diagnostizieren beim Innenminister schon jetzt Rückgratprobleme. Gleichsam über Nacht hatte Strasser, der stets "das Asylthema aus dem Wahlkampf heraushalten" wollte, durch eine Weisung hunderte Asylwerber auf die Straße gesetzt. Die NGOs haben Dutzende Härtefälle von Asylwerbern dokumentiert, die durch Strassers Maßnahmen ungewöhnlich hart getroffen wurden. Schwangere, junge Mütter und Familien landeten buchstäblich im Regen (siehe Kasten). Im Falter-Gespräch übt der Innenminister, der stets seine christlichen Werte hervorstrich, nun ungewöhnlich harte und persönliche Kritik an den Vertretern und dem Präsidenten der Caritas.


Falter: Herr Innenminister, wie haben Sie es geschafft, das Asylthema aus dem Wahlkampf herauszuhalten?

Ernst Strasser: Migrationsströme richten sich nicht nach Wahlterminen.

Aber Sie richten sich danach. Sie setzen die Flüchtlinge ein paar Wochen vor der Wahl einfach auf die Straße.

Tatsache ist, dass Mitte August ein ungeheurer Anstieg von Flüchtlingsströmen festzustellen war und wir Mitte September reagieren mussten.

Sie buhlen um blaue Wählerstimmen.

Ich glaube nicht, dass die Schlepperorganisationen die Menschen aus dem Kosovo wegen irgendwelchen politischen Terminen nach Österreich schmuggeln.

Wir sprechen von Ihrer Rhetorik. Ein Zitat von Ihnen aus der Presse: "Wenn wir nichts tun, gehen wir einer Vision entgegen, wo sieben Millionen Österreicher 15 Millionen Indern und 20 Millionen Chinesen gegenüberstehen." Diese Warnung vor der "Ausländerflut" ist FPÖ-Diktion.

Zu Recht hat mich der Falter dafür kritisiert. Man darf aber gescheiter werden.

Fürchten Sie sich im Innersten vor der "Ausländerflut"?

Ich glaube, dass Ihre Kritik berechtigt war.

Die Kritik kommt vor allem von Caritas, UNHCR, Volkshilfe, amnesty international. Das sind renommierte Organisationen, die sehr lange mit Ihrer Arbeit einverstanden waren. Nun springen dieselben Experten auf und zerren Ihre Politik sogar vor den Verfassungsgerichtshof.

Noch nie habe ich so viel Kritik über mich ergehen lassen müssen und im gleichen Atemzug so eine große Zustimmung seitens der Bevölkerung erlebt. Interessant. Es geht darum, dass diejenigen, die Asyl und Schutz suchen, rasch Hilfe bekommen. Wer "Asyl" sagt und in Wirklichkeit "Arbeit" meint, dem wollen wir schnell und kompetent Auskunft über seine Möglichkeiten zur Rückkehr geben. Das wird mit Ausnahme von ein paar Kommentatoren eigentlich von allen verstanden.

Ein Asylverfahren soll ein rechtsstaatlicher Prozess sein. Mit Rechtsschutzgarantien, Dolmetschern, Berufungsmöglichkeiten. Sie wollen die Asylwerber aber schon vor Beendigung dieses Verfahrens zur Rückkehr "ermuntern" und setzen Sie auf die Straße.

Manche Flüchtlingsorganisationen sagen: "Wir richten jetzt einmal Notlager ein." Für drei Jahre, für ein halbes Jahr, für ich weiß nicht wie lange. Sie sagen aber nicht dazu, dass die meisten Anträge keinen Erfolg haben werden. Das ist nicht aufrichtig. Da bin ich für den geraden, offenen Weg. Das bedeutet auch, dass der Rechtsschutz in vollem Ausmaß gewahrt bleibt.

Vollen Rechtsschutz hat ein Asylwerber nur, wenn er an einem Asylverfahren auch faktisch teilnehmen kann. Wie soll das ohne einem Dach über dem Kopf und ohne Meldeadresse für die Zustellung der Bescheide gehen?

Diese Voraussetzungen werden gegeben sein.

Aber nicht für alle!

Oh ja!

Gerade haben Sie Hunderte Menschen auf die Straße gesetzt. Die sitzen nun in Notquartieren auf der Baumgartner Höhe und betteln um Kleidung und Waschmittel.

