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Das Dorf der Wächter

Was geschieht mit dem nigerianischen Drogendealer, der in Österreich eine Freiheitsstrafe ausfasst? Er kommt nach Suben im Innviertel. Und wird dort geliebt.
 
Falter 27/2006 vom 5.7.2006
Ressort Politik > Strafvollzug
Autor Matthias G. Bernold

Infobox Neue Haftstudie

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Obi fehlt ein Schneidezahn, aber er ist gut drauf, lacht von einem Ohr zum anderen. Denn nächste Woche kommt er frei. Zusammen mit seinem Kumpel Balde will er unbedingt aufs Erinnerungsfoto. Zwei Finger zum Rappergruß weggestreckt – das ist cool, der andere Arm liegt über Baldes Schulter. „Im Falter dürfen Sie das Foto aber nicht drucken“, mahnt Major Gerd Katzelberger, der durch das Gefängnis führt, „weil die Gesichter zu erkennen sind.“ Er werde aber das Bild an die beiden weiterleiten. Obi und Balde stammen aus Ostafrika. Weil sie in Wien in großem Rahmen Handel mit Drogen trieben, wurden sie zu mehreren Jahren Haft verknackt. Jetzt fädeln sie für den VW-Konzern Drähte in Kontrollleuchten.
Wie Obi und Balde sind knapp 300 Gefangene in der Justizanstalt Suben, einem ehemaligen Stift, untergebracht, siebzig Prozent davon Ausländer. In den vergangenen Jahren spezialisierte sich das Gefängnis in der 1400-Einwohner-Gemeinde auf die Unterbringung von Kriminellen ohne österreichische Staatsbürgerschaft. Nigerianische Drogendealer, rumänische Einbrecher und Autoknacker aus den Republiken der untergegangenen Sowjetunion – sie alle landen im „Afrikadorf“, wie die Justizanstalt inoffiziell heißt. Zur Freude der Dorfbewohner übrigens: Denn Suben lebt gut von und mit seinen Gefangenen.
„Bei den Afrikanern ist alles easy und Lachen“, erklärt Major Katzelberger euphorisch, „alle wollen arbeiten. Sie sind offen und pflegeleicht. Mit den Russen ist es da schon schwerer. Die haben – vielleicht wegen ihrer Geschichte – ein Problem mit Obrigkeiten.“ Katzelberger ist stellvertretender Leiter der Anstalt und ein findiger Bursche. Schon sein Großvater hat hier gearbeitet. Katzelberger zieht Aufträge aus der Privatwirtschaft an Land. Für Unternehmen aus der näheren und weiteren Umgebung fertigen die Strafgefangenen in den Werkstätten Mausefallen aus Draht und Holz, polstern Möbel, nähen Lodenhosen für einen Salzburger Trachtenhersteller. Die Beschäftigung von Gefangenen und Zwangsarbeitern zur Herstellung von Trachtenkleidung hat in Österreich und Deutschland traurige Tradition. „Es sind einfache Arbeiten, die wir den Häftlingen geben.“ Denn Ausbildung hat keiner, der hierher kommt. „Die Afrikaner sind süß, wenn wir sie fragen, was sie für einen Beruf haben, dann sagen sie schon einmal: Elektriker, weil ihr Blick gerade auf die Lampe fällt.“ Fünfzig Euro bekommt jeder Häftling im Monat Grundlohn, um sich Zigaretten oder Süßigkeiten kaufen zu können. Wer arbeitet – für zwei von drei Gefangenen gibt es in Suben einen Job – verdient hundert Euro zusätzlich. „Die Arbeit ist gut“, lacht Jiri aus Prag. Er fertigt Kämme zum Beerenpflücken, 300 Stück in zwei Tagen: „Das ist besser als Herumsitzen und bringt Geld.“
Während Obi, Balde und Jiri ihre Arbeit für heute beendet haben und sich fürs Promenieren im Spazierhof fertig machen, ist außerhalb der fünf Meter hohen, stacheldrahtbewehrten Mauern Postkartenidyll angesagt. Die untergehende Sonne taucht das direkt am Wasser gelegene Stift in orangefarbenes Licht. Zwei Schwäne schwimmen friedlich nebeneinander her, und ein Pensionist mit schlechtem Fuß bastelt an seiner Jolle. Andere Bootseigner sitzen kotelettkauend unterm hölzernen Baldachin. Kurz vor acht lädt der Subener Gesangsverein in der Stiftskirche zum Sommerkonzert „Europa cantat“. Die Bürger spazieren im Festtagsgewand über den Hof der Anlage, zwischen dem Hauptgebäude der Justizanstalt und dem Freigängertrakt hindurch. Am nächsten Tag zur Fronleichnamsprozession werden die Frauen sogar ihre Goldhauben aufsetzen und die Männer in Tracht oder Feuerwehruniform erscheinen. „Wie ich ein kleiner Stöpsel war, haben die Gefangenen hinter einem Gitter an der Messe teilgenommen“, erzählt ein 55-jähriger Subener, der in Ermangelung eines Priesters Laiengottesdienste veranstaltet und für das Konzert das Pausenbuffet vorbereitet, „das ist jetzt nicht mehr der Fall.“ Man lebt nebeneinander, aber nicht miteinander.

