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NOSTALGIE Am 19. Dezember findet der Weltuntergang statt: Die Schockrocker von Drahdiwaberl absolvieren wieder einmal einen ihrer legendären Höllentänze. Papa sudelt mit Blut und Kot, Mama goutiert im Hintergrund, Tochter Monika rennt barbusig über die Bühne. Porträt einer freundlichen Sippe. WOLFGANG PATERNO |
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| Heftig gedrahdiwaberlt hat es in Wien zuletzt am 27. Jänner, 19.30 Uhr: Ein Mann will mit zwei Faustfeuerwaffen, Colt Singel Action und Ruger, beide Kaliber 45, auf der Bühne des Rabenhofs Platzpatronen abfeuern, Rollenfach Karl May. Gegen das laute Gefuchtel schreiten zwei Beamte der Staatsmacht ein, sie nehmen dem Mann die beiden Schusswaffen ab. Einige Tage später erhält der Mann Post von der "Bundespolizeidirektion Wien - Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung", Aktenzahl I - 202/15-POS/03, Anzeige wegen unbefugten Führens von genehmigungspflichtigen Schusswaffen. Der Mann kann in dem Schriftstück über sich selber lesen: "Mag. Prof. Weber, Stefan, Zeichen- und Werklehrer im Bundesrealgymnasium Waltergasse, Frühpensionist, 08.11.1946 Wien geboren, österr. Staatsbürger, verheiratet, Wien 5., Ramperstorffergasse 19, behördlich gem.", habe nicht nur mit Schießgerät hantiert, er sei auch unter dem "Einfluss unbekannter Noxen" (sic!) gestanden. Der Mann will daraufhin dem Vorwurf der toxischen Beeinflussung entgegentreten, angesoffen war er, jawohl!, keineswegs. Er schreibt der Behörde: "Eventuell könnte ich mir vorstellen, dass aufgrund meiner Parkinsonkrankheit, an der ich seit vier Jahren leide, ein Laie auf Alkoholismus kommen könnte. (...) Ich war jedenfalls stocknüchtern, und alle im Theater arbeitenden Personen können dies sehr wohl bestätigen." Der jüngste Fall des Mag. Prof. Weber, Stefan ist mittlerweile längst ad acta gelegt, das Geschehnis reiht sich aber nahtlos ein in die Geschichte von Webers Lebenswerk. "Drahdiwaberl" heißt dieses Unikum, 1968 gegründet, legendär wie nur. Stichworte dazu: Tabubruch, Politaktionismus, Spießerschockieren, krawallige Provokation; Holterdipolter und Dschingdarassabumm auf der Bühne; Kot und Sperma und Blut und Fleischfetzen; das Musizieren - ein Geraune im Nebel, auf der nach unten offenen Skala geschmacklicher Verwirrung ist Drahdiwaberl seit nunmehr über drei Jahrzehnten Titelanwärter. Bis zu vierzig Personen auf der Bühne, Musiker und Akteure, die einen gleichermaßen herrlichen wie trüben Murks hinlegen. Nadja säuft zwei Krügel und uriniert auf die Bühne, ein Mönch geht in Flammen auf, Sauköpfe, nicht immer frisch aus der Fleischerei, bekommen Hauptrollen. Der Körpersäftepegel steigt bis zum Anschlag, Kopulation und Masturbation als tragende Showelemente. Anekdoten, tausendfach erzählt: Weber, seiner Zeit wie immer ein bisschen voraus, erfährt 1987 von der Methode "Stagediving". Das Publikum ist noch nicht so weit, springt erschrocken zur Seite, als ein entschlossener Weber auf die Menschenmenge zuspringt. Konzertunterbrechung und Blessuren. Weber zertrümmert Mobiliar, beflegelt sich mit TV-Moderatoren, ein selbst ernannter "Pornojäger" heftet sich auf seine Fährte, Weber wird bei so viel Gaga nur immer mehr inspiriert. In Linz - es galt, einen Sadomasochisten mit Ledermaske und Schaum vor dem Mund darzustellen - kann Weber ob zu viel Rasierschaums nicht mehr singen. Schnelle Flucht hinter die Kulissen, Mund ausspülen, die Band spielt ein ewig verzögertes Intro. Weber hechtet auf die Bühne, haut sich den Kopf wund, es strömt Blut. Weber intoniert "Sado Maso", er singt, also grölt, also röchelt: "Ich habe Lust am Schmerz." Auf der hohen Stirn leuchtet bis heute eine Narbe. Und schließlich, 1984 war das, und es wurde zum fixen Bestandteil der Vorweihnacht, geben Drahdiwaberl fast jedes Jahr im Dezember ihr letztes, jüngstes letztes Konzert. Kurz: Schreiben Zeitungen über Drahdiwaberl, kommt das Wort "Kult" vor, kommt der ehemalige Mitstreiter Falco vor, ist von legendären Nummern