Deshalb machen wir ja die schnelle Rückkehrberatung. Wir wollen das verbessern. Dort, in den Notquartieren, werden manche Menschen in der trügerischen Hoffnung gehalten, dass sie hier bleiben können.

Die Caritas sagt, dass diese Rückkehrberatung nicht in einer Woche möglich ist, wie Sie dies wünschen.

Das hat sie mir auch gesagt, allerdings ohne Argumente. Meine Tür steht den Flüchtlingsorganisationen offen. Aber ich sage auch sehr klar: Dauernotlager sind keine Lösung.

Die Notlager sind ja entstanden, weil Sie die Leute auf die Straße gestellt haben.

Nein.

Doch.

Nein. Wenn Sie Ihre eigenen Artikel lesen, dann werden Sie wissen, dass seit jeher bestenfalls fünfzig Prozent aller Flüchtlinge in Bundesbetreuung sind.

Aber die, die jetzt in Notlagern sitzen, waren bis vor drei Wochen in Bundesbetreuung.

Das schauen wir uns gemeinsam gerne an. Meinen Informationen nach haben wir die Bundesbetreuung mehr als verdoppelt. Wenn die Länder ihre Zusagen einhalten würden, hätten wir noch mehr Plätze. Es muss aber auch klar sein, dass wir zur Anlaufstelle Nummer eins für Wirtschaftsflüchtlinge in Europa werden. Dem können wir im Namen der österreichischen Gesellschaft nicht tatenlos zuschauen. Das zeigt ja auch, dass es in Deutschland - auch unter einer rot-grünen Regierung - wesentlich schärfere Bestimmungen gibt.

Die Deutschen betreuen aber gleichzeitig 200.000 Menschen in der Bundesbetreuung. Jeder Asylwerber hat Anspruch darauf, während des Asylverfahrens nicht auf der Straße zu landen, so wie dies in Österreich geschieht.

Nach meinen Informationen stimmen diese Zahlen nicht.

Sie stammen vom UNHCR, der deutschen Flüchtlingshilfsorganisation "Pro Asyl" und von der Caritas.

Wir haben halb so viele Asylwerber wie die Deutschen. Bei einem Zehntel der Bevölkerung.

Zehntausende Fälle sind seit Jahren unerledigt. Warum stocken Sie nicht endlich das Personal der Asylbehörden auf?

Wir haben den Mitarbeiterstab um 17 Personen verstärkt und eine Überstundenregelung eingebracht, damit auch an Wochenenden gearbeitet werden kann. Sehen Sie sich die Statistik an. Seit einigen Wochen gehen die Anträge zurück.

Ihre Statistiken dokumentieren aber auch 21.821 offene Asylverfahren. Das ist ein enormer Rückstau.

Viele der Verfahren stecken in der zweiten Instanz und beim Verfassungsgerichtshof. Wir haben es geschafft, dass die Verfahren in erster Instanz auf drei Monate verkürzt wurden. Was aber viel wichtiger ist: Wir haben den Schleppern das Geschäft vermasselt.

Indem man die Leute auf die Straße setzt?

Sie missverstehen da etwas. Wir haben den Schleppern das Geschäft vermasselt, weil wir in den letzten Wochen wesentlich weniger Asylanträge und illegale Migranten haben. Es ist ja leider so, dass sehr viele Menschen unter falschen Hoffnungen, zum Teil auch durch viel Einsatz von Geld hierhergebracht werden und dann vor einer ganz anderen Welt stehen.

Nun sitzen Familien mit kleinen Kindern, Schwangere und Frauen mit Neugeborenen auf der Straße, wie NGOs mittlerweile Fall für Fall dokumentieren. Wie passt das zu Ihren christlich-sozialen Werten?

Erstens: Ich habe christdemokratische Werte. Zweitens: Ich muss in aller Deutlichkeit sagen, dass ich das frivol finde.

Was finden Sie frivol?

Dass hier Listen erstellt werden von Leuten, die in Notlagern ungerecht untergebracht werden. Das ist eine Frivolität und eine Unmenschlichkeit, mit Menschen in Not so umzugehen. Ich fordere jene Organisationen auf, die behaupten, für die Flüchtlinge zu arbeiten, uns all diese Fälle zu melden.

