| Zum Archiv |
| Die Mitte der Welt |
| JUBILÄUM Hier war der historische Waluliso zugange, hier wurde der Doppelpass erfunden, von hier aus ging es einst in die weite Welt: Seit 1904 ist Floridsdorf der 21. Wiener Gemeindebezirk. Erkundung eines Randbezirks, der sein hundertjähriges Jubiläum feiert. WOLFGANG PATERNO (Text) und KATHARINA GOSSOW (Fotos) FESTIVAL 21: Spezialität: Entdeckungsreisen |
|
| Die Reise durch Floridsdorf, Gemeindebezirk am Rand und zugleich Mitte der Welt, beginnt mit einer seltsamen Zahlenkombination. Den Weltmittelpunkt drücken geografische Koordinaten aus: 48º 15 59 N. 16º 24 04 E. An einer Stange mit montierten Metallschildern, die in sämtliche Himmelsrichtungen weisen, kann man diese Zahlen sehen. Und noch viel mehr Kilometerangaben und Ortschaften: Sydney 15.775 Kilometer. Kapstadt 8442 Kilometer. Kagran vier Kilometer. Franz Sveceny, von Männern mit roten Nasen Franzi gerufen, steht hinter der Budel seiner Branntweinerei. Schaut er aus dem Fenster, sieht er die bizarre Hinweistafel. Alkohol gibt es in der Likörstube in der Brünner Straße mit dem Namen The Bottle Shop ohne Ende, Luxusgetränke ebenso wie scharfes Zeug. Franzi! Franzi!, das dringt oft durch Rauchschwaden. Der Chef, die Ruhe und Freundlichkeit in Person Respektsperson und Kumpel zugleich, schenkt nach. Sveceny, Körper in Kastenform mit Kugelkopf obendrauf, nennt seine gemütliche Stube keck Mittelpunkt der Welt. Er muss es wissen, er kennt die Namen auf der von ihm eigenhändig aufgestellten Ortstafel aus eigener Anschauung. Hundert Reisen und mehr hat er bereits unternommen, sämtliche Kontinente besucht; jede Reise schlägt sich in jeweils einem selbst fabrizierten Buch mit Fotos und Texten nieder. Eine ganze Wand Bücher hat sich über die Jahre angesammelt, in der Likörstube ticken auf einer Weltkarte 13 Uhren und somit 13 Weltzeiten. Freunden im Ausland bringt er Floridsdorf so näher: Das ist die Hauptstadt von Wien. Sein Blick sagt: Was brauch ich eine Innenstadt, wenn ich Floridsdorf hab. Sein Motto ist von jeher: Nicht nur trinken und blödeln, auch ein bisschen was wissen. Hier ist also der Knotenpunkt. Svecenys Familie lebt hier seit 1837, 1865 wurde der Grundstein des Hauses gelegt, in dem Sveceny selbst seit 65 Jahren wohnt, ein Leben lang. Der historische Abt Floridus, der Namensgeber, wird bei den Svecenys rundweg als Familienmitglied behandelt. Über die Jahre hat sich Franz Sveceny ein überbordendes, überaus exaktes Wissen über den Bezirk angeeignet, in horrendem Tempo, stichwortartig, gibt er es preis: 25. September 1786 erste urkundliche Erwähnung von Floridsdorf, anno dazumal ein Ort von immenser Bedeutung, weil am Sammelpunkt der Reichsstraßen nach Prag, Brünn und Pressburg gelegen; 28. Dezember 1904: dreizehn ausgewählte Dörfer beziehungsweise Dorfteile werden im Verbund als 21. Bezirk dem Wiener Stadtgebiet angeschlossen (seit 1954 besteht Floridsdorf aus sieben Bezirksteilen); 1837: Inbetriebnahme der ersten Eisenbahnstrecke Österreichs, von Floridsdorf nach Deutsch-Wagram; Juni 1943: Bombardierung. Man soll net deppert sterben, sagt Sveceny. Der bekannteste Branntweiner des Bezirks erzählt so, wie ein Fotolaborant arbeitet: Das Bild von Floridsdorf gewinnt im Entwicklerbad allmählich an Kontur. Grundiert ist dieses Bild von Schwärmerei. Floridsdorf, das bedeute hervorragende Luft und exzeptionelle Lebensqualität, eine von den Bewohnern trutzig behauptete Welt für sich, in der es sich noch leben lasse. Die vom Grätzelpatriotismus bereinigte Gewöhnlichkeit Wien 21 schaut dagegen so aus: Flächenmäßig ist Floridsdorf mit rund 45 Quadratkilometern der zweitgrößte Bezirk nach der Donaustadt, einwohnermäßig liegt es, nach Favoriten und der Donaustadt, mit 135.000 Einwohnern auf Platz drei. An den Rändern hin zu Niederösterreich sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht, die Weite der Großstadt lockt anderswo. Mit Sensationen ist Floridsdorf nur bedingt gesegnet. Es ist, als ob ein Modelleisenbahnerverein am Werk ist: kleine Häuschen, cremefarben angepinselt, dazwischen Kirchtürme, dazu das Korsogefühl auf den ehemaligen