wie "Mulatschag", "Plöschberger", "Supersheriff" oder "Lonely", Webers einzigem Nummer-eins-Hit von 1982, die Rede. "Wie bei einem Drahdiwaberl-Konzert" ist zum Synonym geworden für: dem Berserker in sich freien Lauf lassen. Für Endzeitstimmung. Für Watschentanz und Affentheater. Weber ist, auch das ist Legende, ein Mann der verschärften Gegensätze, sein eigener Planet: Auf der Bühne ein entrückter Querkopf, ein komplizierter, blutiger Witz, privatim könnte er vom Habitus her Mitarbeiter in einem Frisurensalon für Zwergpudel, alerter Angestellter einer Bankfiliale sein. Ein Mensch wie ein Unwetter, die Axt im Walde, daneben: ein Idol zum Anfassen, Zulärmen und Zuprosten, ein bis zur Pensionierung vor einigen Jahren pragmatisierter, im Großen und Ganzen kreuzbraver Beamter. Ein Mann, mit dem man gern Stunden verhockt, vom klassischen Drahdiwaberl-Parforceritt - von der Gewalt zum Kitsch und retour - ist dabei nichts in der Luft. Es wackelt, wenn Weber lacht, und das macht er oft, der schwarze Walrossschnurrbart. Weber, über der Hose des angejahrten Rockmonsters wölbt sich der Bauch, das Haupthaar längst spärlich, sagt mit erstaunlich dünner Stimme: "Augenweiderln und Ohrenschmäuserln sind bei Drahdiwaberl garantiert, seit Jahren proben und saufen und warten wir auf den großen Durchbruch." Es wackelt der schwarze Strich im Gesicht. Als Privatperson ist Weber eine sympathische Erscheinung von Weltrang, betritt er einen Raum, steigt die gefühlte Raumtemperatur. Stiernackig und lebenslang konsequent ist Weber nur in seiner Abneigung gegen alles Angepasste, gegen kommerziellen "Dreck und Schund", der in seinen Augen Scheiße ist - und Gold genannt wird. Richten tut er dabei nicht: Rainhard F., Wolfgang A., die gesamte Gilde der Austropper ist ihm ein Gräuel, Objekt der Persiflage. Weber ist aber mehr ein habitueller, denn geifernder Verächter: Eintagsfliegen soll man nicht unter das Seziermesser legen. Drahdiwaberl sei auch ohne Unterstützung, sei auch durch Totschweigen durch Funk und Fernsehen seit 35 Jahren Kult, die ephemeren Erscheinungen wird die Geschichte richten. "Dem Ratzer Karl habe ich einmal das Mikro entzweigebissen und ausgespuckt", freut sich Stefan Weber, richtig kindisch wird er da. Auf der Bühne: Chaos und Botschaften aus dem Sarg; daneben ist die Geschichte von Drahdiwaberl in einer Kammer ohne Licht in der Ramperstorffergasse in Margareten akkurat versammelt. Dort lagern die Bühnenkostüme, die Kettensägen und Riesendildos. Zigtausend Blätter und Zeitungsartikel über den Tross der Chaoten hat Weber im Lauf der Zeit gesammelt, jeder Winkel, jeder Meter der Wohnung bordet über von Nippes und Rarissima: ein 10-Minuten-Parkschein, auf dem "Stunde: 27" und "Minute: 74" steht, ein Foto von J.R. Ewing, ein "Schwanz-und-Möse-Frage-und-Antwort-Spiel", Grafiken und Gemälde von Webers Hand, eine Gummimaske, Modell "Osama bin Laden"; ein Plakat mit den drei räudigen Herren von Knorkator, hammerlaute Band aus Berlin. Bücherregale stehen über Winkel zur Wand, vor allem Literatur zum Wilden Westen, Weber ist schließlich und endlich "Supersheriff". Auseinander gerissen wäre es Ramsch, zusammengefügt entsteht ein Museum der Sentimentalität, ein permanenter Kindergeburtstag. Hermann und Daisy, die beiden Kanarienvögel, wohnen auch noch hier, die Käfigtür ist immer offen. Hermann und Daisy überzuckern das kuriose Wunderreich mit schwarz-weißen Tupfern. Es sind drei Nette, Stefan und Monika und Ilse. Ilse ist sechzig, früher einmal war sie Drahdiwaberl-Akteurin, seit dreißig Jahren sind die Webers verheiratet. In der Öffentlichkeit ist Ilse heute selten zu sehen, im Hintergrund ist die Dolmetscherin und Malerin die treibende Kraft. Stefan lässt das Gewerbe mit den Schweinigeleien, die bühnenmäßigen Schurkereien manchmal schleifen; Ilse erinnert ihn dann, dass er schließlich einen guten Ruf zu verlieren habe. Dass er wieder einmal, und sei es nur aus romantischen Gründen, eine Schneise der Verwüstung in das Heer der Spießer schlagen müsse, dass sein Name