|
Zum Archiv |
| "Mein Kopf ist kein Ball" |
|
FUSSBALL Vor dem Wiener Derby: Austria-Trainer Christoph Daum über seinen Zwang zum Siegen, Frank Stronachs soziale Ader und seine "neoklerikalen" Gemälde. GERALD JOHN und WOLFGANG KRALICEK |
|
|
Das Engagement des deutschen Startrainers Christoph Daum war die jüngste und bisher wohl spektakulärste Personalentscheidung von Austria-Mäzen Frank Stronach und Austria-Manager Peter Svetits. Zur allgemeinen Überraschung wurde Daum vor zweieinhalb Wochen als neuer Austria-Coach vorgestellt - und das, obwohl der erst seit Juli amtierende Trainer Walter Schachner durchaus erfolgreich gewesen war. Mit Daum zieht in Wien-Favoriten das Flair der großen internationalen Fußballwelt ein: Der 49-Jährige, der als Fußballer nur auf Amateurniveau gespielt hat, ist eine der schillerndsten Trainerpersönlichkeiten Europas. Er wurde mit dem VfB Stuttgart und mit Besiktas Istanbul Meister, scheiterte mit Bayer Leverkusen erst im allerletzten Spiel (gegen Unterhaching) und war designierter deutscher Nationaltrainer, als ein Drogenskandal seiner Karriere einen schweren Dämpfer verpasste: Im Herbst vor zwei Jahren waren Gerüchte laut geworden, Daum konsumiere regelmäßig Kokain. Nachdem eine freiwillige Haaranalyse, die das Gegenteil beweisen sollte, positiv ausgefallen war, kam Daum als Teamchef nicht mehr infrage. Der Prozess wegen illegalen Drogenbesitzes wurde im vergangenen Mai eingestellt; man einigte sich auf 10.000 Euro Bußgeld. Daum, der nach einem wenig erfolgreichen Jahr bei Besiktas zuletzt vereinslos war, hat bei Austria einen Dreijahresvertrag abgeschlossen, der angeblich mit neun bis elf Millionen Euro dotiert ist. In Wien war Daum bisher nur aus privaten Gründen zu Besuch: Seine Freundin Angelika Camm absolvierte hier ihre Musicalausbildung. Falter: Sind Sie der schlimmste Feind von Hans Krankl? Christoph Daum: Ich bin der erste Zuarbeiter von Hans Krankl und versuche, die Nationalmannschaft und den österreichischen Fußball zu unterstützen - aber nicht nur im Bereich des Seniorenfußballs, sondern auch im Nachwuchs. Die Stärke der Austria beruht aber hauptsächlich auf Legionären. Hätte die Austria mit österreichischen Spielern international überhaupt eine Chance? Ich bin sogar der Überzeugung, dass es mit österreichischen Spielern geht. Die Frage ist nur, mit wie vielen. Die Anzahl kann ich Ihnen jetzt nicht ganz genau sagen. Der Fußball hat sich ja enorm verändert: Schauen Sie mal, wie viele Spanier noch bei Real Madrid oder bei Barcelona spielen - das ist ein deutlicher Trend zur Internationalisierung. Wer sich diesem Trend verschließt, wird seine Probleme bekommen. Was sagen Sie zur Einstellung der Österreicher, die nach dem Holland-Spiel in Ehrfurcht erstarrt sind? Ich bin nicht dazu da, die Nationalspieler zu kritisieren. Dafür ist Hans Krankl da. Da mische ich mich nicht ein. Krankl hat nach dem Spiel gemeint, der Gegner wäre halt zwei Klassen besser. Würden Sie so etwas auch sagen? Man sollte auch die Größe haben, die Leistung des Gegners entsprechend anzuerkennen. Das ist sportliche Fairness. Als klarer Favorit ist die Austria in der Meisterschaft zum Siegen verdammt. Empfinden Sie das als Druck? Das ist doch ein sehr schöner Druck, der auch Kräfte freisetzen sollte. Ich wehre mich nur dagegen, dass Siegen etwas Selbstverständliches ist. Das muss man sich immer wieder erarbeiten, erkämpfen, erspielen. Warum sollten ausgerechnet Sie länger als ein halbes Jahr Austria-Trainer bleiben? Ein Trainer