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RASSISMUS In immer mehr Wiener Lokalen dürfen Menschen mit dunkler Hautfarbe nicht tanzen. Sie sind als Mieter unerwünscht, werden in der U-Bahn beschimpft und finden nur sehr schwer Jobs. Ein Gesetz, das sie vor Diskriminierung schützt, gibt es nicht. NINA HORACZEK (Text) und ANDREAS RAUSCH (Fotos) RASSISTISCHE TÜRPOLITIK: "Wir müssen draußen bleiben" |
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"Geh raus!", schreit die Kellnerin im Café 100 % auf der Hernalser Hauptstraße, schon bevor Maurice Kalou (Namen von der Redaktion geändert) die Tür offen hatte: "In diesem Lokal sind Schwarze nicht erlaubt." Schließlich handle die Mehrheit der Afrikaner mit Drogen.Dass der junge Ruandese ihr keine Drogen verkaufen, sondern bloß einen Kaffee trinken will, lässt sie kalt. "Wenn ich einen Schwarzen reinlass, kommen zwanzig nach", schimpft die resche Mittdreißigerin. Vor mehr als zwanzig Jahren herrschte in Österreich große Aufregung, weil der Musiker Harry Belafonte nach einem Konzert in Linz nicht in ein Tanzlokal gelassen wurde. Die Begründung: Kein Eintritt für Schwarze. Seit der frühere LASK-Fußballer Cheikh Sidy Ba 1997 in der Linzer Disco "Fun" wegen seiner Hautfarbe nicht tanzen durfte, müssen Clubs, die Menschen aus rassistischen Gründen nicht einlassen, nicht mehr 218, sondern 1090 Euro Strafe zahlen. Geändert hat sich trotzdem nichts. Zwar ist die rassistische Türpolitik selten so unverblümt wie im vom Falter getesteten Café 100 %. Die Zahl der Clubs, die zwar gerne die Platten schwarzer Musikgrößen auflegen, ihre Gäste aber nach der Hautfarbe sortieren, nimmt aber zu. "Das Titanic ist am ärgsten", ärgert sich ein junger Afrikaner: "Die machen auf Black Music Night und lassen keine Schwarzen hinein." Schon seit Jahren beschweren sich Schwarze über die Türpolitik des Clubs in der Theobaldgasse. Dunkelhäutige Menschen werden abgewiesen, weil sie keine Clubkarte vorweisen können - Weiße kommen hinein, ohne je etwas von einer solchen Karte gehört zu haben. "Ich habe früher im Titanic HipHop aufgelegt", erzählt MC Daddy. Vor drei Jahren hat der Afrikaner diesen Job aufgegeben. Schließlich sei es nicht angenehm, in einem Lokal zu arbeiten, in das die eigenen Freunde keinen Zutritt haben. "Wir sind nicht rassistisch", sagt der Besitzer, "im Gegenteil, wir machen sogar aktive Integrationspolitik." Etwa die Hälfte der Gäste seien nämlich Ausländer. Aber man könne eben nicht ganz Wien "integrieren". Das Titanic ist kein Einzelfall. Im Discotempel "Fun Factory" im Prater haben Menschen ohne weiße Haut auch schlechte Karten. Zwei Mal hat die Organisation ZARA ("Zivilcourage & Antirassismusarbeit") die Disco getestet: Weiße Besucher wurden nicht nach einer Clubkarte gefragt, schwarze oder orientalisch aussehende Discogeher hingegen an der Tür abgewiesen. "Ich muss niemandem begründen, wen ich in mein Lokal lasse", glaubt der Fun-Factory-Geschäftsführer. Die insgesamt vier Testpersonen seien zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Mit Rassismus habe das nichts zu tun. Bei einem Besuch des Innenstadtlokals Coyote dürfen weder ein Perser noch ein Schwarzer eintreten. "Derzeit gibt es sehr viele Schwarze, die im ersten Bezirk Drogen verkaufen", rechtfertigt sich der Chef. Und der junge Perser hätte sich ohnehin nicht wohlgefühlt. "Unser Publikum ist nur zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt", sagt der