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Leben für das Hobby
MUSIK  Während die globale Popindustrie in der Krise steckt, zeigt sich die österreichische Alternativszene derzeit höchst vital. Neu gegründete Indie-Labels wie Karate Joe veröffentlichen ausgezeichnete Nischenprodukte, während Klein Records mit I-Wolf und den Sofa Surfers international punktet. Eine Bestandsaufnahme. GERHARD STÖGER

INDEPENDENT LABELS: Klein, Köhlermann, Karate Joe & Co

Falter 29   Originaltext aus Falter 29/03 vom 16.07.2003

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Eine Platte, die zwischen allen Orten lebt. Musikalisch wie inhaltlich. Im besten Sinne", jubelte Markus Hablizel in der April-Ausgabe des renommierten deutschen Musikmagazins Spex. Ausgelöst wurde diese Euphorie durch das beim Wiener Independent-Label Klein Records veröffentlichte Album "Soul Strata" von I-Wolf alias Wolfgang Schlögl, den man auch als Mitglied der Sofa Surfers kennt. Erstmals in der mehr als zwanzigjährigen Geschichte des Blattes galt eine österreichische Veröffentlichung als wichtigste Platte des Monats.
"Natürlich hat mich das extrem gefreut", meint Christian Candid, der Klein seit 1996 betreibt. "Als Labelmacher hält man ja all seine Produkte für interessant, und da ist so etwas eine ganz besondere Anerkennung und Bestätigung." Einst mit sehr bescheidenen finanziellen Mitteln und ohne jegliche Förderung gegründet, agiert Klein heute über alternative Vertriebs- und Promotionnetzwerke praktisch weltweit. Am Beginn der ungewöhnlichen Erfolgsgeschichte stand eine Überlegung, die wohl von allen Labelbetreibern des Independent-Sektors geteilt wird: "Ich wollte eine Plattform für Acts gründen, die anderswo nicht so leicht unterkommen und die mich selbst aus den Schuhen heben", erinnert sich der auch als DJ bekannte Candid.
Die Sofa Surfers sind seit 1996 Teil des Klein-Universums. Auf der Basis von Freundschaft sowie einem gemeinsamen künstlerischen und businessstrategischen Verständnis verfolgte man miteinander eine Politik der kleinen Schritte. Auftritte und DJ-Sets in Ausland führten ebenso zu Kontakten wie Beiträge in internationalen Medien oder die seit geraumer Zeit ohnehin unerlässliche Labelhomepage.
Das langsame, aber nachhaltige Wachstum machte Klein zu einer international geschätzten und vor allem auch - in den Clubs, Plattengeschäften und Medien - präsenten Adresse für zeitgenössische Popmusik abseits fixer Genrezuschreibungen. Die Sofa Surfers - nach wie vor der bekannteste und erfolgreichste Act des Labels - blicken inzwischen auf rund hunderttausend verkaufte Alben weltweit zurück. Seine ersten Veröffentlichungen hat Candid, der heute in einem modern eingerichteten und vor allem auch als Studio tauglichen Büro in der Siebensterngasse residiert, vor sieben Jahren noch selbst in die Independent-Plattenläden dieser Stadt getragen. "Auf Kommission", wie er sich lachend erinnert.
Soundästhetisch lassen sich die Veröffentlichungen von Klein nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Candid selbst betont, dass man einem freigeistig-anarchistischen Indie-Gedanken durchaus näher stehe als der bekömmlichen Wiener Kaffeehaus-Elektronik. "Die Belanglosigkeit gewisser Lounge- und Downtempo-Produktionen ödet mich an. Musik soll schon auch Energie vermitteln, und diese Energie kann durchaus subversiver Natur sein."
Im Unterschied zu den meisten Betreibern kleiner, unabhängiger Plattenlabels hat der Klein-Macher den entscheidenden Schritt über das gelebte Fantum hinaus geschafft. Während im Rest der Independent-Welt Idealismus und Selbstausbeutung vielfach eins sind, ist das Hobby hier wirklich zum Beruf geworden - für die heimische Poplandschaft eine echte Rarität. "Man lebt schon für das Hobby. Und selbst wenn daraus ein Business wurde, ist es weit mehr als das: Ich bin ja nach wie vor Musikfan, und das muss auch unbedingt bewahrt bleiben."