Das war nicht immer so. Seit 150 Jahren werden in Suben Menschen festgehalten. Das Gebäude war zuerst „Weiberstrafanstalt“ unter Leitung der Schwestern vom Guten Hirten, 1866 kamen männliche Häftlinge. Die Nazis hielten 700 Personen hier fest, die Unterlagen über diese Zeit sind laut Katzelberger allerdings verschwunden. Bis 1975 war Suben ein sogenanntes Arbeitshaus mit gelockertem Strafvollzug. „Da haben die Gefangenen in der Landwirtschaft der umliegenden Bauern oder im Baugewerbe gearbeitet“, erzählt der ehemalige Volksschuldirektor Franz Stiegler, der sich im Garten des Dorfgasthofs Labmayer – direkt vis-à-vis vom Stiftseingang – ein Bierchen gönnt. Die Schule war früher direkt im Stift untergebracht, erzählt der Lehrer, dort, wo heute die Polizei ihr Wachzimmer hat. „Es ist vorgekommen, dass ein Häftling Holzscheite durchs Schulgebäude geschleppt hat oder über den Dachboden geschlurft ist. Das hat manchmal den Unterricht gestört. Angst hatte aber nie jemand“, weiß Stiegler.
Als in den 1960-Jahren das Wasserkraftwerk gebaut wurde, fiel ein Teil der Ortschaft in jenen Bereich, der geflutet werden sollte. Zum Unterschied von der „oberen Hofmark“, dem Ortsteil rund um das Stift, lag die „untere Hofmark“, die im Dorf nur „das Loch“ genannt wurde, einige Dutzende Meter tiefer. Vom Gastgarten aus kann man die ruhige Wasserfläche gut überblicken. Auf einer Bank sitzt Oberst Erich Zanzinger (Jg. 1917), ein Wehrmachtsveteran, der die Anstalt von 1955 bis zu seiner Pensionierung 1982 leitete, und erinnert sich: „Wir mussten damals 26 Häuser abreißen und auf der Anhöhe am anderen Ufer der geplanten Rückstauung wieder errichten.“ Maßgeblich beteiligt an den Bauarbeiten seien die Subener Gefangenen gewesen, berichtet Zanzinger, der eigentlich aus Temesvár stammt und wegen einer Augenverletzung immer eine dunkle Sonnenbrille trägt.
Auch wenn die Subener heute auf die Mithilfe der Stiftsbewohner verzichten müssen – die wirtschaftliche Bedeutung der Justizanstalt ist immens. Das Gefängnis ist der größte Arbeitgeber in der Gemeinde und einer der größten im Bezirk Schärding. Hundert Justizwachebeamte arbeiten hier. Kaum eine Familie, die nicht irgendwie mit der Anstalt verbandelt wäre. Nur im Speditionsgeschäft sind noch mehr Leute tätig. Als der ehemalige Justizminister Dieter Böhmdorfer das Gefängnis schließen wollte, liefen die Subener dagegen Sturm. „Die Justiz muss raus aus Stiften und Klöstern“, hatte Böhmdorfer damals proklamiert. Abgelegene und unmoderne Einrichtungen wie die am Inn mit wenig Arbeitsplätzen in der Umgebung und ohne Möglichkeiten einer urbanen Resozialisierung standen auf der Abschussliste. Bürgermeister Ernst Seitz, ÖVP-Politiker und Trompeter in der Dorfkapelle, wusste alle Parteien hinter sich, als er sich an Landeshauptmann Josef Pühringer wandte, um die Schließung zu verhindern: „Ausländerfeindlichkeit ist bei uns kein Thema.“ Die Österreicher draußen, die Ausländer drinnen und mit der ganzen Sache auch noch Geld verdienen: Dieses Multikultimodell gefällt auch der Subener FPÖ. Irgendwann war dann Böhmdorfer weg. Und mit ihm die Schließungspläne.