Prachtboulevards Brünner und Prager Straße. Und das Hightech-Hochhaus Florido Plaza klingt auch interessanter, als es ist. Ein Bezirk der Vielfältigkeit, aber auch der Gegensätze: Schwerindustrie ist neben weitläufigen Grünflächen zu finden, Urbanität neben Provinzialität, Häuselbauer treffen auf Experimente wie die Großfeldsiedlung. Gleich um die Ecke vom Amtshaus am Spitz, dem Zentrum am Stadtrand, tun sich Wälder von diesen blauen Autobahnschildern auf, die nach Graz, zur Gürtelauffahrt oder nach Prag zeigen; Ortskern und Ortsumfahrung zugleich. Das Wien außerhalb des 21. Bezirks ist für echte Floridsdorfer noch immer Terra incognita, genauso wie sich der Rest von Wien eher selten in die Peripherie von Floridsdorf verirrt. Immerhin, dafür ist Floridsdorf bekannt: Arbeiterbezirk und Arbeiterstrandbad, Bisamberg und das wunderbare Gasthaus Birner, Donauinsel und Donauinselfest. Aber weltberühmt ist Floridsdorf schon auch, das weiß einer, der Details runterleiern kann. Termin im Bezirksamt, zweiter Stock, Zimmer 206. Cremefarbene Vorhänge, Teppich, der die Schritte dämpft. Blumen auf dem Schreibtisch. Eine prall gefüllte Unterschriftenmappe sendet Signale von Wichtigkeit in den Raum. Heinz Lehner, Jahrgang 1950, ist seit 1969 Mitglied der SPÖ und seit 1991 der Bezirksvorsteher. Er trägt eine Brille mit Titanbügeln, die er oft in den Mundwinkel steckt, sein Hemd schaut auch nach stundenlangen Amtshandlungen so aus, als ob er es gerade aus der Zellophanpackung genommen hätte. Ein Lachen mit entblößten Zahnreihen gehört zu seiner Berufsauffassung. Es gibt nach wie vor eine gewisse Scheu, auf die andere Donauseite zu fahren, führt der Bezirksvorsteher aus, wer Floridsdorf aber einmal kennen gelernt hat, der bleibt. Diejenigen, die Floridsdorf dann immer noch den Rücken kehren, könne man an einer Hand abzählen. Finger, die aufzählen, flankieren das Reden des Bezirksvorstehers, bei dem Kanaldeckeldiskussionen und Verkehrsumfahrungsfragen in der Kategorie eines Krimis rangieren. Lehner listet stolz einen Punkt nach dem nächsten auf. Er hat viele Höhepunkte unterzukriegen, aber nur zehn Finger: Die älteste Wienerin lebt mit ihren 108 Jahren sehr gut in Floridsdorf. Auf den Straßen des Bezirks war wienweit zum ersten Mal Radfahren gegen die Einbahn erlaubt. Der erste Linienbus der Stadt verkehrte ab 1907 von Floridsdorf nach Leopoldau. Der große Dichter Andreas Okopenko wohnt hier. Die Floridsdorfer Adolf Vogel und Anton Schall, Spieler des Wunderteams, haben das Doppelpassspiel erfunden. Der weltgrößte Windkanal ist in den Tiefen des Bezirks zu finden, das Stammhaus der Konditoreikette Aida ebenso. In Floridsdorf gibt es auch das größte islamische Zentrum, mit einem 32 Meter hohen Minarett. Und will die Firma Siemens ihren Standort in den nächsten Jahren nicht von 3500 auf 8000 Mitarbeiter aufstocken? Die Schwerindustrie hat sowieso eine große Geschichte in der Gegend: Pferdekutschen, Autos, Busse, Flugzeuge, Straßenbahnen wurden und werden teils immer noch hier gefertigt. Und ist das noch bis Mitte nächsten Jahres laufende Festival 21 (siehe: Spezialität: Entdeckungsreisen) nicht viel mehr als eine Jubelveranstaltung? Sondern eine fortlaufende Entdeckung des Bezirks? Und das für Floridsdorfer und Nichtfloridsdorfer? Der Bezirksvorsteher hat viel über seine kleine Welt geredet, über die große muss er nicht reden, die hat er ja sicher im Griff. In seine Amtszeit fällt der Beginn der Partnerschaften mit Städten in Ungarn und Japan. Davon zeugen Fotos in einer Glasvitrine: Lehner beim Einweihen der Angyalfödstraße und der Katsushikastraße, Lehner in der weiten Welt. Heinz Lehner, in superlativischer Denkweise wohl einer der freundlichsten Bezirksvorsteher der Stadt, trägt Floridsdorf auf den Fotos geografisch bis in die hintersten Winkel. Die Geschichte des Bezirks von Anbeginn der Welt erzählt der sehr vornehme Herr Ullmann. Von seinem winzigen Büro im Bezirksmuseum Floridsdorf biegt Walter Ullmann, 80, zweimal um die Ecke, schon steht er im Raum mit der Floridsdorfer Urgeschichte. Den Lernparcours Die Entstehung des Lebens hat er gleich vis-à-vis