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| Tanzen mit Kopf |
| MUSIK Während der Musikmainstream immer berechenbarer wird, hat sich die Dance-Rock-Szene zwischen den USA und Europa zum Aufstand formiert. Porträt einer auf ihren Höhepunkt zusteuernden Party, die vor politischen Inhalten nicht zurückschreckt. SEBASTIAN FASTHUBER |
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| Die Musikwelt ist Rudy Giuliani zu Dank verpflichtet. Ausgerechnet der Mann, der während seiner Amtszeit als Bürgermeister von New York dem Nachtleben der Stadt mit immer absurderen Auflagen für Clubs nach und nach den Garaus machte, hat dadurch ohne seine Absicht dazu beigetragen, dass Pop momentan eine neue kreative Blüte erlebt. Denn der wache New Yorker Underground, der sich wegen Giulianis Schikanen seiner kreativen Spielplätze beraubt sah, wanderte einfach in die Randbezirke der Stadt ab, die noch nicht im Visier von Immobilienspekulanten waren, und entlud dort seinen Frust über eine falsche Politik und eine mutlose Plattenindustrie in hochenergetischer Musik. Auf diese Weise entstand Ende der Neunzigerjahre im Dunstkreis der umtriebigen Produzenten und Labelbetreiber DFA (Tim Goldsworthy und James Murphy) sowie unter Rückgriff auf historische Vorbilder wie Post-Punk (siehe Kasten) jener Sound, der sich mit der Disco im Kopf und der Gitarre in der Hand die stillgelegten Tanzflächen zurückeroberte und unter Namen wie "Dance-Rock" oder "Punk-Funk" als zurzeit aufregendste Party im aktuellen Popgeschehen gilt. Und obwohl sie bereits gut und gerne seit fünf Jahren im Gange ist, scheint die Sause gerade erst richtig in Fahrt zu kommen. Demonstrieren doch superbe Neuerscheinungen der bislang vor allem unter ihrem DJ/Remixer-Namen 2ManyDJs bekannten Belgier Soulwax ("Any Minute Now") oder der radikalen Kölner Polit-Funker Von Spar ("Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative", siehe Falter 33/04), dass es sich hier längst um kein lokales Phänomen mehr handelt. Von der Ausnahmeerscheinung Franz Ferdinand (siehe Falter 21/04) ganz zu schweigen. Die US-Vertreter lassen sich derweil auch nicht lumpen: Gerade erst hat die Allstarband !!! (sprich: "Tschk-Tschk-Tschk") mit "Louden up Now" eines der funkigsten Alben aller Zeiten veröffentlicht, schon setzt das fern vom Schuss in Omaha residierende Kollektiv The Faint mit einer erfrischenden Elektro-Rock-Platte ("Wet from Birth") nach. Nicht zu vergessen die New Yorker Pioniere Radio 4, die der Bewegung mit ihrer Maxi "Dance to the Underground" (2001) einen griffigen Slogan schenkten und in einer toten Stadt Tanzen als Akt politischer Rebellion neu definierten. Als wir unsere ersten Zuschauer hatten", erinnert sich Radio-4-Sänger Anthony Roman im Falter-Interview an die Anfänge zurück, "machten wir bei den Konzerten eine aufregende Entdeckung: Die Leute tanzten zu unseren Songs und hörten gleichzeitig zu, was wir ihnen sagten." Damit ist in wenigen Worten umrissen, was diese Musik so unwiderstehlich macht: Sie verbindet die Kraft der Rockgitarre mit der Intensität einer durchschwitzten Clubnacht und vermittelt im Idealfall auch noch Inhalte. Radio 4 hatten damit ihren Stil gefunden und veröffentlichten kurz darauf mit "Gotham!" (2002) ein einflussreiches Album, auf dem sie zu treibenden Rhythmen ihr chaotisch-paranoides Bild einer Großstadt am Anfang des 21. Jahrhunderts zeichneten. Ohnehin schon mit einer starken Bedeutung aufgeladene Songs wie "Save Your City", die wohlgemerkt allesamt vor 9/11 entstanden waren, mussten angesichts einer durch die Terroranschläge von Grund auf veränderten Stadt im Nachhinein als quasiprophetisch empfunden werden. Ihr mit Spannung erwartetes drittes Album, das dieser Tage unter dem viel sagenden Titel "Stealing of A Nation" erscheint, bezieht sich noch einmal auf den mehr als fragwürdigen Ausgang der letzten US-Präsidentschaftswahl. Mit plumpem Bush-Bashing haben Radio 4 dennoch nichts am Hut, wie ihr Keyboarder Gerard Garone versichert: "Es ist ziemlich offensichtlich, was wir mit dem Titel meinen. Aber es ist nicht unser Stil, mit dem Finger auf Leute zu zeigen." Als die Band zwischenzeitlich durch Europa tourte, wurden sie nicht nur freundlich begrüßt: "Für viele Leute sind wir die einzigen Amerikaner, denen sie begegnen. Die lassen ihre Wut dann natürlich an uns aus, obwohl wir ähnlich wie sie denken. Manchmal möchte man sich schon fast dafür entschuldigen, Amerikaner zu sein, obwohl das natürlich auch Unsinn und keine Lösung ist." Radio 4 werden aber auch in Zukunft weiter durch Europa touren