Eine Mitarbeiterin der Caritas hat das getan und Ihren Abteilungsleiter angerufen. Er meinte, er habe leider keine Ressourcen, um sich um solche Fälle zu kümmern.

Davon habe ich gehört. Nach einer Stunde war diese Sache erledigt. Dass es trotzdem solange gedauert hat, dafür entschuldige ich mich in aller Form. Aber kennen Sie eine karitative Organisation, die Listen über Menschen anfertigt, die in Not sind? Ich halte es für unmenschlich, dass hier versucht wird, Politik zu machen.

Die Caritas versucht nicht, Politik zu machen, sondern Missstände zu beheben.

Die Flüchtlingsorganisationen sollen Notleidende nicht als Faustpfand nehmen, weil sie mit dem Innenminister unzufrieden sind.

Die NGOs dokumentieren Missstände!

Nein. Das ist unmenschlich.

Jene, die Missstände dokumentieren, die Sie verschuldet haben, sind unmenschlich?

Sie haben ja auch so eine Liste und haben nicht sofort reagiert. Das tut mir leid! Das ist nicht sehr menschlich.

Wir Journalisten sammeln einzelne Fälle, um zu überprüfen, ob Kritik an Ihnen berechtigt ist.

Ach so, Sie sammeln auch Listen! Nun lade ich Sie, als Menschen, ein, diese Fälle zu melden. Ich lade den Falter ein - sollen wir den Herrn Thurnher auch anrufen? Ich bin ganz entsetzt, dass der Falter auch Listen erstellt.

Diesen Pathos, den Sie hier vorspielen, nehmen wir Ihnen nicht ab. Haben Sie Angst, dass Ihr liberaler Lack abblättert?

Diese Frage stellen Sie mir in jedem Interview. Ich muss die Dinge tun, die notwendig sind, um den Rechtsstaat und die Sicherheit zu gewährleisten. Da geht es um die Sacharbeit, nicht um mein Image.

Am Anfang galten sie als moderater Innenminister. Jetzt laufen Sie Gefahr, wie Karl Schlögl, der letzte Innenminister der SPÖ, zu enden. Wie kommt das?

Im Februar 2000 hat ein gewisser Florian Klenk, also Sie, über mich geschrieben: "Ein schwarzer Schlögl?"

Die Einschätzung war ja nicht falsch. Auch Schlögl war eine Zukunftshoffnung und hat dann versucht, die FPÖ rechts zu überholen. Dann hat ihm Haider das braune Trachtenjackerl umgehängt und ihn als "unseren besten Mann" bezeichnet. Haben Sie nicht Angst vor diesem Schicksal?

Blicken wir auf meine Amtszeit zurück. Erstens: die Demos.

Da haben Sie sich ans Gesetz gehalten. Sie hatten keine andere Möglichkeit. Sie verkauften Ihr Verhalten sehr gut.

Für die einen war ich zu lax, für die anderen zu scharf. Ebenso bei der Spitzelaffäre. Für die einen zu lax, für die anderen zu scharf. Auch jetzt in der Asyldebatte: für die einen zu lax, für die anderen zu scharf.

Ganz so ist es nicht. Ex-FPÖ-Klubobmann Peter Westenthaler, einst ein Kritiker, meinte vor kurzem im "Falter": "Wir sind sehr zufrieden mit dem Innenminister, wir haben uns in allen Punkten durchgesetzt."

Das ist eine polemische Meinung des blauen Klubobmannes. Vielleicht ist er auch deshalb nicht mehr in der Politik.

Caritas-Präsident Franz Küberl, der kein Politiker ist, hat Sie scharf kritisiert.

Ich verzeihe ihm das!

Wie großzügig!

Ich bin gewohnt, dass da manch scharfes Wort aus seinem Munde kommt, aber ich bin dem Präsidenten der Caritas deshalb nicht böse, genauso wie ich dem Herrn Haider wegen manch scharfem Wort nicht böse bin.

Das hieße ja, dass Küberl etwas Schuldhaftes getan hat. Dabei hat er Sie nur kritisiert.

Über Schuld und Sünde entscheidet der liebe Gott, nicht ich. Das ist die Sprache, die ein hoher Kirchenfunktionär wie der Franz Küberl am besten versteht.

Sie nehmen ihn offenbar nicht sehr ernst.

Oh doch! Ich kann ihm nur anbieten, durch meine offene Tür zu schreiten und meine offene Hand zu ergreifen.

