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Hundekrieg am Schafberg

Schimpfen, beißen, prügeln: In Hernals eskaliert der seit Jahren laufende Kampf zwischen Hundebesitzern und Hundebesitzlosen. Mittlerweile bemüht man das Bezirksgericht.
 
Falter 13/2006 vom 29.3.2006
Ressort Stadtleben > Zwist
Autor Matthias G. Bernold

Infobox Anti-Hundekot-Initiative

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Jeden Morgen schlüpft Markus Tschanett in die Jogginghose und streift die blaue Funktionsjacke über. Zurrt die Bänder seiner Laufschuhe fest, aber nicht zu fest zusammen, kreist ein wenig mit den Armen, um dann spätestens um acht Uhr sein Haus in der Blaselgasse zu verlassen und über den Schafberg zu traben. Mit dabei hat der Doktor der Handelwissenschaften alles, was er zur sportlichen Betätigung braucht: Haustorschlüssel, Kleingeld, Taschentücher. Bis vor kurzem hatte er auch einen Pfefferspray mit. Jetzt nur mehr eine digitale Videokamera, die während der Lauftour ständig aufnimmt. „Ich muss mich schützen“, sagt er. Im April des letzten Jahres geriet er mit einem Hundebesitzer in eine Schlägerei. Und vor knapp zwei Wochen bissen ihn zwei Schäferhunde in die Ferse.
Bereits seit Jahren verläuft auf den sanften Höhen des Schafbergs die Frontlinie zwischen Hundehaltern und dem Rest der Welt. Das Grätzel, das nordwestseitig mit dem Wienerwald verwächst, bietet auf einer Vielzahl verkehrsberuhigter Wege rund um den Pötzleinsdorfer Schlosspark ideale Auslaufmöglichkeiten für die Bewohner der ansässigen Villen und Schrebergärten. Auch aus den umliegenden Bezirken kommen die Leute gerne her, um die frische Luft zu genießen. Focht man die Meinungsverschiedenheiten um Gebell, Leinenzwang, Beißkorbpflicht und die kleinen und großen Geschäfte der Tiere anfänglich nur mit Worten aus, wird seit einiger Zeit rabiater und mitunter auch handgreiflich gestritten.
Am 3. April 2005 muss es auf der Gstettn zwischen Schafbergbad, Pötzleinsdorfer Schlosspark und Tichyweg besonders heiß hergegangen sein. Markus Tschanett und ein gewisser Erhard Weiss samt dazugehörigem Jagdhund trafen hier so heftig aufeinander, dass die Behörden bis heute mit dem Fall zu tun haben. Weiss führt ebenso wie sein Widersacher einen Doktortitel und ist obendrein emeritierter Rechtsanwalt. Auch wenn die beiden Nachbarn die Ereignisse höchst unterschiedlich schildern, ist eines klar: Hier wurde nicht peripatetisch parliert, sondern zünftig zugelangt. Eine Holzlatte und eine Hundeleine kamen zum Einsatz. Irgendwann rollte dann Herr Weiss einen steinigen Abhang hinunter und Herr Tschanett hatte Blutergüsse im Gesicht. Seit Jahresanfang stehen die beiden wegen Körperverletzung vor dem Richter.
Der Prozess findet am Bezirksgericht Döbling statt, das seit 1991 in der Villa am „Hirschenbergl“ in der Obersteinergasse untergebracht ist. Im 19. Jahrhundert fungierte der schlossartige Bau als psychiatrische Anstalt. Bezirksrichter Kopecek, ein freundlicher und geduldiger Mann, meint nicht ohne sarkastischen Unterton: „Der einzige Unterschied zur Vergangenheit ist, dass die Leute früher stationär aufgenommen wurden und jetzt ambulant behandelt werden.“ Kopecek, der auch obige Rechtssache beamtshandelt, ist es gewohnt, in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele zu blicken. Nicht nur Probleme mit Hund, Haus und Familie fallen an, auch die Kronen Zeitung betreibt redaktionelle Konfliktbewältigung gerne in den Gerichtssälen der Villa. „Die Situation Hund gegen Jogger ist natürlich ein Problem“, weiß Kopecek, ein „Eklat, wie bei diesen beiden Herren“ sei allerdings die Ausnahme. Zehn- bis zwölfmal im Jahr würden üblicherweise in Döbling Hundekonflikte verhandelt, meist dann, wenn jemand durch einen Biss verletzt wird. Oft seien Kinder Ziele hündischer Attacken. Seltener erwischt es Jogger. Dann schützt aber auch keine Seitenblicke-Prominenz. So wurde Baumeistergattin Christina Lugner letzten Juni beim Laufen von einem Hund mit solcher Vehemenz in die Hand gebissen, dass mehrere Sehnen durchtrennt und mehrere Operationen notwendig wurden. Öfter als durch das Bezirksgericht werden Hundeattacken durch die Magistratischen Bezirksämter abgewickelt. Laut Gerda Schindler, der stellvertretenden Leiterin für Hernals, wurden im Vorjahr insgesamt 46 Verwaltungsstrafen ausgesprochen: „Heuer sind es bis jetzt zehn gewesen.“ Zumeist handle es sich um „folgenlose Bisse“, bei denen nach Anzeige durch die Polizei ein Verstoß gegen die Leinenpflicht geahndet wird.
Wiederholt gebissen wurden auch Herr Tschanett und dessen Tochter Salina. Seit November des Vorjahres zeichnet der Immobilienfachmann beim Laufen jede Gesetzesübertretung eines Hundehalters auf. Eines der wackeligen Bilddokumente zeigt zwei Schäferhunde, die zunächst am joggenden Tschanett vorbeilaufen, dann kehrt machen, um ihn sodann in die Ferse zu beißen. „Ich weiß bis heute nicht, wem die Hunde gehören“, sagt Tschanett, als er das Video vorführt. Von seinem Wohnzimmerfenster aus hat der Katzenfreund Ausblick auf einen Fußweg, den er selbst als „Hundstrümmerl-Weg“ bezeichnet. Nicht zu Unrecht: Denn wo der Pfad zu beiden Seiten von einem schmalen Wiesenstreifen gesäumt sein sollte, ist er in Wirklichkeit von einem schmalen Kotstreifen gesäumt. Dass Tschanett erklärt, einer der Ersten gewesen zu sein, die die Anti-Hundekot-Petition unterschrieben, überrascht nicht wirklich.