definiert sich immer über den Erfolg. Und wenn sich der Erfolg einstellt, wird die Zusammenarbeit sicherlich längerfristig und fruchtbar sein. Bei der Austria ist Erfolg aber nicht unbedingt ein Kriterium. Es wurden hier schon Trainer entlassen, die Meister oder Tabellenführer waren. Wie das mit den vorigen Trainern war, kann und will ich nicht beurteilen. Ich will nach vorne schauen und denke, dass Frank Stronachs Ziele und Visionen mit meinen deckungsgleich sind. Wenn wir sie umsetzen können, gehe ich davon aus, dass ich hier länger arbeiten werde als die, die vorher da waren. Sie haben einmal gesagt, für den Erfolg über Leichen zu gehen, sei der größte Schwachsinn, den man Ihnen beigebracht habe. Man wird aber das Gefühl nicht los, dass Frank Stronach und Peter Svetits das etwas anders sehen. Da widerspreche ich entschieden. Ich halte Frank Stronach und Peter Svetits für zwei auch absolut sozial eingestellte Leute. Auch der Trainerwechsel wurde jetzt nicht einfach so nach dem Motto "Wer das Geld hat, der bestimmt" durchgezogen, wie das in der Öffentlichkeit dargestellt wurde. Ich habe selten jemanden erlebt, der so menschlich und sozial eingestellt ist wie Frank Stronach. Wenn man sieht, wie sein ganzes Imperium aufgebaut ist, dann ist die soziale Komponente eigentlich die Basis! Dem Mitarbeiter Eigenverantwortung zu geben, den Mitarbeiter in die Unternehmensphilosophie einzubinden und dergleichen - das ist nicht diese Gutsherrenart von früheren Unternehmern. Stronachs Modell ist fast revolutionär. Was ist so sozial daran, dass Stronach in seinem Unternehmen keine Betriebsräte zulässt? Okay, Betriebsräte sind ja auch nicht unbedingt notwendig. Betriebsräte verkomplizieren die Situation ja oft. Bei einer Unternehmensstruktur wie bei Magna brauche ich keinen Betriebsrat. In kapitalistischeren Unternehmen ist das vielleicht eher nötig. Aber Stronach hat die ganzen sozialen Komponenten ja schon in seiner Charta festgeschrieben. Wären Sie auch zu Rapid gegangen, wenn die Bedingungen gestimmt hätten? Ja - wenn Rapid auch solche Leute wie Frank Stronach und Peter Svetits gehabt hätte. Ich bin nicht so sehr wegen des Namens Austria, sondern wegen dieser zwei Leute nach Wien gekommen. Mit einer Person wie Stronach arbeite ich jederzeit gerne zusammen. Egal wo. Stronach ist zugleich Bundesligapräsident und Unterstützer verschiedener Vereine. Besteht da nicht ein Interessenkonflikt? Das kommt darauf an, wie weit er sich ins operative Geschäft einmischt. Ich bin zu kurz hier, um eine Interessenkollision ausmachen zu können. Als die Austria vorige Saison im Cup gegen den Partnerklub aus Untersiebenbrunn ausgeschieden war, reagierte Svetits empört. Hätte Untersiebenbrunn absichtlich verlieren sollen? So etwas dürfen wir nie verlangen. Der sportliche Wettbewerb muss gewahrt bleiben. Aber gerade diese Angelegenheit dokumentiert ja die Autonomie der einzelnen Vereine - auch wenn das bitter für die Austria war. Sie sind einer der Toptrainer in Deutschland. Was machen Sie anders als die anderen? Sind Sie talentierter, oder arbeiten Sie einfach mehr? Ich komme nicht aus irgendeiner intergalaktischen Fußballwelt. Ich bin auch auf dieser Erde aufgewachsen und ausgebildet worden. Aber mir hat das nie gereicht. Ich habe mich immer weitergebildet, meistens in Verbindung mit Reisen in andere Länder; erst vor drei Wochen war ich in Südamerika und habe mich mit Spitzentrainern getroffen - ob das nun Cesar Luis Menotti oder Osvaldo Oliveira ist, der vielleicht