Besitzer. Komisch: Der abgewiesene Iraner ist gerade einmal 26. In der Tanzbar Gerard im achten Bezirk wurde die schwarze Testperson zwar hineingelassen, aber nur mit dem Hinweis, dass er beim nächsten Mal eine Clubkarte brauche. Seltsam: Österreicher werden nicht nach einer Karte gefragt. Im Gespräch mit dem Falter erklärt der Türsteher seine Vorgangsweise: "Paare werden immer hineingelassen, aber wenn drei Schwarze ohne Frauen kommen, haben sie keine Chance." Rassistisch sei das aber nicht gemeint. Es gehe nur darum, ein "Nationalitätengleichgewicht" zu halten. Außerdem sei das Lokal ja kein Afro-, sondern ein Salsa-Club. "Wir haben gemeinsam einen Salsakurs besucht", ärgert sich Pia Berger, die seit August mit dem Brasilianer Sebastian verheiratet ist, "und jetzt kann ich mit meinem Ehemann nicht tanzen gehen." Denn Sebastian hat dunkle Haut, und gerade Clubs, die lateinamerikanische Musik spielen, haben eine besonders strenge Türpolitik. Der Havanna Club in der Innenstadt oder das Marias Roses im neunten Bezirk verlangen auch nur dann Clubkarten, wenn die Hautfarbe des Gastes dunkler als schweinchenrosa ist. Dass einige Wiener Clubs schwarze oder orientalisch aussehende Gäste nicht wollen, verwundert nicht. Als die Österreicher 1999 angesichts des rassistischen Wahlkampf der FPÖ in Wien gefragt wurden, ob der Ausdruck "Stopp der Überfremdung" zulässig sei, beantworteten 42 Prozent der Gesamtbevölkerung diese Frage mit Ja. Wenige Monate bevor die schwarz-blaue Regierung angelobt wurde, meinte mehr als die Hälfte der Bevölkerung in einer Umfrage, dass die Zunahme von Ausländern zu einem Anstieg der Kriminalität führe. Damals hatten auch 42 Prozent der Österreicher kein Problem, sich selbst als sehr oder zumindest ziemlich rassistisch einzustufen. Im EU-Durchschnitt liegt dieser Wert bei 33 Prozent. Rechtlichen Schutz vor Diskriminierung gibt es bislang nicht. Dabei wäre es sehr einfach, hier Abhilfe zu schaffen. Eine EU-Richtlinie, die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Abstammung, sexuellen Orientierung oder Ähnlichem verbietet, wurde bereits vor zwei Jahren verabschiedet - allein die österreichische Bundesregierung hat sie bis heute nicht umgesetzt. Nicht nur ein Großteil der EU-Staaten, sondern auch die Beitrittsländer Tschechien und die Slowakei haben längst Antidiskriminierungsrichtlinien in ihren Gesetzen verankert. In Österreich existiert lediglich eine in einem Paragraphendschungel versteckte Verordnung, die Geschäften und Lokalen untersagt, Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit nicht zu bedienen. Auch bei rassistischen Schmierereien müssen die Behörden nicht reagieren. "Um unser Haus herum steht fünf Mal ,Neger raus", erzählt Pia Berger, "da fühlt man sich irgendwie persönlich angegriffen." Während ZARA bei den Wiener Linien erreichen konnte, dass rassistische Graffitis in den Waggons und Stationen rasch übermalt werden, können Slogans wie "Tötet Neger" jahrelang Hausfassaden zieren, ohne dass jemand reagiert. "Einmal haben wir Melzer Kopie einen Brief geschickt, dass sich Klienten über den Slogan Neger raus! auf dem Schaukasten eines Copyshops beschwert haben", erzählt Eva Maria Bachinger von ZARA. Die Antwort des - vor kurzem in Konkurs gegangenen - Kopierfachgeschäfts: Der Melzer-Geschäftsführer fand den Brief der NGO eine "ziemlich freche Zumutung". Im Übrigen könnten diejenigen, die das rassistische Graffiti stört, die Beschmierungen