Besuch erhalten die Fremden wenig bis gar keinen. Der Weg von Nigeria oder Kasachstan ist weit. Auch der von Wien übrigens. Mit dem Zug nach Linz, dann umsteigen nach Schärding-Bahnhof. Bus nach Schärding-Tummelplatzwiese, von dort Bus nach Suben-Ortszentrum. Zumindest viereinhalb Stunden dauert das. „Entlegene Haftanstalten wie Suben sind bei österreichischen Gefangenen nicht besonders beliebt, da sie sich dort isoliert fühlen. Ausländer aber schickt die Verwaltung eher hierher, weil sie ohnedies kaum Besuch erhalten“, erklärt Soziologin Veronika Hofinger, die soeben eine Untersuchung zum Thema Ausländer in Haft abgeschlossen hat (siehe Kasten).
„Im täglichen Umgang freundlich und menschlich.“ So beschreibt Sozialarbeiter Ruppert Hinterlechner – er ist der einzige für fast 300 Häftlinge – das Verhältnis zwischen Wächtern und Bewachten. Weil die meisten keinen Ausgang bekommen – es gibt gerade einmal neun Freigänger –, beschränkt sich seine Tätigkeit zumeist auf die Erteilung von Rechtsauskünften. Hinterlechner hält Kurse aus Fremdenrecht, hin und wieder unterrichtet er Deutsch: „Gefangene ohne Staatsbürgerschaft beschäftigt natürlich die Frage, was nach der Haft mit ihnen geschieht.“ Achtzig Prozent, schätzt der gebürtige Pinzgauer, der im August wieder zurück nach Salzburg ziehen will, tauchten nach der Entlassung unter. „Nur wenige haben ein laufendes Asylverfahren oder können abgeschoben werden. Sie dürfen nicht legal arbeiten. Und schon für jemanden, der nicht Ausländer ist und nicht gerade aus dem Gefängnis kommt, ist es schwierig, einen Job zu finden.“ Auch Major Katzelberger sieht das Problem: „Bedingt Entlassene werden weiter betreut. Aber jeder, der eine Strafe bis zum Ende absitzt, kriegt einfach eine Fahrkarte, und das war’s.“ Die Justizpolitik hat einen Platz, um fremde Straftäter wegzusperren. Was mit denen geschehen soll, die ihre Haft abgesessen haben, hat sich keiner überlegt.
Zurück in der Redaktion in Wien. Eine knappe Woche nach der Suben-Reise klingelt das Telefon. Balde ist dran. „Ich bin draußen. Kannst du mir helfen? Was soll ich jetzt machen?“
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