und sich für ihre Herkunft rechtfertigen müssen, denn Dance-Rock & Co sind in unseren Breiten, aber auch im traditionell popnarrischen Japan weit erfolgreicher als in der Heimat ihrer meisten Vertreter. Selbst für die im Gefolge ihres Dancefloor-Gitarrenhits "House of Jealous Lovers" im Rest der Welt gehypten The Rapture ("Echoes"), die zuletzt ein elektrisierendes Konzert auf DVD vorlegten, interessiert sich in den USA außerhalb New Yorks kein Mensch. Den Grund dafür sehen Radio 4 im "Death of American Radio": "Bands mit eigenen ästhetischen Ansätzen haben keine Chance mehr, im US-Radio gespielt zu werden", meint Garone. "Dort wird für Airplay viel Geld ausgegeben und es läuft nur mehr das, was bei den Major Labels allerhöchste Priorität genießt." Radio 4 sind trotz Major-Vertrags und eines nun merklich in Richtung größere Massentauglichkeit getrimmten Sounds immer noch nicht so weit. Den ambitionierten Landeiern von The Faint braucht man mit der Musikindustrie gar nicht erst zu kommen. "Fuck that noise", sagt das Kollektiv aus Omaha. "Unser Label sitzt gleich in der Nachbarschaft und wird von Freunden betrieben. Gewinne teilen wir fifty-fifty." Was die fünf Musiker in ihrer Warehouse-Wunderwelt namens The Orifice so austüfteln, könnte sich aber bald auch finanziell auszahlen. Auf "Wet from Birth" warten The Faint mit würzigem Dance-Rock auf, der düstere Stimmungen mit eingängigen Melodien konterkariert und mitunter auch spinnerte Versatzstücke wie Rondo-Veneziano-Streicher auffährt. Aber die Musik von The Faint entsteht auch unter gänzlich anderen Voraussetzungen als die der New Yorker Bands. Wo diese Beschneidungen ihrer kreativen (Frei-)Räume beklagen, muss man sich diese in Omaha überhaupt erst einmal schaffen: "Es gibt hier keine Clubs. Wir müssen uns unseren Spaß schon selbst machen. Wahrscheinlich ist das auch der Motor hinter der Band." Am alten Kontinent geht es derweil drunter und drüber. Während im US-Dance-Rock nach wie vor das Bandformat regiert, bringen hier Instrumentalisten, DJs und Schlafzimmerproduzenten die festgefahrenen musikalischen Vorstellungen zum Tanzen. Immer mehr Indie-Rockbands haben die Dancefloors für sich entdeckt, während vormals nüchterne Elektronikproduzenten auf einmal von Punk schwärmen. Das Beste beider Welten repräsentiert die elektrische Band Soulwax aus dem belgischen Gent. Ihre Masterminds, die Brüder Stephen und David Dewaele, stehen prototypisch für eine neue Generation von Musikern, die sich selbstverständlich zwischen den Polen Rockhalle und Dancefloor, Gitarre und Laptop, Bandauftritten und wild eklektischen DJ-Gigs sowie Remixes unter dem Namen 2ManyDJs (u.a. legte man Hand an Kylie Minogue an) bewegt. "Wir befinden uns in der luxuriösen Situation, nach Lust und Laune zwischen diesen beiden Steckenpferden wechseln zu können", lacht Stephen Dewaele. "Und nach Jahren mit 2ManyDJs war ich einfach heiß darauf, endlich wieder Gitarre spielen zu können." Entsprechend laut und hart klingt "Any Minute Now", das in liebevoller Kleinarbeit mit Starproduzent Flood (Depeche Mode, U2) ertüftelte dritte Soulwax-Opus. Gitarren, Bässe und viel Elektronik - die in der europäischen Dance-Rock-Variante eine weit größere Rolle spielt als in den USA - formieren sich darauf schichtweise zu einem massiven, beeindruckenden Wall of Sound mit vereinzelten leisen Zwischentönen, den die Dewaele-Brüder zwar explizit als Rock verstehen, der aufgrund seiner ansteckenden Energie aber auch jedem aufgeklärten Techno-DJ zur Ehre gereichen würde. Davon, dass in dieser Richtung noch einiges passieren wird, zeigt sich auch Rainer Klang überzeugt, der die Entwicklung von Wien aus aufmerksam verfolgt und mit dem "Private Dancer"-Klub im Roxy auch selbst eine Spielwiese für Elektro, Punk und Disco unterhält: "Viele Berührungsängste sind gefallen, es wird stilübergreifend gearbeitet und gedacht. Ich glaube, dass durch Kollaborationen von Elektronikern und Rockacts noch viele interessante Projekte entstehen werden." Auch hierzulande? Dass politisch Tanzen wieder angesagt ist, hätte die Szene mit Aktionen wie "Free:Republic" und der "Electronic Resistance"-CD an sich bereits bewiesen. Radio 4: Stealing Of A Nation (Labels/EMI) The Faint: Wet from Birth (Saddle Creek/Ixthuluh). Erscheint am 20.9. Soulwax: Any Minute Now (Pias/edel). !!!: Louden up Now (Warp/edel). Von Spar: Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative (LAge dOr/Hoanzl). The Rapture: Is Live and Well in New York City, DVD (Universal). |
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