Ansatzweise findet sich die von Christian Candid propagierte und so produktiv umgesetzte Mischung aus Leidenschaft und Professionalität auch in der Arbeit von Wohnzimmer Records wieder. Das Wiener Label machte sich vor rund eineinhalb Jahren mitten in der von einbrechenden Tonträger-Verkaufszahlen und Netzpiraterie geprägten Krise der Musikindustrie daran, eine neue Veröffentlichungsplattform für österreichische Alternative-Pop-Acts zu organisieren. "Entgegen der branchenüblichen Meinung sind wir nicht der Ansicht, dass MP3s und die Krise der Tonträgerbranche in einem ursächlichen Zusammenhang stehen", erklärt Kerstin Breyer, die das Label gemeinsam mit Helmuth "Lelo" Brossmann (seit kurzem Exgitarrist der Popgruppe Heinz) gründete und sich den Lebensunterhalt bei der PR- und Eventorganisationsagentur Popaganda verdient. "Die Krise ist vielmehr hausgemacht: Majors denken zu kurzfristig und werfen gleichzeitig völlig unnötig Geld aus dem Fenster, etwa im administrativen Bereich." Als ehemalige Mitarbeiterin des Musikkonzerns BMG spricht Breyer aus Erfahrung.
Die Verkaufszahlen der drei - bisher eher soliden als wirklich überzeugenden - Wohnzimmer-Veröffentlichungen sind vorerst ernüchternd niedrig. Die kostendeckende Grenze von 400 verkauften Exemplaren wurde bisher jeweils um rund hundert Stück unterschritten. Und das, obwohl die Wohnzimmer-Acts einerseits auf FM4 zu hören sind und andererseits über die professionellen Kanäle der BMG vertrieben werden.
Noch eine Größenordnung darunter rangiert vorerst das vom Fernsehmacher ("Sendung ohne Namen"), Conferencier, DJ und Selbstdarsteller Sebastian Brauneis vor zwei Jahren ins Leben gerufene Label Masterplan Records. Der melancholische Gitarrenpop von Petsch Moser floppte als Debütveröffentlichung; trotzdem wagt Brauneis in den nächsten Wochen mit eigenwilligen Produktionen zwischen Elektronik und Pop einen Neustart. "Man braucht einen Masterplan, und man braucht Records. Und die Schönheit der Chance", begründet die umtriebige Szenefigur sein Engagement mit der ihm eigenen Emphase. Hält man sich die Geschichte von Klein vor Augen, so könnte in Zukunft durchaus mit Masterplan zu rechnen sein: Mit den entbehrlichen Schrummelpoppern Lieblinge der Nation setzte schließlich auch Christian Candid seine erste Veröffentlichung einst in den Sand.
Im Vergleich zu Wohnzimmer und Masterplan läuft das vom Elektronik-Produzenten Gerhard Potuznik und dem Humorzeichner Tex Rubinowitz seit Ende 1998 betriebene CD-Label Angelika Koehlermann ungleich erfolgreicher. Das während des allgemeinen Elektronik-Booms als Plattform für songorientierte und durchaus auch mit analogem Instrumentarium eingespielte Musik gegründete Label produziert Auflagen zwischen 500 und tausend Stück, die trotz minimalen Budgets weltweit vertrieben und grundsätzlich auch bei größerer Nachfrage nicht nachgepresst werden. Durch diese Exklusivität genießt das beinahe schon als Kunstprojekt anmutende Label Kultstatus. Wobei die Betreiber durchaus damit kokettieren, dass einzelne Veröffentlichungen wie Queen of Japan oder Electronicat zu Raritäten werden.
"Es geht nicht um möglichst große Verkaufszahlen, sondern darum, den Spirit am Leben zu erhalten. In diesem Sinne ist das Label eher als eine große Familie zu verstehen, in der es nicht vorzugsweise um Geld geht - und unsere Artists wissen das auch von vornherein", erklärt Potuznik den entspannten Grundgedanken. "Wir sahen unsere Mission ursprünglich darin, Sachen herauszubringen, die Leute zu Hause in ihren Schlafzimmern aufnehmen. Wir wollten die Magie dieser Homerecordings erhalten und genau so veröffentlichen." Die Einschätzung von Angelika Koehlermann als reines Freizeitvergnügen von und für Freaks weist Potuznik aber zurück: "Ich bringe mich zwar nicht um, wenn das so gesehen wird. Eigentlich möchte ich aber nicht als Witzlabel rüberkommen, denn dazu ist mir die Sache schon zu ernst. Es geht uns ja auch überhaupt nicht darum, möglichst unhörbare und abgedrehte Sachen herauszubringen."
Das eigene Fantum ist auch für Konstantin Drobil die Hauptmotivation. Sein Label Trost begann ursprünglich als reines Kassettenlabel, das von zwei Musikenthusiasten betrieben wurde und seine Produkte mit einem Bauchladen auf einschlägigen Konzerten verkaufte. Mittlerweile hat sich Trost zur ersten Adresse für alternative österreichische Gitarrenmusik gemausert. Veröffentlicht wird ausschließlich, was Drobil berührt und für seine Ohren eine gewisse Wildheit und Unkonventionalität besitzt - Bands wie etwa Bulbul und Valina. Die Auflagen betragen zumeist 1500 Stück, wobei - ebenso wie bei Klein - stets auch Vinyl produziert wird.
Leben kann von Trost allerdings niemand; das Label arbeitet gerade einmal kostendeckend. Aus der ökonomischen Notwendigkeit heraus baute Drobil daher einen Vertrieb auf, der schließlich auch zur Gründung des Plattenladens Substance in der Westbahnstraße führte. Damit hält der Labelbetreiber - zumindest national - die gesamte Infrastruktur für den Verkauf seiner Produkte selbst in der Hand; international bestehen Kooperationen mit unterschiedlichen Vertrieben.
Als langjähriger, genauer Beobachter des Independent-Geschehens zeigt sich Drobil von den gegenwärtigen Problemen der Musikindustrie - der Majorkonzern Universal konnte massive Umsatzeinbrüche zuletzt etwa nur durch den Boom der diversen
"Starmania"-Produkte abfangen - für sein Segment unbeeindruckt: "Wir veröffentlichen Musik von und für Musikliebhaber, und unsere Käuferinnen und Käufer wissen das auch zu schätzen. Ein schönes Cover gehört da ohnehin zum gesamten Musikgenuss, und wenn sich Fans die Musik auch aus dem Netz holen, habe ich kein Problem damit." Für den Independent-Bereich prognostiziert der Trost-Betreiber, dass national wie international ständig neuen Szenen entstehen und ihre eigenen Nischen definieren werden: "Gerade im elektronischen Bereich sind die Produktionskosten gering, da keine hohen Studiokosten mehr anfallen. Und so werden auch immer wieder neue Labels entstehen, die ihre Visionen selbst veröffentlichen wollen."