dann, trotz der mittlerweile museal anmutenden Drahdiwaberl-Veranstaltungen, vielleicht noch einmal mit Schaudern ausgesprochen werde. Ilse schaut darauf, dass die Geschichte nicht ins Trödeln gerät. Monika, 27, ist die einzige Tochter der Webers, Monika "Shockira" Weber heißt sie in PR-Aussendungen. Zum Beispiel für die aktuelle Ausstellung im Salon von Szenefigaro Erich Joham. Das Erwachsenwerden war selbstredend keine Revolte. Wie auch: Monika, Absolventin der Grafischen und Besitzerin eines Tattoo-Studios in der Wiedner Hauptstraße, hat schon früh auf der Bühne getobt - als Nonne wurde sie geschlachtet, als Krankenschwester trägt sie ihren entblößten Busen vor sich her, von Kettensägen wurde sie verfolgt. Ein Sorgenkind war sie nie, in der Schule keine Nachprüfung. ,Die Webers' wäre im Fernsehen eine nette Show, wir würden viel weniger fluchen, wären viel netter zueinander", sagt Monika. "Wir verwenden selten animalische Ausdrücke. Mich würde man sowohl als Domina sehen, aber auch wie ich in der Küche stehe und Schweinsbraten mache." Mindestens zwei Seelen wohnen in ihrer Brust, gute, widersprüchliche Tochter ihres Vaters. Ihre Bilder im Erotic-Comic-Stil, ihre Fetischobjekte aus Kunsthaut hat sie bereits einige Male ausgestellt: Teufelsweiber, verzückt in Ekstase, erigierte Nippel und aufblitzende Unterhöschen. Auf dem eigenen Rücken hat Monika "Il sole nel cuore", die Sonne im Herzen, mit großen Buchstaben eingeritzt. Auch Martha Butbul, 57, kann den Kontinent Weber nicht wirklich schlüssig erklären. Butbul machte in den Achtzigerjahren einige Zeit höchstpersönlich beim wilden Drahdiwaberl-Rausch mit. In verruchten Netzstrümpfen und sexy Korsett sang sie bisweilen "Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann". Mit schweren Eisenketten rasselte sie dazu den Rhythmus. Eine Ewigkeit ist das jetzt her, mit der gleichen Wiener Wirtinnenstimme wie damals, laut, ein wenig derb, sagt die heutige Jazz Gitti, längst angekommen im Mainstream: "Stefan ist vom Sternzeichen her ein Skorpion. Alles ist daher möglich. Ich weiß nur, dass er keiner Fliege je ein Bein ausgerissen hat, dass er einer der nettesten Menschen überhaupt ist." Nett, dieser Herr Weber. Vielleicht weiß Thomas Rabitsch, Musiker und Produzent, Rat. Der Fachmann für die Extreme muss es wissen: Rabitsch, 47, steht seit 1979 am Drahdiwaberl-Keyboard. Und er ist der musikalische Leiter der Freitagabend-Fernseh-Castingshow "Starmania". Rabitsch reißt aber nur die Hände auseinander, Weber ist nicht zu fassen. "Infernalisch", "herzensgut", "Mordsgaudi", "Riesenspaß", "vollkommener Auszuck", das sind die Wörter, die ihm zu Drahdiwaberls "Kapellmeister" einfallen. Einmal macht er einfach nur einen lang gezogenen Brüller aus geräucherter Kehle, untermalt so vielleicht eine prototypische Szene, die Weber, der Verweigerungskünstler, bei jedem Auftritt in die legendären Programmzettel für Band und Akteure schreibt: "Ein Wixender überquert die Bühne. Chaos. Ich, brüllend: So geht das nicht." Rabitsch habe seinen Kapellmeister übrigens "auf Knien angefleht", den Termin zu verschieben, am 19. Dezember steht Rabitsch nämlich unabkömmlich dem so genannten Starnachwuchs im Fernsehen zur Verfügung. Am Freitag, dem 19. Dezember findet also wieder einmal ein Drahdiwaberl-Konzert statt. Mit gleich zwei Versprechen: "Es ist kein Nachfolger auf weiter Flur, so langs keinen gibt, mach ich weiter", sagt Weber. Und: "Es wird ein Konzert, von dem Großväter eines Tages ihren Enkeln vorschwärmen werden. ,Ich war dabei', werden sie sagen, so wie bei Woodstock." Am 19. Dezember, 20 Uhr, wird gedrahdiwaberlt: Weber ist bereit, die Welt einzureißen. Und dabei auch in seine Welt zu verschwinden, wo immer die auch sein mag. Drahdiwaberl in Concert: "Weber for President", 19.12., Planet Music, 20., Adalbert-Stifter-Gasse 73; Tickets: Tel. 332 46 41-0, www.planet.at. Die Ausstellung von Monika Weber ist noch bis 22.1. geöffnet: Salon Er-Ich, 1., Griechengasse 7. |
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