Küberl fühlte sich aber "papierlt": Sie hätten mit der Caritas zum Schein verhandelt, während bereits ein Vertrag mit der Firma Homecare unterschrieben war, die nun statt der Caritas die Flüchtlingsrückkehrberatung vornehmen soll.

Ich habe mit Homecare nicht verhandelt.

Aber Ihre Beamten.

Ja. Das war auch notwendig. Mich überrascht, dass sich die Caritas nicht darüber freut, dass sich nun mehr Menschen und Organisationen um die Asylwerber kümmern. Die Tür für die Caritas und weitere Argumente ist offen.

Etwa dass die Firma Homecare noch nie Rückkehrberatung vorgenommen hat, sondern nur Lager und Nahrungspakete für Flüchtlinge organisiert?

Wir haben uns bei unseren Regierungskollegen in den anderen Staaten erkundigt und sehr gute Referenzen über diese Firma bekommen. Trotzdem sind wir vorsichtig und haben eine dreimonatige Testphase vereinbart.

Die komplizierte Tätigkeit der Rückkehrberatung ist der Firma aber fremd.

Das stimmt nicht. Homecare arbeitet mit internationalen Organisationen zusammen. Auch diese stellen der Firma ein gutes Zeugnis aus. Es war eine schnelle Entscheidung notwendig, weil die Gespräche mit den heimischen Organisationen zu keinem Ergebnis geführt haben.

Sie wollen Österreichs Nachbarländer per Gesetz zu "sicheren Drittstaaten" erklären. Das bedeutet, dass Sie davon ausgehen, dass Asylwerber, die aus diesen Ländern nach Österreich flüchten, dort ein faires Verfahren bekommen und deshalb dorthin zurückgeschoben werden können. Laut Bescheiden des Unabhängigen Bundesasylsenates sind etwa Tschechien oder die Slowakei keine sicheren Drittstaaten. Ist Ihnen das egal?

Wer Mitglied der Europäischen Union ist, muss die Menschenrechte voll und hundertprozentig einhalten und damit "drittstaatsicher" sein. Ich will dem Bundesasylsenat nicht die Entscheidung darüber überlassen, ob Tschechien Mitglied der EU wird oder nicht. Das ist eine politische Entscheidung.

In vielen Einzelfällen ist diese "Drittstaatsicherheit" nicht gegeben.

Dann wäre auch die Voraussetzung Tschechiens für einen EU-Beitritt nicht gegeben. Ein bisschen schwanger gibt es nicht. Aber ich habe nicht den geringsten Anlass, daran zu zweifeln, dass es in Tschechien faire Asylverfahren gibt.

Auch der Verwaltungsgerichtshof sieht das anders. Das kann man doch nicht einfach vom Tisch wischen.

Ich würde mir nie anmaßen, ein richterliches Urteil so zu kommentieren, wie das der Landeshauptmann von Kärnten tut. Außerdem wurde diese Frage unlängst neu geregelt, und ein Verwaltungsgerichtshof-Erkenntnis ist seither noch nicht eingegangen.

Der UNHCR fürchtet eine Entsolidarisierung in der europäischen Asylpolitik: Die Länder an der Ostgrenze werden die ganze Last der Migration tragen müssen. Ist das fair?

Wir verlangen seit Jahren einen finanziellen Ausgleich für die Grenzsicherung und Flüchtlingsbetreuung jener Länder, die durch den Migrantenstrom besonders belastet sind. Österreich ist in der EU das meistbelastete Land.

Der Druck ist auch deshalb so hoch, weil es kaum noch Einwanderung gibt. Die Quoten gehen gegen null.

Das ist völlig falsch. Wir haben das Fremdengesetz neu geregelt, damit die Zuwanderungspolitik auf die Situation von Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Gesellschaft Rücksicht nimmt. Erstmals wird der Aufenthalt mit der Arbeitsbewilligung verknüpft. Das ist ein Meilenstein.

Ihre Ankündigung, dass jeder, der hier legal lebt, auch arbeiten darf, haben Sie nicht umgesetzt.

Für neunzig Prozent aller, die nach dem 1. Jänner 2003 nach Österreich kommen, gilt dieses Prinzip. Es gibt nur eine Ausnahme: die Familienangehörigen. Doch auch bei diesen haben wir das Arbeitsverbot von acht auf fünf Jahre herabgesetzt. Das ist eine Verbesserung.