gerne selbst abwaschen. Dass es auch anders geht, zeigt die Stadt Leicester in Großbritannien: Dort müssen gemeldete rassistische Schmierereien per Gesetz binnen zwölf Stunden entfernt werden. Das Wiener Chelsea, das vor einigen Monaten ebenfalls Ausländer an der Tür mit der Begründung abwies, dass Diebstähle im Gürtellokal so stark zunahmen und für diese Maßnahme heftige Kritik einstecken musste, hat nun ebenfalls eine vernünftige Lösung gefunden. "Wir haben sicher Fehler gemacht", gibt Rainer Krispel vom Chelsea zu. "Aber wenn wir nach dem Umbau Ende Jänner wieder aufsperren, gibt es eine Garderobe, in der unsere Gäste ihre Wertsachen abgeben können." Damit sei das Problem endgültig gelöst. "Irgendwann experimentiert man nicht mehr", resigniert der aus dem Iran stammende Ali Taghikhan, der als Jurist bei ZARA arbeitet. Und er schildert Strategien, wie die Schmach, als Einziger nicht in ein Lokal gelassen zu werden, umgangen wird: "Erstens gehe ich fast nur mehr in Restaurants, die ich kenne. Und wenn ich einmal mit Freunden einen neuen Club ausprobiere, dann treffen wir uns immer davor und nicht drinnen." Manchmal muss man nicht das Haus verlassen, um Diskriminierung am eigenen Leib zu spüren. Neben Beschimpfungen und tätlichen Angriffen gegen Ausländer auf der Straße, in Parks oder am Arbeitsplatz sind es oft verzweifelte Mieter, die bei ZARA Unterstützung suchen. Weil Nachbarn oder Hausbesitzer keine Ausländer wollen, machen sie ihnen das Leben zur Hölle. Sabine Pachinger hat kürzlich gemeinsam mit ihrem aus Kenia stammenden Freund eine Wohnung bezogen. "Eines Tages hat die Vermieterin angeklopft und hat gesagt, sie will keine Schwarzen im Haus", erzählt die Studentin. "Auch meine Mutter hat die Verwalterin angerufen und versucht, sie zu überzeugen, dass ich mich von meinem Freund trennen soll", sagt Pachinger. Sogar ihren Müll habe die Vermieterin bereits auf Drogenspuren durchsucht. Das Paar sucht nun eine neue Wohnung. "Man wird irgendwie paranoid", meint Pia Berger. Wenn sie mit ihrem Mann auf der Straße unterwegs ist, zeigen die Passanten ganz ungeniert, was sie von dieser Beziehung halten. "Entweder es zeigt mir ein Typ den Vogel, es wird getuschelt, oder es sind böse Blicke." Und irgendwann fange man eben an, genau zu schauen, wer sonst noch an der Bushaltestelle wartet, oder sich zu überlegen, ob man wirklich dort spazieren gehen soll, wo viele Wiener unterwegs sind. Noch schlimmer ist es für sie, wenn ihr Mann am Abend alleine unterwegs ist. "Wenn Sebastian nach Kagran fährt, um einen Freund zu besuchen, mache ich mir wirklich Sorgen, dass ihm in der U-Bahn oder auf der Straße etwas passiert", sagt die Medizinstudentin. John Akele fährt gar nicht mehr in die Außenbezirke. Der Asylwerber als Nigeria bewegt sich nur noch zwischen seiner Unterkunft, dem Fußballplatz und dem Büro einer NGO, in dem er ehrenamtlich arbeitet. Und da möglichst mit dem Bus und der Straßenbahn, auch wenn das viel länger dauert, als sich einfach in die U-Bahn zu setzen. Gerade in der U-Bahn gäbe es die meisten Probleme. "Einmal stellte sich ein Unbekannter vor mich und sagte: Schwarzer Mann, wir wollen dich nicht. Geh nach Hause! Keiner der übrigen Fahrgäste hat auch nur mit der Wimper gezuckt." Auch sonst haben die Österreicher nichts dagegen, unter sich zu bleiben. Jobanzeigen mit einem "Nur Inländer"-Zusatz sind genauso üblich wie Wohnungen, die "nur an Österreicher" vermietet werden. "Wir haben