|
Zum Archiv |
| Haus der Höhepunkte |
|
STUNDENHOTELS Nackte Haut und erregte Glieder: Ein jüngst erschienener, grandios
verhunzter Fotoband präsentiert das Hotel Orient im Hochglanzformat als verkitschtes Edelpuff.
Aus diesem Anlass: eine Nachschau in der Institution, aus der gewöhnlich kein Mucks nach
außen dringt. WOLFGANG PATERNO (Text) und Heribert Corn (Fotos) WIENER STUNDENHOTELS: Schöne Stunden |
|
|
Die Geschichte fängt mit einer grausam quietschenden Matratze an. Eine heftige Bewegung auf dem Bett, ein unendlich lang gezogenes Quietschen. Die ganze Welt ist mit einem Schlag ein schalltoter Raum, alle Geräusche verhallen tonlos, nur hier, im Zimmer mit der Matratze, brüllt es. Ein ganzer Stoß von Bewegungen, schnell nacheinander ausgeführt: Man möchte im Rosshaar, man möchte im Boden versinken. Haben nicht auch schon die Wände Ohren? Gerti Pertiller, Jahrzehnte ist das her, liegt also auf der Matratze. Es quietscht. Wie haben Pertiller vorher die Knie geschlottert, als sie, 18 Jahre alt und erlebnishungrig wie nur, mitsamt einem Galan das Haus am Tiefen Graben 30 betreten hatte! Und jetzt hat man es endlich geschafft, Pertiller und der Mann haben die Tür hinter sich zugesperrt und fangen genau mit dem an, weswegen junge Menschen aus gutem Hause hierher, in das dunkle Haus, kommen. Und jetzt, kaum ist man dabei, macht diese Matratze einen Höllenlärm, Zimmer fünf, mit Namen "Oriental", Erdgeschoß, rechts um die Ecke, das letzte Zimmer am Gang, Hotel Orient, 1. Bezirk. Vor mehr als dreißig Jahren war Gerti Pertiller, heute 51 und seit 1981 ebenso wunderbare wie resolute Chefin des Orient, zum ersten und letzten Mal als zahlender Gast im legendären Stundenhotel, das Erlebnis mit dem lusttötenden Bett hat sie bis heute nicht vergessen. "Es war grausig und schön zugleich", sagt sie. Pertiller macht eine ihrer berühmten Pausen zwischen den Sätzen, in denen sie ihr Gegenüber einlädt, sich zum eben Gesagten ein Bild, eine grausige und schöne Fantasie zu machen, und setzt dann mit rauchiger Stimme fort. "Damals hatte das Hotel ja noch das Image der käuflichen Liebe, was habe ich mich geniert. Meine erste Tat als neue Chefin war es dann auch, die Matratze im Fünfer-Zimmer auszutauschen." Pertiller leitet seit damals die Geschicke einer Örtlichkeit, die voll ist von Geschichte und die wie ein Perpetuum mobile immer neue Geschichten generiert. 1896 wurde das Haus offiziell eröffnet, damals ein Weltwunder außerhalb der Stadtmauern. Es gab elektrisches Licht, eine Zentralheizung, eine Häckselmaschine zerkleinerte den Abfall, das Hotel wurde im üppigen Fin-de-Siècle-Stil eingerichtet. Geplant als nobles Stadthotel, übernahm alsbald die raue Vorstadt das Regiment, das Orient geriet in den Ruch des Unseriösen, Dubiosen, moralisch Zweifelhaften. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass man sich die Geschichten, die im Orient stattfanden, nur hinter vorgehaltener Hand zuraunt, dass jede Begebenheit heute mystisch verklärt daherkommt; schriftliche Aufzeichnungen gibt es nicht, Chronik des Hotels existiert keine. Dafür aber Histörchen, in denen es nur Hauptdarsteller gibt. Es kam, so geht der Verdacht, der Kaiser höchstselbst auf amouröse Stippvisite, Orson Welles auch, Attersee, Nitsch, Udo Proksch, junge, wilde Männer, die sich whiskyselige Abende machten, waren da; toute vienne eben, wie es bei solchen Gelegenheiten, wo alle alles wissen, aber keiner darüber redet, gerne heißt. Der späterhin berühmte Dichter soll über die Frau und wie er in sie hineinkommt parliert, der bekannte Mann aus der Halbwelt mit Gegenständen um sich geschmissen haben. Auf Nachfrage ist allenfalls Vages zu erfahren. Ausschließlich. Es heißt nur, dass der Dings mit der Dings und die Dings mit dem Dings auf ein Stünderl da waren. Am 24. August 1980 sperrt das Hotel nach monatelanger Renovierung wieder auf. Heinz Werner Schimanko, der hünenhafte Mann mit dem Mordstrumm Schnauz im Gesicht, ist jetzt der neue Besitzer, das Orient, nun kein Ort der käuflichen Liebe mehr, ist nicht wiederzuerkennen. Pertiller, seit jeher abgebrüht bis in die Haarspitzen und auffällig durch gepflegten Starrsinn, hat nicht nur Matratzen ausgetauscht, sie, die nicht als eitler Cupido durch die Gegend tänzelt, sondern das Haus con amore führt, hat aus einem bereits muffigen und hinfälligen Bau ein edles Ding mit acht Suiten und vier spärlicher eingerichteten Zimmern auf insgesamt fünf Stockwerken gemacht. "Hier soll man sich wohl und geborgen fühlen, hier soll man das kleine Glück genießen", sagt Pertiller. Und wieder: Gerti Pertiller macht eine kurze Redepause, man soll sich das jetzt einmal vorstellen. "Das Orient soll ein Ort für die Kleinglückgenießer sein." Man darf sich das kurze, intensive Glück, das in Zimmern mit Namen wie "Infantin", "Rosso Rosso", "Sexer" und "Nesterl" passiert, ausmalen. Heute knirscht die Matratze im Zimmer fünf, ein widerstandsfähiges, wuchtiges Ding mit rotem Kunststoffbelag, das in einer Tour neu mit frischen Laken überzogen wird, nur mehr unmerklich. Im Orient sitzt man auf bordeauxrotem Gestühl, die Bäder sind luxuriös, die penibel sauberen Zimmer sind mit schweren, roten Samtvorhängen verhängte Schlupfwinkel. An den Wänden, die eine oder andere Extravaganza darf nicht fehlen, bombastische Gemälde, meterhohe Spiegel, kleine, funzelige Lampen, die mehr verdunkeln als enthüllen. Schokoherzen, in Goldfolie eingewickelt, liegen auf den Tischchen, Einwegzahnbürsten stecken in der Ablage beim Badezimmerspiegel. Gewiss, in den Zimmern schwingen Brüste 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, erd- und himmelwärts, sind Gemächte aufgepumpt, ist Schwitzen, Stöhnen und Schreien, man flüstert sich, sind die Aufwallungen vorbei, "Hasihasi, Schatzi, Schatzi, Herzi, Bussibussi" (Pertiller) ins Ohr. Dennoch: Im Orient wurde niemals nur das genetische Programm durchgehechelt, zu keiner Zeit galt hier, wie anderswo, das Motto: Johnny, mach schnell, es geht um teuer bezahlte Sekunden. Im Orient werden Leidenschaft, Sexualität und flüchtige Lieben zelebriert, Zuflucht gesucht zu den Höhepunkten des Lebens. Es finden hier auch immer wieder Theateraufführungen und Lesungen statt. Das Orient, von der Modernisierungswut der Gegenwart kaum berührt, ist ein seriöses Hotel für schöne Stunden, vorwiegend dient es dem Einheimischenverkehr. Touristen, die eine Herberge suchen, können den Aufenthalt nur an Wochenenden auf Nächte ausdehnen. "Ochs tut es, Kuh tut