Anlaufstelle für verärgerte Bürger des Grätzels sind die nahen Wachzimmer Gersthofer Straße und Neuwaldegger Straße, die nach der jüngsten Polizeireform in Inspektionen umbenannt wurden. Hier kennt man sie alle, die Akteure im kleinbürgerlichen Krisenszenario, die im Volksmund abfällig Hundenarren, Lauffanatiker, hysterische Profimütter, Wehleidige und Querulanten heißen. Der Kommandant der Inspektion Gersthofer Straße, Ernst Knödlstorfer, will von einem „Krieg“ in seinem Zuständigkeitsbereich nichts wissen. „Wir haben im Schnitt zwei Anzeigen im Monat, die mit Hunden zu tun haben, und schreiben jede Woche vielleicht ein Organmandat.“ Im Wesentlichen gehe es um eine einzige Person, die immer wieder mit Hundebesitzern Schwierigkeiten hat.
„Das ist ein Psychopath“, schimpft Erhard Weiss nach einem Verhandlungstag im Februar und meint seinen lauf- und filmbegeisterten Widersacher. Der großgewachsene Exanwalt, der zum Gassigehen stets Knickerbocker und Loden trägt, ist Jäger: „Damit bin ich für die Falter-Leser natürlich der ideale Bösewicht.“ Im Prozess hat Weiss gerade eine Zeugin wegen falscher Zeugenaussage geklagt, weil sie seiner Ansicht nach den Sachverhalt auf der Gstettn beim Schafbergbad nicht authentisch geschildert hat. Die Frau wollte nämlich beobachtet haben, wie Weiss Tschanett schreiend und drohend hinterhergelaufen war. „Das ist eine gedungene Zeugin. Die ist doch vom Tschanett bezahlt worden. Eine Berufszeugin.“ In der Sache klein beizugeben und sich mittels außergerichtlichem Tatausgleich dem Risiko einer Vorstrafe zu entziehen, kommt für den Advokaten nicht infrage: „Ich weiß, dass ich im Recht bin.“

Laut Polizeikommandant Knödlstorfer ist das Gesetz eindeutig: Hunde müssen entweder einen Beißkorb tragen oder an der Leine sein. In Parkanlagen wie dem Türkenschanzpark, wo die Exekutive immer wieder Schwerpunktaktionen setzt, bestehe immer Leinenpflicht. Es sei verboten, die Straßen zu verunreinigen. Allerdings sei es nicht einfach, die Gewohnheiten der Leute zu ändern. Und die Hundebesitzer machten es einem auch nicht immer leicht. „Wenn wir sehen, dass jemand den Hund nicht angeleint hat, ermahnen wir ihn. Dann hängt er den Hund an. Sobald wir um die Ecke sind, lässt er den Hund wieder frei rennen.“ Es brauche – ist der Polizist überzeugt – „ein bisschen Toleranz auf beiden Seiten“. Und die Toleranz vermisst Knödlstorfer im Konflikt Tschanett-Weiss: „Das sind halt beide irrsinnig gescheite Herren. Die lassen sich nix sagen.“
„Wenn sich zwei Gruppen so unversöhnlich gegenüberstehen, hat das für beide unangenehme Folgen“, mahnte Richter Kopecek, der die Sache am liebsten einvernehmlich gelöst hätte. Der Prozess ist aufwendig, den Vorfall zu rekonstruieren mühsam. An zwei Verhandlungstagen wurden bereits ein Dutzend Zeugen einvernommen: Eine Anrainerin, Passanten, Amtsärzte sagten aus. Für die nächste Verhandlung im Mai wird auch der Polizist in den Zeugenstand treten, der den Vorfall protokollierte. Beide Parteien haben sich Anwälte genommen. In Tageszeitungen wurden Inserate geschalten, um weitere Zeugen zu finden.
Was für Außenstehende einen gewissen Unterhaltungswert haben mag, ist für die Beteiligten alles andere als komisch. „Für mich ist das eine ernste Sache“, sagt auch Richter Kopecek. Nachsatz: „Ich denk mir nur: Jessas, wie gibt’s das, dass sich zwei erwachsene Menschen so aufführen wie die kleinen Buben. Das darf doch nicht wahr sein.“
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