einmal einen Inder gehabt. Da hat das ganze Haus nach der Kocherei gestunken", rechtfertigt eine Vermieterin ihr Inserat. Bei Jobinseraten sind der Kreativität noch weniger Grenzen gesetzt: Als der Falter nachfragt, weshalb eine Barbesitzerin nur inländische Barfrauen sucht, sagt diese ganz unverblümt: "Wenn ich gute Deutschkenntnisse erforderlich schreib‚ kostet das ja viel mehr!" Während die Taxiunternehmen 60 10 60 und 40 100 den Wunsch nach einem Inländertaxi verweigerten, war es beim Taxifunk 31 300 auf Anhieb möglich, ein solches zu bekommen. "Die Kunden sind das so gewöhnt", rechtfertigt sich der Geschäftsführer. Geliefert werde aber trotzdem kein Inländertaxi, sondern ein Fahrer, der gut Deutsch spricht. Bis Juli 2003 ist Österreich als Mitglied der EU verpflichtet, ein Gesetz zu beschließen, das Menschen vor Benachteiligung aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe, ihrem Geschlecht, einer Nation, Religion oder Minderheit schützt. Ein entsprechender Entwurf des Boltzmann-Instituts für Menschenrechte schlummert in den Schubladen des Justizministeriums. "Ein Antidiskriminierungsgesetz kann nur ein Symbol sein", sagt Xiane Kangela von ZARA, "wirklich ändern wird sich erst dann etwas, wenn jeder Einzelne bei rassistischen Vorfällen protestiert" Auch im afrikanischen Club Okapi im 16. Bezirk sind die Gäste dieser Meinung: "Es ist schon schlimm, wenn man nur wegen seiner Hautfarbe von drei Lokalen abgewiesen wird", erzählt ein Besucher, "aber noch schlimmer war es, als ich einmal mit österreichischen Freunden unterwegs war und als Einziger nicht in einen Club gelassen wurde." Denn anstatt zu protestieren, sagten seine Freunde lediglich: "Sehen wir uns später?" und gingen ohne ihn tanzen. RASSISTISCHE TÜRPOLITIK "Wir müssen draußen bleiben" Diese Woche legt ZARA die Ergebnisse eines Rassismustests in Wiener Lokalen vor: Stichprobenartig besuchten die ZARA-Mitarbeiter mit Testpersonen verschiedene Lokale, über die ZARA bereits Beschwerden vorlagen. In keinem der überprüften Clubs und Kaffeehäuser hatte eine weiße Testperson Probleme, Schwarze und Araber hingegen schon. Tendenziell wurden die schwarzen und arabischen Testpersonen geduzt, während die weiße Testperson gesiezt wurde. Die Ergebnisse im Detail: Havanna Club (1., Mahlerstr. 11): Verlangen von Schwarzen und Arabern Clubkarten, die weiße Testperson kann ohne Clubkarte hinein. Marias Roses (1., Biberstr. 8): Ein schwarzer Besucher und eine schwarze Besucherin durften ebenso wie ein Weißer ohne Clubkarte ins Lokal. Der arabischen Testperson wird der Zutritt verweigert, weil er keine Clubkarte vorweisen kann. Titanic (6., Theobaldg. 11): Verlangen von Schwarzen und Arabern Clubkarten, von weißen Besuchern nicht. Nachtschicht (22., Wagramer Str. 81): Ausweiskontrolle bei schwarzer und arabischer Testperson, bei weißen Besuchern hingegen nicht. Café 100 % (17., Hernalser Hauptstr. 135): Schwarzen wird der Zutritt prinzipiell verweigert. ZARA erstattet nun bereits die dritte Anzeige gegen den Cafébesitzer. Fun Factory (2., Südportalstraße, Messehalle 1): Verlangten von Schwarzen und Arabern Clubkarten, von weißen Besuchern nicht. Coyote (1., Salzgries 4): Der schwarzen und der arabisch aussehenden Testperson wird der Zutritt mit der Begründung verweigert, sie seien keine Stammgäste. Die weißen Testpersonen können ungehindert hinein. Informationen: www.zara.or.at |
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