es. Ein gesundes Känguru tut es. Fink und Star auf dem Dach tun es. Bachforellen im Bach tun es ...", fällt Helmut Schödel, renommierter Journalist der Süddeutschen Zeitung und profunder Wien-Kenner, in leichten Singsang, Hildgegard Knef zitierend. Niemals würde es Schödel, der gern an der Bar des Orient sitzt, in den Sinn kommen, das Orient mit irgendwelchen Ferkeleien in Verbindung zu bringen oder den moralisch Empörten zu geben: Die Welt, sagt Genet, ist ein Bordell; und umgekehrt. "Ins Orient geht man ja vor allem, weil es etwas dazu gibt, weil es dort kulturell wird, weil dort der Akt in eine Art von Ritual eingebettet ist", sagt Schödel, der sich einmal auf der Recherche nach der schönen Lust für eine Nacht lang, nur mit einer Pasolini-Lektüre, in ein Zimmer des Orient einquartiert hat. Und dem dabei Folgendes auffiel: "In einem Land, in dem ein lustfeindlicher Boxer-Bischof Krenn das Sagen hat, in Wien, wo der Kaiser immer noch durch die Stadt reitet, hat ein Stundenhotel eine ganz andere Funktion. Das Orient, dieses Haus der Illusionen und Projektionen, wirkt da unglaublich modern." Vögeln sei ja, brummt Schödel noch, an und für sich a langweilige Gschicht, wenn man es nicht grad selber mache. Im Orient, da müsse man aber gar nicht Vögeln, das sei auch so ein ganz und gar magischer, ein romantischer Ort. Aus dem Orient wurde man nach dem Vollzug nie auf die Straße gespuckt; hier fand, vornehmlich genützt von jenen Schichten, die das Bruttosozialprodukt machen lassen, zwar auch immer alles statt, was Gott verboten zu haben schien - eine Primitivzone war das Orient dabei nie, hier gab es tatsächlich nie eine Sünd. Kein größerer Gegensatz ist denkbar als, ist man einmal in das plüschige und charmante Flair des Orients eingetaucht, zu jenem Schild in der Rezeption, das in nüchternem Beamtendeutsch festhält: "Konzessionsdekret" vom 2. April 1981, ausgestellt auf Heinz Werner Schimanko, geboren am 15.2.1944, "Zweck der Konzession: Beherbergung von Gästen". Im Orient wird jedes Geräusch von außen gnädig verschluckt, kein Dideldü dringt aus den Lautsprechern, die Telefone in den Zimmern haben keine Wählscheiben; man ist von der Welt um einen her hermetisch abgeschottet. Und eine Stunde Hotel Orient bedeuten drei Stunden. Ernst Molden hat viel Zeit im Orient verbracht. Vor ein paar Jahren schrieb er, in einem Zimmer im vierten Stock, seinen ersten Roman, 1992 gründete Molden gemeinsam mit Gleichgesinnten die "Loge der generellen Zweckentfremdung". Pertiller, die immer schon ein Faible für Dichter und Künstler hatte, hat den Jungpoeten das Zimmer vier, die "Kaisersuite", zur Verfügung gestellt; diese schleppten Billa-Doppler an, es resultierten daraus hochprozentige Gespräche, keine Minute wurde dabei über das gesprochen, was in den restlichen Zimmern vor sich ging, Sex wurde zu Hause praktiziert. "Das Orient war damals der einzige Zufluchtsort, überall sonst war ab Mitternacht tote Hose. Im Orient war es gemütlich, man hat sich sofort gestützt und umarmt gefühlt", erinnert sich Molden an die Zeit der ausschweifenden Nächte und zottelig in die Stirn fallenden Haare. In dem Roman "Die Krokodilsdame", den Molden, seinerzeit ganz poète maudit, im Orient niederschrieb, kehrt