der nächste Teamchef von Brasilien wird. Auch frühere Nationaltrainer wie Zagalo oder Luxemburgo sind gute Bekannte, mit denen ich regen Gedankenaustausch pflege. Oder Johan Cruyff! Ich könnte viele Namen nennen. Ich spreche auch immer wieder mit Trainern in Ausbildung über neuere und erfolgreiche Methoden - in Österreich habe ich das ebenfalls vor. Sie verraten angehenden Konkurrenten Ihre Geheimnisse? Selbstverständlich, ja. Ich habe dem Fußball unheimlich viel zu verdanken. Insofern möchte ich dem Fußball auch etwas zurückgeben. Es nützt mir nichts, wenn ich mein Wissen irgendwann mal mit ins Grab nehme. Ihr Freund Menotti unterscheidet zwischen "linkem", kreativem Fußball und "rechtem", kampfbetontem Fußball. Er ist sehr philosophisch angehaucht, da haben Sie Recht. Welchen Fußball bevorzugen denn Sie? Erfolgreichen. Ich kenne keinen linken oder rechten Fußball, das könnte ja auch sehr schnell politisch genützt werden. Wir möchten erfolgreichen, angriffsorientierten Fußball. Aber wir spielen sowohl mit einem rechten Flügel als auch mit einem linken. Sie gelten als großer Motivationsexperte, geben in großen Unternehmen Seminare. Wie wichtig ist es für einen Trainer, dass er psychologisch beschlagen ist? Es gibt ja auch die Ansicht, die Spieler müssten von sich aus motiviert sein. Dann könnte man auch sagen: Wir schaffen alle Ärzte ab - und wenn einer mal krank ist, ist er selber schuld. Im mentalen Bereich geht es darum, den Spieler dahin zu bringen, dass er seine Möglichkeiten ausschöpft. Das Schlimmste sind für mich die so genannten ewigen Talente. Sind Sie eher der Kumpeltyp oder ein autoritärer Trainer? Ich bin der autoritär-kooperative Typ. Sind Sie per Sie mit den Spielern? Ja. Das heißt: Die Spieler siezen mich, und ich duze sie. Sie haben einmal gesagt: "Am besten kommst du an deine Leute unter der Dusche ran." Wie ist das zu verstehen? Wer behauptet denn so einen Scheiß? Ich hab nur gesagt: Wenn einer meint, er wär was Besonderes, musst du ihn mal neben einen anderen unter die Dusche stellen. Da sehen sie alle gleich aus. Da hat er kein Auto mehr, keine Rolex und nix. Sie wollen bei der Austria nicht nur die Physis, sondern auch die Spielintelligenz der Spieler ausbilden. Wie gehen Sie da vor? Es werden den Spielern gewisse Verhaltensweisen vorgegeben und immer wieder verändert: Aufgabe - Lösungsmöglichkeit, Aufgabe - Lösungsmöglichkeit. Die Spieler müssen sich ein breiteres Handlungsrepertoire für gewisse Problemsituationen im Spiel erarbeiten. Sie müssen mehrere Lösungsmöglichkeiten haben. Klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Wissen Sie, was im Journalismus alles selbstverständlich sein sollte und doch nicht selbstverständlich ist? Genauso ist es bei uns. Sie haben gesagt, Sie denken 24 Stunden am Tag an Fußball - sogar wenn Sie schlafen, träumen Sie vom Fußball. Fehlt Ihnen da nicht was? Ich träume ja auch von anderen Sachen. Der Fußball ist Teil meines Lebens, es ist aber nicht so, dass ich einen Fußball als Kopf habe. Ich bin auch sehr offen für künstlerische Sachen, ich gehe ins Theater, schaue mir in jeder Stadt die Galerien an. Ich komme ja aus einer Stadt, die für ihre Museen bekannt ist ... Sie meinen Köln? ... ja, das ist eine der Kunstmetropolen Europas. Wenn ich in New York bin, gehe ich ins Guggenheim. Auch das Guggenheim in Bilbao fasziniert mich. Wenn ich in Paris bin, gehe ich in den Louvre. In Madrid in den Prado, in Petersburg in die Eremitage ... Waren Sie in Wien schon im Museum? In