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| "Totalitäre Verhältnisse" |
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GEFÄNGNIS Ein 14-jähriger Bub wird eingesperrt, weil er eine Flasche Champagner gestohlen hat. Dann wird er von Mithäftlingen brutal vergewaltigt. Der Fall bietet Einblick in die düster gewordene Welt des Wiener Jugendstrafrechts. FLORIAN KLENK |
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Für Michael Neider, den Sektionschef im Justizministerium, war es ein "wirklich grauenhaftes Verbrechen". Und Peter Prechtl, der progressive Leiter der Justizanstalt Josefstadt sagt: "In totalitären Verhältnissen, wie es Gefängnisse nun einmal sind, ist so etwas nicht zu verhindern. Dieser Fall macht mich betroffen, wir werden die Zusammenarbeit mit der Jugendgerichtshilfe verstärken." Anfang August wurde im "Grauen Haus" der Häftling Ion H. (Name geändert) im "Nassraum" seiner Zelle von drei Mithäftlingen brutal vergewaltigt. Zuvor musste er auf einem Bein in der Zelle stehen. Ein Verbrechen in staatlicher Obhut. Das Opfer war erst 14 Jahre alt. Die Täter nur ein bisschen älter. Die Tat geschah im nagelneuen Jugendtrakt des Grauen Hauses, den Justizminister Dieter Böhmdorfer anstelle des alten Jugendgerichtshofes für die Kids reserviert hatte, damit "Resozialisierungsmöglichkeiten wesentlich verbessert werden". Jugendexperten griffen sich damals an den Kopf. Das Gefängnis an der Zweierlinie platze schon ohne Jugendliche aus den Nähten, die Beamten seien schon jetzt überfordert, die Aggression unter Jugendlichen würde in so einer anonymen Anstalt zunehmen. "Unsinn", entgegnete Böhmdorfer seinen Kritikern, der Jugendstrafvollzug werde "endlich wieder menschenwürdig". Der Häftling Ion H. befindet sich derzeit beim Kinderpsychiater Max Friedrich in psychologischer Betreuung und das AKH hat bei ihm Verletzungen am Unterleib diagnostiziert. "Er ist kein Schwerverbrecher, sondern ein Kind", protestiert nun Monika Pinterits, Jugendanwältin der Stadt Wien, "und Kinder haben in diesem Haus eigentlich nichts verloren." Die Jugendexpertin, die engen Kontakt zu Beamten im Grauen Haus hält, will den Fall zum Anlass nehmen, um endlich die Haftbedingungen für Jugendliche zu verbessern. Bereits im April kam der Jugendtrakt in die Schlagzeilen. Damals wurde ein Jugendlicher in einer Absonderungszelle tagelang in Einzelhaft gesperrt. "Schwarze Pädagogik", nannten es Kinderpsychiater. Als Toilette diente lediglich ein Loch im Boden. Und jetzt das erste Verbrechen. "Ich will den Beamten keinen Vorwurf machen, sie bemühen sich, doch sie sind überfordert. Die Jugendlichen starren die meiste Zeit auf die Zellentür, es gibt keine Arbeit, Sportmöglichkeiten sind beschränkt", sagt Pinterits. Nur ein paar Stunden pro Woche dürften Jugendliche zur so genannten "Bewegung im Freien" in einen betonierten Spazierhof. "Man redet ständig über Haftbedingungen in Bananenrepubliken", sagt Pinterits, "dabei sind wir selber eine." Dazu käme ein Strafgesetzbuch, das es erlaube, Jugendliche "wegen Mickymaus-Geschichten" einzusperren. Der Fall des jungen Vergewaltigungsopfers scheint Pinterits in vielen Kritikpunkten Recht zu geben. Ion H. landete nicht deshalb im größten Gefängnis Österreichs, weil er ein gemeingefährlicher Verbrecher wäre. Er wurde in den Ferien von seinen Eltern nach Österreich zu Verwandten geschickt und hatte eine Flasche Champagner und eine Zahnbürste gestohlen. Schaden: rund 57 Euro. Doch anstatt ihm den außergerichtlichen Tatausgleich zu gewähren, sperrten die Jugendrichter den Burschen in U-Haft. Er stehe nämlich im Verdacht, "gewerbsmäßig" zu klauen. Nebeneffekt: Der Strafrahmen steigt bei so einer rechtlichen Würdigung für Jugendliche von drei Monaten auf fünf Jahre. Aus dem Justizministerium ist zu hören, dass das eigentlich untragbar sei. Doch politisch sei es schwer, in Zeiten wie diesen mit den Strafen für Ladendiebstähle herunterzufahren. Konsequenz: "Unsere Jugendabteilung ist gut ausgelastet", so Anstaltsleiter Prechtl. Allein in den letzten drei Jahren ist die Zahl der inhaftierten Jugendlichen um ein Drittel angewachsen. In vielen Fällen, so kritisiert Jugendanwältin Pinterits, würden die Kids völlig unnötig eingesperrt. So auch im Fall des vergewaltigten Zahnbürsteldiebs: "Man hätte den Burschen doch auch einfach zu seinen Eltern schicken können, oder?" Ein weiterer Grund für das Gedränge im Knast: Immer mehr verarmte Jugendliche aus Rumänien und Afrika leben in Wien auf der Straße, verchecken dort Drogen oder klauen im Supermarkt. Soziale Betreuung versagt. Gleiten die Kids dann in die Kriminalität, dann reagieren selbst Jugendrichter mit einer Portion Zynismus. Erst im Mai hatte das Oberlandesgericht Wien (Jugendsenat Hubert Brem) die Strafe für einen jugendlichen Afrikaner von vier auf fünf Monate hinaufgesetzt. Die Begründung: Der Jugendliche habe gedealt, anstatt "einer gesellschaftspolitisch jedenfalls erträglichen Schwarzarbeit nachzugehen oder zur Befriedigung seiner dringlichsten Bedürfnisse der Kleinkriminalität zu verfallen". |
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