dann auch, wie ein fernes Echo aus jener Zeit wirkt das, eine Figur nach dem "unterweltlichen Treffen an einem selbstverständlich geheimen Ort wieder an die Oberfläche von Wien zurück". Die Geschichte endet auch mit einem Bett. In dem Bildband "Hotel Orient", erst jüngst erschienen, hat die Fotografin Sylvie Blum knackige Körper mitsamt erregten Gliedern in das Orient gekarrt, um ebendort viel Fleisch, ineinander verknäult, zu inszenieren. Das Orient wirkt dabei wie ein verkitschtes Edelpuff, kein Ambiente wird vermittelt, anstatt Einblicke in eine weit über Wien hinaus legendäre Institution zu gewähren, springen einen auf den Bildern dralle Körper an; Frauen spreizen die Beine, Männer halten ihr bestes Stück, man züngelt sich wolllüstig an, Lust zum Zerplatzen. Wie viel mehr sagt da ein Bild, der Fotograf Joseph Gallus Rittenberg hat es 1991 gemacht, auf dem nur Schimanko und Pertiller zu sehen sind, Schimanko schaut nachdenklich zu Boden, Pertiller, eine Zigarette in der rechten Hand, betrachtet sich im Spiegel. Ja, weltumspannende Melancholie auch im Freudentempel. Hat nicht der Dichter D.H. Lawrence geschrieben, dass sogar Tiere nach der Ejakulation traurig seien? Nur auf einem einzigen Foto, auf Seite 34, ist das Orient in dem missglückten Fotoband tatsächlich präsent. Im Zimmer acht, "Mona Lisa", macht da die lüsterne Fotosafari Halt, zu sehen ist nichts als ein zerwühltes Bett. Ein leeres, in gelbliches Licht getauchtes Bett, welches - genauso wie die langen Pausen zwischen den Sätzen der Gerti Pertiller- dazu einlädt, sich weiterhin die schönsten Illusionen über das Hotel Orient, den magischen und romantischen Ort, zu machen. WIENER STUNDENHOTELS Schöne Stunden Wien ist nicht gerade gesegnet mit Stundenhotels. Neben dem Klassiker "Orient" ist gerade noch einmal eines zu finden, das die Bezeichnung Stundenhotel im Titel trägt. Hotel Orient 1., Tiefer Graben 30, Tel. 533 73 07, Homepage: www.hotelorient.at Das Orient bietet als Special ein so genanntes Erotikweekend (von Samstag auf Sonntag oder von Sonntag auf Montag um EUR 160.-); Gutscheine sind von EUR 47,20 bis EUR 160,- erhältlich. Alle Zimmer, von elegant bis zu ein klein wenig kitschig, haben Dusche/Bad und WC. Zimmerservice: 0 bis 24 Uhr, 365 Tage im Jahr. Preis: von EUR 52,- bis EUR 77,-. Goldene Spinne 3., Linke Bahngasse 1a, Tel. 712 44 86-0. Parkmöglichkeiten sind durch die nahe gelegene Bankgarage, die auch Nichtkunden zur Verfügung steht, garantiert. Die Goldene Spinne, das charmante Stundenhotel im 3. Bezirk, das seine Zimmer für bis zu fünf Stunden vermietet, ist 24 Stunden pro Tag offen, kein Ruhetag. Zimmer kosten, je nach Ausstattung, von EUR 31,- bis EUR 67,- Das Buch "Hotel Orient" Fotografie: Sylvie Blum, Text: Ernst Molden. 151 Seiten. Ca. 50 Farb- und 75 Duotone-Abbildungen. Hardcover mit Leinenbezug und Hologramm, im Schuber. Verlag Edition Braus. 59,90 Euro. Berauscht von der Atmosphäre, inszeniert Blum, 32, einen eitlen Reigen an nicht gerade erotisch-sinnlichen Aufnahmen (die Fotografin fungiert dabei bevorzugt auch als Modell). "Liebe ist wundervoller als Kunst", hat es Oscar Wilde auf den Punkt gebracht. |
|
Zum Archiv |
|
nach oben Oktober 2002 © FALTER E-Mail: wienzeit@falter.at |