Es geht doch vor allem auch um jene, die bereits hier leben und zur Untätigkeit verdammt sind.

Die riesigen "Rucksäcke", die uns die Vorgänger hinterlassen haben, können wir nicht in zwei Jahren aufarbeiten.

Sie haben schon öfter die Option einer schwarz-grünen Koalition lanciert. Was schätzen Sie an den Grünen?

Ich schätze nicht, dass sie sich ins Bett mit den Sozialdemokraten gelegt haben. Die Frage ist damit erledigt. Leider. Wer Grün wählt, wählt Gusenbauer.

Und wer Schwarz wählt, wählt vielleicht Haider. Sie haben gesagt, dass eine Koalition mit der Stadler-FPÖ nicht denkbar sei. Wie steht es mit einer Haider-FPÖ?

Stadler steht für den Geist von Knittelfeld.

Und Haider?

Heute, morgen oder übermorgen? Die FPÖ wird sich entscheiden müssen, ob sie zu einem Modernisierungsprojekt und zum Wertekontext der Präambel des Regierunsgprogrammes steht oder ob sie Oppositionspolitik machen will.

Zur Präambel ist die FPÖ das letzte Mal offiziell auch gestanden. Haider hat das Regierungsprogramm mit unterschrieben - und dann von Kärnten aus die Regierung gesprengt.

Das hat nicht nur mit der Person Haider zu tun.

Großteils schon.

Mit dem Geist von Knittelfeld ist kein Modernisierungsprogramm zu machen. Mit Kräften wie Karl-Heinz Grasser und Susanne Riess-Passer schon.

Wenn Haider also das Regierungsprogramm wieder mitunterschreibt, ist das für Sie kein Hinderungsgrund für eine schwarz-blaue Koalition.

Das ist dann zu entscheiden. Derzeit ist nicht einschätzbar, wie sich die FPÖ entscheidet. Für Verantwortung oder Opposition.

Sie haben einst als Zivildiener gearbeitet. Glauben Sie, dass Sie eine Hilfsorganisation heute noch gerne als Mitarbeiter nehmen würde?

Das Rote Kreuz in Niederösterreich und Tirol hat mir genau das angetragen. Und der Feuerwehrkommandant von Salzburg hat sich mit den Worten bedankt, dass gerade meine Zivildienervergangenheit verantwortlich dafür ist, dass jetzt eine vernünftige Zivildienerregelung da ist.

Auch der Papst hat Sie unlängst ausgezeichnet. Warum denn das?

Das müssen Sie ...

... den Papst fragen?

Ich glaube nicht, dass Sie einen Termin bekommen.

 
Die Härtefälle der Caritas der Caritas
"Das ist menschenverachtend"


