Zum Archiv
Last Minute to Kalksburg
ENTZUG  In Kalksburg, im Südwesten Wiens, befindet sich Europas größte Entzugsklinik. Für viele Alkohol- und Medikamentenabhängige, die zum Langzeitentzug herkommen, ist das Anton-Proksch-Institut der letzte Ausweg, für einige wohl auch Erholungsurlaub oder Exil. Gerade wurde ein neues Frauengebäude eröffnet. MARTINA LUNZER

Falter 34   Originaltext aus Falter 34/03 vom 20.08.2003

  Diese Ausgabe des Falter bestellen

  Informationen über ein Falter-Abonnement

Wann i rauskomm, trink i a Blondes auf di!" Der Mann, der morgen, zwei Wochen später als erhofft, entlassen wird, grinst die Patientin an, die mindestens noch einen Monat vor sich hat. "Na, eh ned, i trink a Pago."
Der Schmäh ist beliebt. Auch Robert, Besitzer des Café Kalksburg, gleich neben dem "Genesungsheim Kalksburg", hört ihn öfter. Eine kleine Theke, ein Spielautomat, ein paar schwarze Tische mit rosa Deckchen; Schüler holen sich am Heimweg ein Eis, ein junges Pärchen spielt Flipper, und immer wieder zieht es ein paar frisch Rehabilitierte von nebenan an die Theke, noch bevor sie einsteigen in den Bus nach Hause. Obwohl die Klinik etwa doppelt so viele Männer aufnehme wie Frauen, seien es gerade die Damen, die am häufigsten wieder an seinem Tresen landen würden, erzählt der Lokalbesitzer. Warum das so ist, kann er sich selbst nicht erklären. Vor der Türe läuft ein verstörter Mann mittleren Alters auf und ab. Die Flasche in seiner Hand streift beinahe den Asphalt. "Der ist auch von dort und läuft schon seit zehn Uhr vormittags", sagt Robert. Der Gast, der drei Minuten später die Bar betritt, kommt auch von nebenan. Es ist Mittwoch, Ausgangstag. Der Wirt selbst hat kein Problem, mit diesem Wissen Alkohol auszuschenken. Schließlich war er selbst schon nebenan einquartiert.
Das "Genesungsheim Kalksburg" ist die größte Entzugsklinik Europas. Die Einrichtung unter der Leitung des Anton-Proksch-Institutes (API) steht für Langzeitentzug, für Alkohol- und Medikamentenabhängige. Nach der Entgiftungsphase, die auch andernorts stattfinden kann, beginnt die Therapie. Kaum jemand verlässt die Klinik nach den erhofften acht Wochen, manchmal werden es drei bis vier Monate, open end. Die Anlage, im Südwesten Wiens, am Ende des Promenadenweges entlang der Liesing: Zwischen dem Männer- und dem Frauengebäude spielt man gemeinsam Minigolf, plaudert auf den Bänken im Park, rechts von den Tennisplätzen. Der Eingangsbereich war lange Zeit Baustelle. Vielleicht die einzige, in der man auf Mittagsbier verzichtet hat. Denn hier entstand keine Beautyfarm, sondern das neue Frauengebäude.
Vom elenden, alten Gasthof gegenüber dem Café Kalksburg, der ehemals als Unterbringungsort herzuhalten hatte, trennt das neue Frauengebäude nicht nur die beschauliche Parkanlage. In die Station hat die privat geführte Klinik 4,5 Millionen Euro investiert.