aufgebaut. Der Museumsdirektor spielt den Abgeklärten, obwohl ihm der Stolz anzusehen ist, mit dem er das Prachtstück präsentiert. Und das, wissen Sie, sagt Herr Ullmann, ist der älteste Siedlungsnachweis der Stadt. Leger lehnt er sich an die Glaskästen. Und gemeinsam hält man kurz Andacht vor der urzeitlichen Schale. Ullmann eilt durch das Bezirksmuseum und die Jahrtausende, und es ist zum Staunen. Seine Sätze fängt er oft mit Sie wissen und einem Fragezeichen am Ende an: Sie wissen, dass sich Floridsdorf in den vergangenen Jahrhunderten sehr verändert hat? Aus vielen kleinen Agrargemeinden ist langsam eine Industriegegend geworden. 41 Schornsteine hat man damals gezählt. In der Jetztzeit angekommen, stellt sich, angesichts einer uralten Schwarz-Weiß-Fotografie mit bärtigem Mann, erneut eine Wissen-Sie-Frage, auf die man natürlich keine Antwort weiß: Florian Berndl, 1856 bis 1934, war ein Floridsdorfer, ein früher Wasser-Luft-Licht-Sonne-Anhänger und Initiator des Gänsehäufels. Seit 16 Jahren leitet Ullmann das Museum, in Wien das größte seiner Art. Und auch, was das mit Tatendrang in Angriff genommene Veranstaltungsprogramm betrifft, das außergewöhnlichste. Während Ullmann etwa gerade im ersten Stock die Porträts bisheriger Bezirksvorsteher abschreitet, steht der derzeit amtierende Bezirkschef im Erdgeschoß und bezirzt mit guter Laune das Volk. Das Bezirksmuseum hat zu einem Wohltätigkeitsflohmarkt geladen. Ein Pflichttermin für Heinz Lehner. Es gibt auch einen sehr seltsamen Raum in dem Museum, der mit dem Bezirk nichts zu tun hat. Herr Ullmann hat hier Utensilien zur Landvermessung zusammengetragen, zum Beispiel ein monströses Luftbildauswertegerät Wild A8. Es hängt hier auch ein Foto an der Wand, unter das Frühstück in der Topographie, 1979 geschrieben steht, und das vier Landvermesser in weißen Kitteln bei ebendieser Tätigkeit zeigt. Auch eine moderne Satellitenaufnahme von Floridsdorf hängt an der Wand, geschossen aus 840 Kilometer Höhe, winzig klein sind die Häuser, die Donau ein Strich. Floridsdorf mit rundherum ein wenig Wien und Niederösterreich. Und einmal tatsächlich der Mittelpunkt der Welt. FESTIVAL 21 Spezialität: Entdeckungsreisen Ein ganzes Jahr lang haben sich Festivalmacher Wolfgang Schlag von Ö1 und die Dramaturgin Marie-Therese Rudolph Zeit genommen, um die hundertjährige Zugehörigkeit Floridsdorfs zu Wien mit ihrem Festival 21 gehörig abzufeiern. Seit vergangenem Mai schon veranstalten die beiden in loser Folge Konzerte, Ausstellungen und Feste, Lesungen, Sommerkino-Nächte und Klassik-Picknicks quer durch Wiens nördlichsten Bezirk. Und haben dabei natürlich jede Menge ungewöhnlicher, skurriler oder einfach nur gemütlicher und pittoresker Orte in Floridsdorf entdeckt, an die man - wenn überhaupt - nur selten kommt. Das charmant verfallene Heizhaus Stammersdorf zum Beispiel, oder die große Werkshalle der ÖBB, in der das Vienna Art Orchestra und das Klangforum Wien auftraten; den größten Wind- und Klimakanal der Welt, das Rail Tec Arsenal, in dem ein Alphornkonzert samt Strumböen und Regenschauer stattfand; oder die Likörstube The Bottle Shop, wo Robert Schindel und Roland Neuwirth aus ihren Werken vortrugen. Eine Spezialität des Festival 21 sind geführte Spaziergänge samt Rahmenprogramm zu einem bestimmten Thema. Im Sommer ist man etwa den Spuren Ludwig van Beethovens quer durch Wien bis hin zum einstigen Landschlösschen seiner Freundin Maria Gräfin Erdödy im heutigen Floridsdorf gefolgt. Jetzt im Winter wird die Programmdichte naturgemäß ein wenig zurückgefahren. Passend zur Adventszeit findet aber am Sonntag, 12. Dezember, unter dem Titel Muezzin, Rabbi und Messwein noch eine Rundreise zu Institutionen der verschiedenen Religionsgemeinschaften in Floridsdorf statt. Das Islamische Zentrum wird dabei ebenso besucht wie der seit langem stillgelegte Jüdische Friedhof, die Evangelische Pfarre und die Cyrill und Method-Kirche; vor Ort gibt’s dann nicht nur Hintergrundinfos und Diskussionen, sondern auch Livemusik und arabische Märchen. |
| Zum Archiv |
| nach oben November 2004 © FALTER E-Mail: wienzeit@falter.at |