Wien war ich bisher nur im Theater. Was haben Sie gesehen? "Mozart" im Theater an der Wien. Leider musste ich die Premiere vom "Tanz der Vampire" absagen, wegen einer Spielbeobachtung. Sie malen auch selbst. Welche Stilrichtung? Wissen Sie, da streiten sich die Gelehrten. Einer hat meinen Stil als neoklerikal bezeichnet, das fand ich fantastisch. Ich besuche auch sehr gerne Kirchen, muss ich sagen. Ich gehe zum Beispiel gern in den Stephansdom. Das hat so was Besonderes, das einen ein bisschen demütiger macht. Und ich bewundere immer diese Glasfenster. In Nazareth gibt es diese Kirche, wo jedes Land ein Fenster gestaltet hat, jedes Land in seinem Stil. Eines dieser Fenster habe ich dann ein bisschen abstrakt wiedergegeben - das wollten mir gleich viele Galerien abkaufen. Ich verkauf nix, hab ich gesagt. Damals kam das auch mit der Bezeichnung "neoklerikal". Sagen wir mal: Ich bin aufgewachsen mit der Op-Art, mit der Pop-Art. Ich habe aber auch versucht, Bilder aus dem Impressionismus und Expressionismus nachzumalen, um diese Techniken zu lernen und mich in diesen Malstil reinzuversetzen. Sicherlich bin ich auch von Dalí sehr begeistert. Was wurde eigentlich aus der Christoph Daum Collection? Diese Geschichte ist Asbach-Uralt. Ganz einfach: Eines Tages kamen schwerreiche Chinesen aus Hongkong an und wollten eine Hemdenkollektion mit meinem Namen auf den Markt bringen. Der Obolus war nicht schlecht, also machte ich mit. Wir gingen auf die Messe, hatten unseren Stand wie ein Stadion aufgebaut, daneben eine Torschusswand. Durch meine Connections hatte ich jeden Tag einen Nationalspieler da. Alle haben rübergekuckt, der Seidensticker (großer deutscher Hemdenfabrikant, d. Red.) kuckte sich jeden Tag die Augen wund. Die Kollektion schlug ein, weil wir nicht Hemden, sondern Lebensgefühl verkauft haben. Das war ein neuer Weg, den danach H&M und viele andere auch gegangen sind. Niedriger Preis bei hoher Qualität - nur die "Champions-Line" war dann doch ein bisschen teurer. Nach der Messe kam der Seidensticker mit seinem Rolls-Royce angefahren und bot mir an, die Kollektion zu übernehmen. Er wollte aber die Bedingungen diktieren, und da hab ich nicht mitgespielt. Schließlich hat er für ein Schweinegeld den Geschäftsführer der Christoph-Daum-Kollektion weggekauft. Damit war die Sache gegessen, denn ich weiß doch gar nicht, wie man Hemden herstellt und vertreibt. Aber meinen Namen habe ich nicht verkauft. Ich lasse mich bezahlen, wie von der Austria, aber ich lasse mich von keinem kaufen. Geht nicht. Waren Sie Ihr eigener Designer? Nein, ich habe nur meinen Namen hergegeben. Der stand innen eingestickt. Vorne stand nur CDC drauf. Ich habe das so gemacht: Wenn ich in eine Fernsehsendung eingeladen wurde, verlangte ich kein Honorar. Stattdessen nahm ich drei Models mit, die dann meine Hemden hergezeigt haben. So eine Reklame hatte keiner, die Konkurrenz wurde bekloppt. Das Ding brummte - bis ich über Nacht alles eingestellt habe. Schreiben Sie eigentlich schon an Ihren Memoiren? Nein. Die würden sich aber bestimmt gut verkaufen. Was glauben Sie, wie viele Angebote ich von allen möglichen Verlagen für alle möglichen Bücher bekomme! Ich möchte das aber nicht nur einem Ghostwriter überlassen, sondern selbst intensiv mitarbeiten. Das wäre ein halbes Jahr Arbeit. Und diese Zeit habe ich nicht. Rapid gegen Austria: am So, 27.10., 16.30 Uhr, im Hanappi-Stadion (und live auf ORF 1 |
|
Zum Archiv |
|
nach oben Oktober 2002 © FALTER E-Mail: wienzeit@falter.at |