Sieben Uhr Medikamentenausgabe, wer im Schlafrock auftaucht, wird gemahnt. Acht Uhr Frühstück, wer sich verspätet, muss aufs Mittagessen warten. Acht Uhr dreißig findet jede zweite Woche die Besprechung zur Arbeitsaufteilung statt. Denn schon am Empfang sitzt keine uniformierte Schwester, dafür trifft man dort auf zwei junge Frauen mit schwerer Tätowierung und angenehm guter Laune. Die Patienten übernehmen Küchenarbeiten, Ambulanzhilfe und Einkäufe. "Notwendig ist, gerade für Alkoholkranke, nach der Abgabe jeglicher Eigenverantwortlichkeit wieder Struktur herzustellen", sagt Susanne Zadro-Jäger, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutin auf der Frauenabteilung. Dennoch versuche man nicht mit großer Härte zu agieren, um das gefährliche Gefühl von Willkür zu vermeiden. "Rhythmus, Wärme und Konstanz" sollen stattdessen erzeugt werden.
Anschließend finden die Therapien statt, die Teilnehmerlisten entnimmt man dem Aushang: Meditation, Essstörungsgruppe, Angst- und Panikgruppe, autogenes Training, Lösungstrance und Selbstbehauptungstraining, speziell für Frauen. Zusätzlich Bewegungstherapie und Kreatives Gestalten in den Werkstätten. Die Mutter-Kind-Einheit ist ein Versuchsprojekt, bei dem Frauen ihre Kinder mit in die Anstalt nehmen dürfen, um sie dort selbstverantwortlich zu betreuen. Ein in Österreich bisher unerprobtes Konzept, der Sandkasten und die Kinderstühle stehen schon bereit, mangelnde Präzedenzfälle bereiten noch Kopfzerbrechen. In kleinen Wohngemeinschaften sind die Jugendgruppen angelegt, Eintrittsalter süße Sechzehn.
Kalksburg ist eine offene Anstalt, wer hier herkommt, kommt freiwillig und lässt sich den Ausgang reglementieren. Die Spielregel lautet: In den ersten zehn Tagen herrscht Ausgangssperre, danach darf das Zentrum an Wochenenden und mittwochs verlassen werden.
Nach jedem langen Ausgang wird ins Röhrchen gepustet, wer im Therapieverlauf betrunken erwischt wird, erhält eine zehntägige Ausgangssperre. Wer zweimal säuft, fliegt. Wer dann noch von seinem ehrlichen Willen überzeugen kann, darf, später mal, wieder zurück an den Start.
Es heißt, ein Drittel aller Entlassenen wird rückfällig und dreht noch weitere Entzugsrunden. Manche bringen es auf zehn- bis vierzehnmal. Ein Drittel bleibt wirklich trocken, und das letzte Drittel wird in den nächsten zwei bis fünf Jahren sterben. Aber auch die rehabilitierten 33 Prozent bleiben ein stummer Wert, ein Bestfall, denn zu den meisten fehlt schlicht weiterer Kontakt. Alkoholsucht selbst ist nicht heilbar, man kann nur aufhören zu trinken. Ein Zettel an der Pinnwand zeigt, dass hinsichtlich der Teilnehmerzahl die Rückfallsgruppe führt.