Ein derartiger Visionär ist Robert Pinzolits. Mit seinem Anfang letzten Jahres gegründeten Label Karate Joe Records veröffentlicht der im Umfeld der Cselley Mühle kulturell sozialisierte Burgenländer Musik heimischer Provenienz, die stilistisch meist an avantgardistischen Randbereichen des Populären angesiedelt ist. Die Radikalität, mit der sich Karate-Joe-Tonträger der Funktion von Pop als Unterhaltungsmusik entziehen, erinnert an das Wiener Elektronikextremistenlabel Mego, obwohl die Grundtendenz der aktuellen Karate-Joe-Produkte stilistisch eher in eine introvertierte, von filigraner Schönheit geprägte Richtung weist, wie man sie etwa aus der Post-Rock-Szene Chicagos kennt.
Ähnlich wie Mego agiert und reüssiert Karate Joe vorwiegend im Ausland. Während das Label hierzulande noch weitgehend ignoriert wird, erhält Pinzolits aus Kanada, Japan, den USA und diversen europäischen Ländern positives mediales Feedback; in Deutschland kooperiert Karate Joe mittlerweile mit Tobi Hach, der mit dem payola-Label einen wichtigen Beitrag zum besonderen Ruf der Weilheimer Musikszene leistet. "Meine Tätigkeit fürs Label sehe ich bisher ja fast als Sozialarbeit für Musiker", bemerkt Pinzolits, der in dem zwischen Krautrock und Analogelektronik beheimateten Trio Le Charmant Rouge auch selbst Musik macht. "Wenn der Markt auf alle scheißt, muss man trotzdem in dieser Scheiße umrühren", fügt er kämpferisch hinzu.
Im Gegensatz zu einem Label wie Klein wird Karate Joe übrigens nicht ausschließlich über private Mittel, sondern auch durch Zuwendungen der öffentlichen Hand finanziert. Der Kulturabteilung der burgenländischen Landesregierung würde aber jegliches Verständnis fehlen, so Pinzolits. "Die haben keinen Begriff davon, was ein Label ist, und sehen das als ‚Experimentierbühne’. Im Burgenland wird enorm viel Geld in Blasmusikervereine gesteckt, eine wirkliche Strukturförderung fehlt aber."
Derzeit riskiert das Label die Veröffentlichung von insgesamt gleich sechs neuen CDs innerhalb weniger Wochen, wobei Pinzolits vor allem auf die weltweite Nischenhörerschaft zielt, denen Karate Joe bald zum Begriff werden könnte. Wer aber ist nun Karate Joe? "Ein Haberer des Vaters eines Freundes", erzählt Pinzolits. "Man trifft ihn ab und zu in diversen Etablissements von Eisenstadt und Umgebung. Er war mal Karatelehrer, dann bei der burgenländischen Raiffeisen tätig. Danach ging er zum Heer und wurde Vizeleutnant. Jetzt hat er ein Puff in Siegendorf, einem Nebenort von Eisenstadt. Trash also." Und der Label-Karate-Joe? "Der schlägt sich als Einzelgänger so durch und muss auch mal aufs Goscherl fallen oder mehrere Runden drehen, um das zu bekommen, was er will. Einer, der auch einstecken muss, wenn er hinhaut. Also hart wirken, in Wahrheit aber gut und tragisch sein."