Der Innenminister gibt sich betroffen. "Menschenverachtend" sei es, "Listen mit Menschen" zu erstellen, so Ernst Strasser im Falter. Adressaten seines Zorns sind Funktionäre der Caritas. Dabei hatten die nichts anderes getan, als eine Dokumentation jener Härtefällen zusammenzustellen, für die die Caritas intervenierte.
Die Caritas kratzt mit der Liste am christlichen Image des Innenministers. Strasser hatte durch seine "Reform" der Bundesbetreuung bestimmte Asylwerber (etwa aus dem Kosovo, Georgien, Nigeria, Aserbaidschan) einfach aus ihren Unterkünften werfen lassen. In vielen Fällen wurde die restriktive Weisung auch noch verschärft ausgelegt. Das Ergebnis: Schwangere, Mütter, die gerade entbunden haben, Familien mit Kleinkindern und alte Ehepaare wurden von einem Tag auf den anderen auf die Straße gestellt.
Die Caritas hat mittlerweile eine Klage gegen die Weisung Strassers vor dem Verfassungsgerichtshof in Aussicht gestellt. "Wir sind am Ende unserer Kapazitäten", klagt Andrea Huber, Leiterin des Flüchtlingsreferates. Täglich werden es mehr, die auf der Straße landen. "Wieder hundert Asylwerber obdachlos", protestierten Vertreter von Caritas, Diakonie, Rotem Kreuz und Volkshilfe vergangenen Freitag in einer Presseaussendung. Interventionen für Härtefälle würden sich schwierig gestalten, Beamte im Innenministerium seien "überfordert". Minister Strasser "redet zwar davon, Obdachlosigkeit vermeiden zu wollen, setzt gleichzeitig aber weitere hundert Flüchtlinge auf die Straße", protestiert Michael Chalupka, Direktor der Diakonie.
Einige der Fälle im Detail: In Oberösterreich wurde am 17. Oktober eine Roma-Familie aus dem Kosovo während ihres Asylverfahrens auf die Straße gestellt. Dies, obwohl Roma als verfolgte Minderheit durchaus Chance auf Asyl hätten. Das jüngste Kind der Familie ist einen Monat alt.
Wenig Glück hatte auch eine kurdische Familie aus der Türkei. Obwohl Kurden aus der Türkei offiziell nicht aus der Bundesbetreuung entlassen werden dürften und in der Türkei noch immer verfolgt werden, hatte man die Familie samt acht Monate altem Säugling ausquartiert.
Hart traf es in Eisenstadt eine schwangere Armenierin. Am 23. September hatte man der Asylwerberin mitgeteilt, dass sie in wenigen Tagen aus der Bundesbetreuung fliegen werde. Am ersten Oktober brachte sie ihr Kind zur Welt. Kein Grund für Gnade: Obwohl die Mutter nicht einmal einen Asylbescheid erster Instanz in Händen hielt, wollte sie das Innenministerium nicht mehr versorgen. Erst durch Intervention der Caritas fand sich ein Platz.
Ähnlich erging es einem bosnischen Ehepaar. Die Frau ist im siebten Monat schwanger. Die Bundesbetreuung wurde ihr trotzdem verweigert. Seit Monaten wartet die Familie auf einen Bescheid.
Auch eine Mazedonierin, die im vierten Monat schwanger ist, wurde entlassen und bangt um ihre Unterkunft. "Bis Mitte Dezember wurde nach Interventionen Betreuung garantiert", sagt Andrea Huber, "man wird sehen, ob sich nach dem Wahlkampf auch noch ein Platz findet."
Als "besonders krassen Fall" bezeichnet die Caritas das Schicksal eines afghanischen Ehepaares. Obwohl der Ehemann, seine Frau und das sechs Monate alte Baby bereits als Flüchtlinge anerkannt wurden, wollte man die Familie aus dem Flüchtlingsheim werfen. "Mit Interventionen bei Gott und der Welt" (Caritas-Mitarbeiterin Huber) gelang es, die Familie für ein paar Wochen unterzubringen.
Not macht erfinderisch. Am psychiatrischen Krankenhaus am Steinhof etwa haben Helfer von Volkshilfe und Arbeitersamariterbund ein Notquartier errichtet. Wie in Katastrophenzeiten bitten die Helfer um Waschmittel und Hygieneartikel für Flüchtlinge. "Es ist menschenverachtend, wie mit diesen Flüchtlingen umgegangen wird", ärgert sich Peter Reicher, Geschäftsführer der Volkshilfe. In schäbigen Schlafsälen hat man zwanzig Betten aufgestellt. Für 200 Asylwerber gibt es fünf Duschen. Familien müssen mit ihren Kindern in schlecht beheizten Zimmern aushalten, obwohl viele Chance auf Asyl hätten. "Ich werde in Teheran verfolgt, weil ich als Friseur Frauen geschminkt habe. Man macht mir das Leben dort zur Hölle.", erzählt etwa Farsin A. (Name geändert) aus dem Iran. Auf sein Interview vor dem Asylamt wartet er seit Wochen. Nun sitzt er in einem Kammerl und scheuert die Fliesen, damit sein Kind nicht im Dreck spielen muss. "In der Nacht ist es hier bitterkalt", klagt er. Seine einjährige Tochter spielt im ausrangierten Spitalsbett. "Sie bekommt", sagt ihr Vater, "von alldem zum Glück nichts mit."
Der Papst persönlich hatte den Innenminister vergangene Woche mit dem "Gregorius-Orden" ausgezeichnet. Der Apostolische Nuntius würdigte in seiner Laudatio "die Verbundenheit Strassers mit der Kirche und dessen Bemühen um gemeinsamen Einsatz von Kirche und Politik zum Wohle aller Bürger".
FLORIAN KLENK

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Oktober 2002 © FALTER
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