Irgendwann ist jeder, mit dem wir saufen waren, drin gelandet." Für Robert vom Café Kalksburg selbst war es zum ersten Mal im Jahr 1979 so weit. "Der Entzug fängt erst an, wenn man die Klinik verlässt", weiß er. "Mit den Alltäglichkeiten muss man umgehen lernen." Früher war eine aufgrund eines Rückfalls abgebrochene Therapie aus eigener Tasche zu bezahlen. Darum hat er durchgehalten, zumindest so lange, bis sie vorbei war. Seit dem nicht mehr so ist, sei die Moral bei den Patienten gesunken. Den endgültigen Schlussstrich hat Robert, nach wiederholten misslungenen Versuchen, erst vor ein paar Jahren gezogen. Geholfen haben dabei nur Sport - und exzessives Ausgehen. Jeden Abend in eine andere Lokalität, monatelanges Training, immer nüchtern an der Bar. Seine Langzeittherapie scheint nun das Café Kalksburg und damit die wiederholte Konfrontation mit dem anonymsten aller Treffen.
Die Vorgeschichten ähneln sich, und Fremden gegenüber ist man offen. Kalksburg ist auch Psychotherapie, darüber zu sprechen wird gelernt, da tut neue Zuhörerschaft gut. "Das hilft", sagt auch Hanna*. Sie ist Mitte Dreißig, ihre Augen sind groß, das Gesicht etwas abgemagert. Es begann mit einer schwierigen Beziehung und ungewollter Schwangerschaft. Schon vorher hatte sie in einer Diskothek gearbeitet, und "um auch die Gäste zum Trinken zu animieren, trinkt man mit". Zunehmende Beziehungsprobleme, steigender Alkoholkonsum, steigende Abhängigkeit, Versuche, die Verantwortung für das Kind wieder voll zu übernehmen, Versuche aufzuhören, Mehrfachbelastungen und das zweite Kind von ihrem neuen Freund, der "immer wieder fremdgeht". Dann eine dreimonatige Entwöhnung im Frühjahr dieses Jahres, und ihr Wunsch, die Therapie am API zu beginnen. Der Antritt hätte schon im April erfolgen sollen, doch kurz zuvor verunglückt ihr Sohn bei einem Motorradunfall tödlich.
Der finale Streit mit dem Freund und der Satz: "Du kannst dir deinen toten Sohn in den Hintern schieben" kostet restliche Stabilität. Da ihr auch der Leichnam nicht mehr gezeigt wird, bricht sie Tage später vor dem Kreideumriss seines Körpers am Unfallort unter Einfluss von Beruhigungstabletten und Alkohol zusammen. Es folgt die stationäre Aufnahme in die Psychiatrie des Franz-Josef Spitals, wo sie trotz Psychopharmaka weitertrinkt, bis sie um die Überstellung nach Kalksburg bittet und vorgezogen aufgenommen wird. Die hübsche Frau wirkt schüchtern, fragil und zurückhaltend. "Hier komme ich nicht mehr vorbei", sagt sie, und es klingt überraschend resolut. Kurz darauf wird Hanna entlassen werden, ihr Rückfall nur Wochen später erfolgen.
Die Metiers sind vielfältig: Arbeiter und Hausfrauen, Akademiker, Künstler, Topmanager und Arbeits- und Obdachlose. Die Vielfalt ergibt sich, da die Therapiekosten der privat geführten Vorzeigeklinik auch von der Gebietskrankenkasse übernommen werden. Man trägt den legeren Jogger, versucht, ein bisschen allein zu sein, oder trifft sich im überfüllten Raucherkammerl zum Plaudern. So auch Silke*, eine Biologie-Studentin, alkoholkrank seit der dritten Klasse. Während ihre Freundinnen mit Mutters Schminkkasten patzten, mischte sie deren Rohypnol mit Martini. Hier sitzt sie auf der Bank in der Sonne und lernt für die nächste Prüfung. Die Terrasse entlang läuft die Schauspielerin, ein langes Tuch um grau melierte Haare geknotet, der Blick ernst und nach oben gerichtet. Silke hatte die elegante Frau nach ihrer Ankunft zuerst erkannt, eine halbe Stunde später sprach die ganze Klinik von der prominenten Patientin. Geheimnisse gibt es hier keine, und auch die intimen Geschichten werden zwischen Kaffeemaschine und Gruppentherapie hin und her getragen. Doch wo alles in sich geöffnet scheint, sind die Schalen nach draußen umso zäher. Über andere Patienten spricht man hier mit Menschen von außerhalb nicht, auch nicht unter Nennung falscher Namen. Die Loyalität ist groß, und Alkoholismus wird weiterhin anonym gehalten. So anonym, dass neugierigen Passanten gerne erzählt wird, die Anlage sei ein Erholungsheim.
Dass der API-Computer mit seinen Patientennamen nicht an den Computer des Krankenanstaltenverbundes angeschlossen ist und bei Überstellungen der Institutsname lieber verschwiegen wird, hängt damit zusammen, dass "selbst Kollegen Alkoholkranke oft noch wie Menschen zweiter Klasse behandeln", so die Therapeutin Zadro-Jaeger.
Mit Pauschalisierungen und Gerüchten hat sich die gesamte Klinik herumzuschlagen. Patienten und institutsferne Personen sprechen von so genannten "Säufertreffen", also organisierten Treffen ganzer Gruppen, mit dem Ziel eines gemeinsamen Urlaubs in Kalksburg, inklusive Tennis und Minigolf. "Der Ruf der Klinik ist dadurch nicht der Beste", sagt eine Krankenschwester und fasst damit die Meinung vieler Kollegen außerhalb des API zusammen. Gemunkelt wird über Alkoholiker, die nur deshalb die Therapie aufsuchen, weil ihnen andernfalls die Streichung der Notstandshilfe droht. Offizielle Stellen des AMS weisen derartige Zwangseinweisungen rigoros von sich. Solche Maßnahmen wären unmöglich, rechtlich könnte bestenfalls eine ärztliche Überprüfung der Arbeitsfähigkeit eingefordert werden. Tatsächlich lässt sich niemand finden, der das Gerücht bestätigte, Unwillige sitzen nicht auf der Wiese und machen Dosenstechen.

Die wahren Probleme fangen erst nachher an", sagt Wirt Robert, und seine Kritik klingt ernsthaft. "Neben zwei Besoffenen ein Mineral bestellen, dass muss man erst mal schaffen." Viele, die zu ihm ins Lokal kommen, können nicht mehr grüßen, sie ertragen die Wodkaflaschen im Kühlschrank nicht, halten den Blick zu Boden und zittern. "In Cafés wie meinem sollten sie ihre Therapien abhalten, nicht nur in den sterilen Räumen des Institutes", meint Robert. "Ich gehe nicht mal in das Café Kalksburg um mir Zigaretten zu kaufen", erzählt die Studentin Silke, die schon seit drei Monaten in Kalksburg stationiert ist. "Eher warte ich davor, bis die Trafik aufmacht."
In die Blumenkistchen der etwas heruntergekommenen Männerstation, wurden rote Begonien gepflanzt. Modriger Geruch hängt schwer in den Gängen. Der Ton wird rüder, Blicke werden härter, Bäuche größer und Tätowierungen bunter. Klischee oder nicht: Last Minute to Kalksburg, bedeutet Daueraufenthalt, Ferieninsel oder Exil. Aus dem Empfangsschalter am Ausgang ruft ein Stationierter einem gerade entlassenen Patienten fröhlich nach: "Ned vergessen, was einmal austrocknet ist, bleibt trocken!" Womit er meint: Beehren Sie uns nicht wieder.

*Name geändert, der Redaktion bekannt.

Infos zu Kalksburg: www.api.or.at

Zum Archiv

nach oben
August 2003 © FALTER
E-Mail: wienzeit@falter.at