 

INDEPENDENT LABELS
Klein, Köhlermann, Karate Joe & Co


Mit Veröffentlichungen zwischen Alternative-Pop, Indie-Rock, Clubmusik und Heimhörer-Elektronik beweisen Independent-Labels wie Karate Joe, Klein und Trost, dass hierzulande auch jenseits der klassischen Wiener Elektronikszene eine vitale Popkultur existiert.

Angelika Koehlermann
Betreiber: Gerhard Potuznik, Tex Rubinowitz
Homepage: angelika.koehlermann.at
Stil: songorientierte Wohnzimmerproduktionen zwischen Elektronik, Avantgarde-Pop und Indie-Rock
Acts: Electronicat, Queen Of Japan, Sam & Valley, Wipeout, B.O.S., Boulder Dash u.a.

Karate Joe
Betreiber: Robert Pinzolits
Homepage: www.karate-joe.at
Stil: Post- und Neo-Krautrock, Electronica, Ambient, Pop-Avantgarde, Elektroakustik, Easy- und noch viel mehr Heavy-Listening
Acts: Le Charmant Rouge, Glim, Contour, Ground/Lift, The Beautiful Kantine Band u.a.

Klein
Betreiber: Christian Candid
Homepage: www.kleinrecords.com
Stil: zeitgemäßer, zumeist elektronisch generierter Pop für alle Lebenslagen zwischen Club und Café, Wohn- und Schlafzimmer
Acts: Sofa Surfers, Mika, The Bug, I-Wolf, Markus Kienzl, Uko, Mum u.a.

Masterplan
Betreiber: Sebastian Brauneis, Eve Romen
Homepage: www.masterplanrecords.com
Stil: Indie-Gitarren, Elektro-Pop und leicht verwackelte Clubmusik
Acts: Petsch Moser, Mistake Mistake, Erdgas, Electric BBQ

Pate
Betreiber: Mario Rossori
Homepage: www.paterecords.com
Stil: Punk, Indie-Gitarren, Pop-Elektronik, Gag-Reggae, Soul/Funk, Barjazz und mehr
Acts: 3 Feet Smaller, Curbs, Garish, Hot Pants Road Club, Houseverstand, iris t. & The Billy Rubin Trio u.a.

P.A.M. (Label & Vertrieb)
Betreiber: Thomas Heher
Homepage: www.pam-records.at
Stil: Austro-Britpop, Punk, Dance-Pop und verstolperter Indie-Rock
Acts: Bratbeats, Jellybeat, Lieblinge der Nation, 99 u.a.

Trost (Label & Vertrieb)
Betreiber: Konstantin Drobil
Homepage: www.trost.at
Stil: Alternative Gitarrenmusik zwischen Intimität, Intensität und Abstraktion
Acts: Bulbul, Valina, Holly May, Fetish 69, Pest u.a.

Wohnzimmer
Betreiber: Kerstin Breyer, Helmuth "Lelo" Brossmann, Peter Winkler
Homepage: www.wohnzimmer.com
Stil: College-Rock, Synthie-Pop und Indie-Eigenbrötlertum
Acts: Litterbox, Data Hero, Zuka

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Juli 2003 © FALTER
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